Stadt Bern peilt 160'000 Einwohner an

Selbst wenn auf dem Viererfeld gebaut wird, bleiben grüne Wiesen unter Druck.

Wohnbau in Bern: Wo die Stadt wachsen könnte. (Klicken, um vergrösserte Grafik mit Legende zu sehen).

Wohnbau in Bern: Wo die Stadt wachsen könnte. (Klicken, um vergrösserte Grafik mit Legende zu sehen).

(Bild: Bund-Grafik mue/ Quelle: Regionalkonferenz Bern-Mittelland)

Adrian Schmid@adschmid

In der Stadt Bern hat es noch viel Platz. Allein in Ausserholligen könnten über 10'000 zusätzliche Einwohner untergebracht werden – aber nur mit verdichtetem Bauen. Zu diesem Schluss kommt die Berner Ortsgruppe des Schweizerischen Werkbundes in ihrer «Vision Stadtquartier» aus dem Jahr 2013. Für die Viererfeld-Gegner ist das ein Steilpass. Ihrer Meinung nach liefert die Studie ein Argument dafür, dass das Viererfeld gar nicht überbaut werden müsste. Berns Stadtplaner Mark Werren spricht jedoch von einer «unrealistischen Planung». Die Vision sei zu einseitig auf das Wohnen ausgerichtet, im Entwicklungsschwerpunkt Ausserholligen müssten auch Arbeitsplätze entstehen.

Auch wenn die Zahl für Ausserholligen womöglich zu hoch gegriffen ist: Das Potenzial der inneren Verdichtung in der Stadt Bern ist gemäss Urs Heimberg gross: «Bern ist nicht stark bebaut, sondern bietet viel Grünraum», sagt der Professor für Raumplanung und Städtebau an der Berner Fachhochschule.

Fast 160'000 Einwohner bis 2030

Die Stadt arbeitet derzeit ein neues Stadtentwicklungskonzept (Stek) aus, im August soll die Mitwirkung beginnen. Im Stek ist ein Bevölkerungswachstum von bis zu 12 Prozent in den nächsten 15 Jahren vorgesehen. Statt wie heute 140'000 könnten im Jahr 2030 also 157'000 Menschen in Bern wohnen. «Wenn wir uns anstrengen, ist dieses Wachstum möglich», sagt Werren. Gemäss seinen Angaben könnte die Hälfte des Wachstums innerhalb des bestehenden Siedlungsgebiets erfolgen. Die Stadt will also mittels Verdichtung Wohnraum für zusätzlich rund 8000 Einwohner schaffen. Zum Vergleich: Auf dem Vierer- und Mittelfeld sollen dereinst 3000 Menschen leben – sofern die Vorlage am 5. Juni von den städtischen Stimmberechtigten gutgeheissen wird.

Wo die Stadt verdichtet werden könnte, zeigt das zweite Regionale Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzept (RGSK) der Regionalkonferenz Bern-Mittelland. Dort sind rund 40 grössere Areale in der Stadt Bern aufgeführt, die entweder verdichtet oder umstrukturiert werden könnten, um mehr Wohnraum zu schaffen (siehe Karte). Selbst in Hochhaussiedlungen wie Wittigkofen sehen die Planer Verdichtungspotenzial. Vorbildcharakter hat das Projekt Stöck­acker-Süd: Dort wurde eine alte Siedlung abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Statt 106 gibt es künftig 146 Wohnungen. Eine grosse Umstrukturierung erfolgt am Warmbächliweg. Auf dem Gelände der ehemaligen Kehrrichtverbrennungsanlage sollen ab 2019 250 Wohnungen gebaut werden. Auf dem Gaswerkareal könnte dereinst Wohnraum für 500 bis 1000 Menschen entstehen.

Bern könnte «mutiger» verdichten

Was auffällt: Bern soll nicht überall verdichtet werden. In der Altstadt und angrenzenden Quartieren wie der Länggasse, dem Kirchenfeld oder der Lorraine findet man praktisch keine Areale. «In den hochwertigen Gründerzeitquartieren sind nur punktuelle Eingriffe möglich», sagt Mark Werren. Städtebau-Professor Heimberg ist anderer Meinung: Er würde kein Quartier von der Verdichtung ausschliessen. «Selbst Villenviertel können mit Smallhouses oder Generationenhäusern verdichtet werden.»

Heimberg findet, dass Bern das Thema innere Verdichtung «mutiger anpacken» dürfte. Zürich habe weniger Hemmungen, wie etwa die Genossenschaftssiedlung Kalkbreite zeige. Als schlechtes Beispiel in Bern nennt Heimberg die Brünnen-Überbauung, die unterdessen zu drei Vierteln realisiert ist. Dort hätten höhere Gebäude gebaut werden sollen. «Für ein Neubauquartier hat Brünnen zu wenig urbanen Charakter.» Eine Nachverdichtung biete sich an.

Verdichtungsprojekte können nur angepackt werden, wenn die Grundeigentümer mitmachen. Zudem nimmt die Planung viel Zeit in Anspruch. Heimberg sagt, Bern benötige 20 bis 30 Jahre, um das grosse Verdichtungspotenzial abzurufen. «Weil wir nicht so lange warten können, muss vorderhand auch auf grünen Wiesen wie dem Viererfeld gebaut werden.» Für ihn ist das keine Konkurrenz zur Verdichtung, sondern eine Ergänzung.

Künftig dürften aber noch mehr Grünflächen wie das Viererfeld unter Druck geraten. Die Baulandreserven in der Stadt sind in den letzten 20 Jahren systematisch aufgebraucht worden. Für den Wohnungsbau stehen praktisch keine baureifen Areale mehr zur Verfügung. Gemäss Berechnungen der Regionalkonferenz beträgt die Baulandreserve noch 20 Hektaren. Das ist weniger als die Fläche des Moossees. Saali-Ost, Springgarten und Hintere Schosshalde sind die letzten namhaften Reserven innerhalb der Stadtgrenzen. Diese Grundstücke gehören der Burgergemeinde. «Langfristig muss man eine Aussenentwicklung im Osten oder Westen prüfen, vielleicht auch an beiden Orten», sagt Stadtplaner Werren. Gemäss Urs Heimberg ist das Potenzial für eine Stadterweiterung im Osten grösser, weil sich das Gebiet Saali/Dennigkofen über die Gemeinden Bern, Muri und Ostermundigen erstreckt. Das Siedlungsgebiet könne dort «sinnreich» ergänzt werden, sagt Heimberg. Im Westen sei die Zersiedelung des Raums viel stärker ein Thema. «Wie heikel das ist, zeigt die Diskussion über die geplante BLS-Werk­stätte in Riedbach.»

Der Bund

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