Das Lebensende ist kein Tabu in der Palliativmedizin

Die Uni Bern hat mit Steffen Eychmüller den ersten Deutschschweizer Professor für Palliative Care.

Steffen Eychmüller wird der erste Professor für Palliativpflege an der Universität Bern.

Steffen Eychmüller wird der erste Professor für Palliativpflege an der Universität Bern.

(Bild: zvg)

Ärzte wollen heilen. Doch es gibt Momente, in denen klar wird, dass der Patient oder die Patientin wohl in Kürze sterben wird. Das heisst nicht, dass die Medizin nichts für den Kranken tun kann. Die Palliativmedizin macht es sich zur Aufgabe, auch einem unheilbar Kranken bis zum Schluss eine möglichst hohe Lebensqualität zu ermöglichen. Einen Lehrstuhl für Palliative Care gab es in der Schweiz bisher erst in Lausanne. Seit Montag verfügt auch die Universität Bern über einen Professor, der auf diesem Gebiet forscht und lehrt.

Steffen Eychmüller ist bereits seit 2012 leitender Arzt am Zentrum für Palliative Care des Inselpitals. Unirektor Martin Täuber freut sich, dass die Stelle intern besetzt werden konnte: «Mit ihm berufen wir einen national wie international sehr erfahrenen und vernetzten Experten.» Im Jahr 2008 hatten Bund und Kantone beschlossen, die Palliativmedizin zu fördern. Die Akademie der Wissenschaften schrieb eine mit drei Millionen Franken dotierte Professur aus. 2014 erhielt die Uni Bern den Zuschlag.

Schweiz mit Nachholbedarf

Auf den neuen Dozenten wartet viel ­Arbeit. Eychmüller attestiert der Schweizer Medizin, dass sie im Akutbereich führend sei. «Auf dem Gebiet der Palliativmedizin sehe ich aber noch viel Entwicklungspotenzial.» Eine Besonderheit dieses Lehrstuhls besteht darin, dass er grösstenteils durch die Helsana-Gruppe finanziert wird, also durch einen Krankenversicherer. Ist das nicht problematisch? Eychmüller verneint. Die Förderung der Palliativmedizin sei eine Win-win-Situation. «Studien zeigen, dass sich Palliative Care finanziell auch für Krankenkassen lohnt. Das sehe ich aber nicht als Nachteil an, solange das eingesparte Geld den Betroffenen für die Betreuung zu Hause oder im Pflegeheim wieder ­zukommt.»

Eychmüller spricht aus, was vielen Ärzten in anderen Gebieten oft Mühe bereitet: «In der Palliative Care geht es darum, das Lebensende vorzubereiten.» Behandlung und Pflege geschehe interprofessionell, also durch Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen und in engem Kontakt mit den Angehörigen. Im Vordergrund stehe das Bekämpfen von Schmerzen, Übelkeit, Angstzuständen oder anderen belastenden Symptomen, sodass auch ein schwerkranker Mensch in seinen letzten Tagen und Wochen eine möglichst gute Lebensqualität erhalte. Eine gute Vorausplanung und eine wiederholte Standortbestimmung seien weitere wichtige Themen. «Was vom Patienten als Lebensqualität wahrgenommen wird, verändert sich mit dem Krankheitsverlauf.» Es komme vor, dass ein Patient zuerst einen Rollstuhl als unerträgliche Einschränkung ablehne, sich aber dann recht gut mit ­diesem Hilfsmittel arrangiere.

Rasch sterben – oder leiden?

In den letzten Jahren haben Sterbehilfeorganisationen wie Exit oder Dignitas grossen Zulauf erhalten. Viele Menschen wollen selbstbestimmt sterben, auf keinen Fall lange leiden oder Familienangehörige belasten. Eychmüller sagt: «Es ist eine gesellschaftliche Frage, ob es zum Standard werden soll, dass man sein Leben beendet, sobald man findet, nichts mehr zur Gesellschaft beitragen zu können.» Das Problem der chronischen Krankheiten werde sich verschärfen: «Langfristig Kranke werden einen grossen Teil der Gesundheitskosten ausmachen.» Oftmals gibt es für Schwerkranke keinen geeigneten Behandlungsort: Ihre Unterbringung im Spital ist zu teuer, in Heimen fehlt es oft an geeignetem Personal. Eychmüller wünscht sich mobile Palliativ-Equipen, die in Heimen und beim Patienten zu Haus aktiv sind – und von den Kostenträgern gleich gut ­finanziert werden wie akut lebens­rettende Massnahmen.

DerBund.ch/Newsnet

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