Stadtberner Kindergärteler werden bilingue

Ab August 2019 will die Stadt Bern als Schulversuch eine zweisprachige Klasse nach Bieler Vorbild führen.

Ab 2019 gehen Mädchen und Kinder in die erste zweisprachige Klasse der Stadt Bern. (Symbolbilder) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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1206 Familien in der Stadt Bern sprechen zu Hause Französisch. Weitere 530 Familien geben sowohl Deutsch als auch Französisch als Familiensprache an. Vor allem an diese Familien richtet sich das Angebot zweisprachiger Klassen, die die Stadt ab August 2019 im Schulkreis Altstadt-Schosshalde führen will. Dann soll eine erste Kindergartenklasse mit maximal 24 Kindern je zur Hälfte auf Deutsch und auf Französisch unterrichtet werden. Und zwar von Lehrern, die in ihrer Muttersprache sprechen. «Damit setzen wir ein politisches Zeichen», sagte die städtische Bildungsdirektorin Franziska Teuscher (GB) gestern vor den Medien. Die Vielsprachigkeit sei ein zentrales Merkmal der Schweiz.

Die neue Bilingue-Klasse soll nicht nur französischsprachigen oder bereits zweisprachigen Kindern offenstehen, sondern auch rein deutschsprachigen. Denn die Kinder sollen die jeweils andere Sprache auch voneinander lernen. Der Besuch der zweisprachigen Klasse ist freiwillig und steht Kindern aus der ganzen Stadt Bern offen. Vorerst sollen die Kinder bis zur sechsten Klasse zweisprachig unterrichtet werden. Doch ist bereits heute geplant, die Klassen auf der Sekundarstufe weiterzuführen, wie Amtsvorsteher Erwin Sommer von der kantonalen Erziehungsdirektion sagt.

Gute Erfahrungen in Biel

Auch in Biel gibt es zweisprachige Klassen, und zwar seit acht Jahren. Je ein Drittel der Kinder spricht zu Hause Französisch oder Deutsch. Die Kinder des letzten Drittels sprechen eine andere Sprache. Diese Klassen hätten sich sehr bewährt, sagt Sommer. Er habe kürzlich eine der Bieler Klassen besucht. «Mir kamen fast die Tränen vor Freude, als die Kinder miteinander diskutierten.» Er habe nicht herausgehört, welches Kind welche Muttersprache habe. Für Emanuel Gogniat vom Bieler Schulamt sind die Erfahrungen mit den zweisprachigen Klassen ebenfalls positiv.

Die Nachfrage sei gross und die Leistungen der Schüler und Schülerinnen gut. Zwar bestehe zwischen Mutter- und Zweitsprachlern auch nach acht Jahren noch ein Unterschied im Niveau der jeweils anderen Sprache. «Aber sie gleichen sich einander an», sagt er. Schwierigkeiten gebe es nur ab und zu auf organisatorischer Ebene. Wenn nämlich eine Familie aus Biel wegziehe, könne der Platz ab einem gewissen Punkt nicht mehr mit einem einsprachigen Kind besetzt werden. Ein Kind, das neu in die Klasse komme, müsse bereits bilingue sein.

Doch nicht allen frankofonen Berner Familien ist eine zweisprachige Klasse ein grosses Bedürfnis. Eine dieser Familien ist Familie Bolli. Pascal Bolli, der Vater, spricht Deutsch und Camille, die Mutter, redet Französisch mit den Kindern. Diese sind in deutscher Sprache eingeschult und antworten ihren Eltern in deren jeweiliger «Herzenssprache», wie Camille Bolli sagt. Deutsch könnten die Kinder mittlerweile besser als Französisch. Der Wortschatz sei grösser. Hätten sich die Bollis eine bilingue Schule für ihre Kinder gewünscht? «Nein», sagt Pascal Bolli. Es sei wichtiger, dass die Kinder in ihrer deutschsprachigen Umgebung gut integriert seien.

«Nein», sagt auch Camille Bolli, obwohl das bedeutet, dass Französisch die Zweitsprache der Kinder bleibt. «Perfekte Zweisprachigkeit ist ein grosses Wort», sagt sie. Es sei wichtiger, dass die Kinder zuerst eine Sprache gut beherrschten, sie gut lesen könnten und rechnen lernten. Die andere Sprache könnten sie später immer noch besser lernen. Letztlich sei die Sprache nur ein Mittel zum Zweck. «Man wird auch mit einem Akzent glücklich», sagt sie. (Der Bund)

Erstellt: 11.06.2018, 10:41 Uhr

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