Stadtrat verbannt Schiesskurse aus «Fäger»

Soll das Berner Jugendamt Schiesskurse vermitteln? Bei dieser Frage prallen Welten aufeinander. Die Linke sieht im spielerischen Gebrauch von Waffen den ersten Schritt zur Gewalt. Die Rechte wittert antiliberales Gedankengut.

Scharf schiessende Kinder: Ein umstrittenes Thema.

Scharf schiessende Kinder: Ein umstrittenes Thema.

(Bild: Esther Michel (Archiv))

Schüler zum Schiessen animieren, das passt nicht ins Weltbild von Stadtrat Luzius Theiler (GPB-DA). Zwei Kurse im «Fäger», der Zeitung des städtischen Jugendamts mit Ferienangeboten für Jugendliche, sind ihm deshalb ein Dorn im Auge: Die Stadtschützen Bern ermöglichen darin Schülerinnen und Schülern, erste Erfahrungen mit dem Luftgewehr beziehungsweise mit der Luftpistole zu sammeln.

Theiler hat in einem Postulat verlangt, dass im «Fäger» nicht mehr für die Kurse geworben werden dürfe. «Ziel ist es, Kinder und Jugendliche für den Schiesssport zu begeistern», sagte Theiler anlässlich der Stadtratsdebatte vom Donnerstag. Das sei problematisch. Auch Luftgewehre und -Pistolen seien keine ungefährlichen Waffen. Schliesslich bestehe die Gefahr, dass die Erkenntnisse aus den Kursen weiter ausprobiert würden, wenn die Neugier erst einmal geweckt sei. «Bis zu einem Missbrauch in einem unkontrollierten Affekt ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.»

Teuscher mag kein «Geböllere»

Die Mehrheit des Berner Stadtrats teilte Theilers Bedenken. Sie überwies das Postulat gegen den Willen des Gemeinderats mit 34 zu 29 Stimmen – bei 13 Enthaltungen. Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) tat sich allerdings schwer, die Position der Exekutive zu begründen. Schliesslich schaue sie sich nicht gerne Filme an, in denen viel «herumgeböllert» werde. Andererseits müsse man nach dem Sieg der Schweizer Biathletin Selina Gasparin an den Olympischen Spielen anerkennen, dass Schiessen eine Sportart sei. Deshalb könne man die Kurse im Fäger auch anbieten.

Die Bürgerlichen hatten wenig Verständnis für Theilers Anliegen. Allen voran die SVP witterte antiliberales Gedankengut. «Jetzt wollt ihr den Jungen vorschreiben, was sie in ihrer Freizeit machen sollen. Am Ende müssen sie noch vegetarisch leben», sagte etwa Alexander Feuz (SVP) zu der Ratslinken. Und Erich Hess (SVP) weiss aus eigener Erfahrung, wovon er spricht. Er habe schon als kleiner Bub mit dem Luftgewehr geschossen und als Achtjähriger gelernt, mit einem Kleinkaliber-Gewehr zu schiessen. «Ich glaube nicht, dass ich eine psychische Schädigung daraus gezogen habe», sagte er. Schliesslich sei Schiessen eine Sportart wie Fussball oder Eishockey.

Eine ähnliche Debatte ist vor ein paar Wochen in Zürich entbrannt. Wie die «SonntagsZeitung» berichtete, haben mehrere Kindergärten den Eltern Dresscodes für die Kinderfasnacht zukommen lassen. Die Kinder sollen doch «Waffen, Schwerter, Pistolen und andere Geschosse» zu Hause lassen, hiess es darin. Befürworter des Spielzeugwaffen-Verbots gehen auch dort von der Annahme aus, dass der Gebrauch von Spielzeugwaffen der Vision einer pazifistischen Gesellschaft zuwiderläuft.

Ausdruck von «Ohnmachtsgefühl»

Doch ist jedes Kind, das in den Ferien einen Schiesskurs besucht, ein potenzieller Gewalttäter? Der Entwicklungspsychologe Allan Guggenbühl winkt ab: «Die Kinder können sehr gut zwischen Spielzeug und echten Waffen unterscheiden», sagt er auf Anfrage. Dass in den letzten Wochen gleich zwei solcher Verbote ausgesprochen wurden, deutet er als «Ohnmachtsgefühl» der Gesellschaft. «Man benutzt die Kinder als Stellvertreter, um gegen ein Problem vorzugehen, dass eigentlich die Erwachsenen betrifft», sagt er.

Auch Experten sind uneins

Kindern, die von Waffen fasziniert sind, soll man den Umgang damit nicht verbieten. «Wenn der Umgang in einem geordneten Rahmen stattfindet, wie es ein Schiesskurs darstellt, kann dies gar positive Effekte auf die Entwicklung haben.» Waffen seien ein Symbol für Macht und Gewalt. «In Schiesskursen können die Kinder lernen, ihre Aggressivität zu kontrollieren», sagt er. Ein Verbot von Luftgewehrkursen steigere die Faszination für Waffen eher. «Spielzeuggewehre machen die Welt gewaltfreier», sagt er.

«Ich würde das klar relativieren», sagt Ueli Mäder, Soziologieprofessor der Universität Basel. «Wir dürfen die Gefahr auf keinen Fall banalisieren.» Zwar habe man früher tatsächlich einen sehr liberalen Umgang etwa mit dem Luftgewehr gepflegt. «Als ich jung war, nahmen wir das Luftgewehr überallhin mit, gingen in den Wald schiessen und zielten auf Ratten», sagt er. Und wenn man aus Versehen eine Wildente getroffen habe, «dann gab es einfach zwei Wochen Badeverbot».

Mittlerweile habe sich aber die mediale Umwelt stark gewandelt, so Mäder. Gewaltdarstellungen seien allgegenwärtig geworden, mit fliessendem Übergang vom Fiktiven zum Realen. «Das erhöht die Gefahr und macht es für Jugendliche viel schwieriger, Schein und Sein zu unterscheiden.»

Der Bund

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