Statt im Wald über der Autobahn bauen

Zwei Architekten haben eine Alternative zur Waldstadt entworfen – und schlagen vor, dass die Stadterweiterung auf dem Autobahndeckel statt im Wald stattfinden soll.

Der «Waldpark» verbindet die Siedlung auf der Autobahn mit der Bremgartenstrasse. (Skizze: zvg)

Der «Waldpark» verbindet die Siedlung auf der Autobahn mit der Bremgartenstrasse. (Skizze: zvg)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Bern braucht eine Stadterweiterung. Die Debatte darüber wird aber blockiert durch das Thema Waldstadt. Die Idee des Architekturbüros Bauart, ein Stück Wald in der hinteren Länggasse dem Wohnungsbau zu opfern, weckt Emotionen. Es gibt ein Pro- und ein Kontra-Komitee, und die SVP will noch in diesem Frühjahr eine Initiative zur Verhinderung der Waldstadt lancieren.

Zu den Skeptikern zählen auch Magdalena Rausser und Jürg Zulauf. Das Architekten-Duo stösst sich aber an der Polarisierung der Debatte. «Es kann doch nicht einfach darum gehen, sich für oder gegen die Waldstadt zu äussern», sagt Zulauf. Die Waldstadt müsse vielmehr als Chance verstanden werden, das Thema Stadterweiterung gesamtstädtisch zu analysieren. Allein der Blick aufs Länggassquartier mache zum Beispiel deutlich, «dass in der hinteren Länggasse ein Park fehlt», sagen die Architekten.

Waldpark statt Waldstadt

Die beiden haben eine Projektskizze entwickelt, die den Wald zwischen Bremgartenstrasse und Autobahn als «Waldpark» versteht, als einen Wald ohne Unterholz, wie er heute bereits rund um den Studerstein beim Park + Ride Neufeld existiert. Die zahlreichen Wege, die den Waldpark durchkreuzen, führen zu einer Überbauung mit 24 achtgeschossigen Gebäuden, die auf einer Überdachung der Autobahn zu stehen käme.

Rausser kam erstmals auf diese Idee, als sie realisierte, dass die Architekten der Waldstadt auf der Autobahnüberdachung einen Park vorgesehen haben. «Man kann doch nicht einfach den Wald abholzen und auf der Autobahn einen Park errichten», dachte sich Rausser. Da wäre es doch wesentlich sinnvoller, die Autobahn zu überbauen und den Wald zu belassen.

Stadt statt Autobahn

Die Architektin ist sich bewusst, dass die Idee unrealistisch wirkt. Trotzdem oder gerade deshalb vertiefte sie sich aber mehr und mehr in ihre Planskizze. Als Erstes wandte sie sich an einen befreundeten Ingenieur, der ihr vorrechnete, dass der vorgesehene Häuserbau statisch möglich wäre, wenn die Gebäude mit Pfeilern im Boden verankert würden. Der Fachmann begründete sein Engagement mit der Bemerkung: «Il faut faire des folies aujourd’hui pour éviter des bêtises et pour conserver la forêt – Man muss heute Verrücktes wagen, um Dummheiten zu verhindern und den Wald zu schützen.»

Die Konstruktion der Gebäude auf Pfeilern würde einen Durchgang von Haus zu Haus ermöglichen. Das Erdgeschoss könnte aber auch für Dienstleistungsangebote und Treffpunkte genutzt werden. Das Bauland auf dem Autobahndeckel erstreckt sich auf einer Länge von 900 und einer Breite von 36 Meter. In den 24 Gebäuden könnten etwa 600 Wohnungen mit einer Bruttogeschossfläche von gegen 70 000 Quadratmeter entstehen. Dies ergäbe Wohnraum für 1500 bis 1800 Menschen. Wohnungsbau auf der Autobahn sei eine Idee, mit der er sich seit längerem befasse, sagt Zulauf. So gebe es etwa in Berlin ein Quartier, das auf einer Autobahnüberdachung gebaut worden sei.

«Es geht um eine Stadterweiterung»

Über die Finanzierung des Autobahndeckels haben sich Rausser und Zulauf noch wenig Gedanken gemacht. Bei der Waldstadt sehen die Promotoren vor, den Deckel über den planerischen Mehrwert zu finanzieren, der bei einer Umzonung von Wald in Bauland entsteht. Bei der Idee von Rausser und Zulauf würde diese Möglichkeit entfallen, da der Wald ja als «Waldpark» belassen würde. Zulauf findet, dass Autobahnen grundsätzlich eine grosse, ungenutzte Baufläche darstellten. Und Rausser doppelt nach: «Wir möchten, dass diesbezüglich in neue Richtungen diskutiert wird.»

Die Waldstadt werde ihrem Namen nicht gerecht, sagt Zulauf. Von einem Wald könne bei dieser Bebauung keine Rede mehr sein. «Es geht um eine Stadterweiterung. Und darüber müsste man doch ernsthaft diskutieren», sagen die beiden Architekten.

Der Bund

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