Spardruck lässt Reformierte und Katholiken zusammenrücken

Die Reformierten der Berner Matthäusgemeinde möchten ihre Kirche verkaufen. Bei den benachbarten Katholiken können sie aber nicht unterkommen, auch diese wollen ihre Kirche loswerden.

Die denkmalgeschützte Heiligkreuzkirche wird Kirche bleiben – aber künftig wohl von Orthodoxen betrieben. Die Matthäuskirche (Turm im Hintergrund) soll verkauft werden.

Die denkmalgeschützte Heiligkreuzkirche wird Kirche bleiben – aber künftig wohl von Orthodoxen betrieben. Die Matthäuskirche (Turm im Hintergrund) soll verkauft werden.

(Bild: Valérie Chételat)

Das war knapp. Fast wäre es zu einem Stadtberner Novum gekommen: reformierte Gottesdienste in einer katholischen Kirche. Konkret plante die reformierte Kirchgemeinde Matthäus, sich im katholischen Zentrum Heiligkreuz im Tiefenauquartier einzumieten und ihre Gottesdienste in der gleichnamigen, denkmalgeschützten Betonkirche abzuhalten. «Damit hätten wir die ökumenische Zusammenarbeit ausbauen können», sagt Jörg Wilhelm, der Präsident des Kirchgemeinderats Matthäus.

Der Auslöser für den Plan war aber eher weltlicher Natur: So steht die Evangelisch-reformierte Gesamtkirchgemeinde Bern (GKG) unter grossem Spardruck. Und weil die Kirche lieber beim Beton als bei den Menschen spart, sollten die zwölf Berner Kirchgemeinden bis Ende 2015 der GKG mitteilen, auf welche Immobilien sie verzichten können («Bund» vom Donnerstag).

Die Kirchgemeinde Matthäus ging dabei weiter als ihre Schwestergemeinden und war sogar bereit, auf die Matthäuskirche samt Kirchgemeindehaus Rossfeld zu verzichten. Ganz aus dem Quartier verabschieden wollte sich die Kirchgemeinde allerdings nicht. «Für die jungen und die alten Beine braucht es die kirchlichen Dienstleistungen vor Ort», sagt Franz Niederhäuser, der Präsident der Kirchgemeindeversammlung Matthäus. Die Lösung mit dem Zentrum Heiligkreuz schien deshalb ideal.

Der Plan scheiterte. Allerdings nicht am mangelnden Interesse der Katholiken, im Gegenteil, diese hätten sich sehr offen gezeigt, heisst es bei den Reformierten. Wie der Auslöser für die Idee liegt auch das Scheitern letztlich im Geld begründet. «Wir werden das Zentrum Heiligkreuz an die Gesamtkirchgemeinde zurückgeben», sagt Christian Furrer, Präsident des Kirchgemeinderats der Pfarrei Heiligkreuz. Dies weil das Johanneszentrum in Bremgarten, das ebenfalls zur Pfarrei Heiligkreuz gehört, für rund zwei Millionen Franken saniert werde. «Wir konnten der Gesamtkirchgemeinde nicht mit gutem Gewissen versichern, dass wir angesichts des Mitgliederschwundes beide Zentren langfristig benötigen.»

Pfarrei zügelt nach Bremgarten

Die Pfarrei Heiligkreuz wird sich in den Räumlichkeiten des Johanneszentrums konzentrieren. «Sobald die Sanierung abgeschlossen ist, zügeln wir unsere Büros nach Bremgarten», sagt Furrer. Was mit dem Zentrum Heiligkreuz passiert, ist noch nicht endgültig geklärt. «Wahrscheinlich wird es an eine andere christliche Gemeinschaft verkauft.»

Dem Vernehmen nach handelt es sich um eine migrantische Gruppierung aus dem orthodoxen Spektrum. Ludwig Spirig, der Medienverantwortliche der Römisch-katholischen Gesamtkirche Bern und Umgebung, will zu möglichen Inte­ressenten keine Details verraten. Er lässt aber durchblicken, dass bereits Gespräche in diese Richtung stattgefunden haben. Ein Verkauf an eine nichtchristliche Glaubensgemeinschaft hingegen sei zwar nicht auszuschliessen, aber schwierig zu kommunizieren und auch kirchenrechtlich problematisch. Damit eine katholische Kirche für weltliche Zwecke genutzt werden kann, braucht es eine Profanierung, also eine offizielle Entweihung des Gebäudes durch den zuständigen Bischof.

Matthäuskirche droht Abriss

Diese Hürde gibt es bei Gebäuden der reformierten Kirche nicht. «Eine Nutzung der Matthäuskirche als Bibliothek, Schule oder Kindertagesstätte ist durchaus denkbar», sagt Niederhäuser. Die Nutzung müsse einfach ins Quartier passen. «Klar ist, dass die Kirche nicht abgerissen wird.» Auch wenn deren künftige Nutzung – gerade im Kontext mit ihrer Umgebung – sorgfältig zu planen sei.

Der Entscheid über die Zukunft der Kirche liegt allerdings nicht bei der Kirchgemeinde Matthäus, sondern bei der Gesamtkirchgemeinde Bern. Und dort tönt es etwas anders. «Es gibt aktuell verschiedene Szenarien», sagt Bruno Stoll, Abteilungsleiter Bau und Liegenschaften der GKG. «Eine Option ist ein Verkauf an die Stadt.» Aber auch ein Abriss der Matthäuskirche sei nicht ausgeschlossen. «Der Standort hat ein gewisses Potenzial, um darauf etwas zu bauen.»

Wie Stoll sagt, sei die Matthäuskirche die einzige Kirche, bei der zurzeit ein Verkauf oder ein Abriss zur Debatte stehe. Angesichts des anhaltenden Spardrucks könnte sich das aber wieder ändern. In so einem Fall könne auch das bereits angedachte Modell eines reformierten Gottesdienstes in einer katholischen Kirche wieder zur Option werden.

Dass gerade angesichts des stetigen Mitgliederrückgangs die gemeinsame Nutzung von kirchlicher Infrastruktur ein Modell für die Stadt Bern werden kann, glaubt auch Rolf Frei, Verwaltungschef der Römisch-katholischen Gesamtkirche Bern und Umgebung. «In Wohlen und Bolligen werden bereits katholische Gottesdienste in reformierten Kirchen abgehalten.» Und auch in den ökumenischen Zentren um die Stadt Bern herum, etwa in Kehrsatz, Ittigen und Laupen, habe sich die innerchristliche Zusammenarbeit bereits bewährt. «Es gibt keinen Grund, wieso das in der Stadt Bern nicht auch funktionieren soll.»

Der Bund

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