«Social Media sind bei den meisten Politikern monoton und wirkungslos»

Erfolgreich sei, wer permanent auf sich und seine Themen aufmerksam macht, sagt Politikberater Mark Balsiger.

Mark Balsiger, Politikberater und Inhaber einer Kommunikationsagentur in Bern. Im aktuellen Berner Wahlkampf hat er keine Mandate übernommen.

Mark Balsiger, Politikberater und Inhaber einer Kommunikationsagentur in Bern. Im aktuellen Berner Wahlkampf hat er keine Mandate übernommen.

Herr Balsiger, als wie hoch schätzen Sie den Einfluss der Wahlkampfbudgets auf die Wahlen in Bern ein? Laut meinem Modell, das ich an der Universität Bern entwickelte, gibt es im Wahlkampf 26 Erfolgsfaktoren. Geld ist entsprechend nur ein Faktor. In der Schweiz lassen sich politische Mandate nicht kaufen.

Welche anderen Faktoren sind wichtig? Das A und O sind die Vernetzung, engagierte Mitarbeit in Vereinen, über Jahre hinweg Leserbriefe, ein überzeugendes Online-Profil sowie das solide Erarbeiten von zwei Themen. Das legt die Basis für regelmässige Medienpräsenz und steigert den Bekanntheitsgrad weiter. Ich glaube nicht an Wahlkämpfe, die zwei oder drei Monate dauern.

Welche Bedeutung haben Social Media im Stadtberner Wahlkampf? Werden soziale Medien nur episodisch eingesetzt? Facebook und Twitter wären hervorragende Plattformen für den permanenten Wahlkampf, wenn man sie denn richtig bespielen würde. Richtig heisst: interaktiv, humorvoll, authentisch, stetig und interessant. Die meisten Politiker beschränken sich auf Social Media darauf, Artikel aus Online-Portalen zu verlinken, Fotos von drögen Standaktionen hochzuladen und «Wählt mich! Wählt mich!» zu schreien. Das ist monoton und wirkungslos. Einzelne pflegen den Dialog glaubwürdig und sind nicht nur vor Wahlterminen aktiv. Sie können am 27. November ernten.

Die SVP möchte keine Angaben zu ihrem Wahlkampfbudget machen. Finden Sie diesen Mangel an Transparenz problematisch? Nein, eher lächerlich und vor allem kontraproduktiv. Das Schweigen lässt Gerüchte aufkommen, die Partei habe eine erkleckliche Summe zur Verfügung. Aber im Gegensatz zu Sektionen, die noch im Aufbau sind, gibt es für die Stadtberner SVP keine Zuwendungen der «Millonarios».

Eine Motion fordert, dass in der Stadt Bern Regeln zur Offenlegung der Wahl- und Abstimmungsfinanzierung erlassen werden. Sollten solche Regeln auf kommunaler Ebene verankert werden oder besser auf nationaler Ebene mit der Transparenzinitiative? In der Schweiz spricht man nicht über Geld – oder wissen Sie, wie hoch die Löhne Ihrer Kollegen sind? Das ist tief in unserer Kultur verankert. Aus diesem Grund wird es die Offenlegungspflicht schwer haben. Käme sie durch, würde der Berg eine Maus gebären. Man müsste dann ja ehrlicherweise auch die Arbeit der Grafikerin, die gratis arbeitet, und der vielen Helfer, die am Bahnhof Flyer verteilen, mit einem Preisschild versehen.

Auf nationaler Ebene setzen einige Parteien auf teure Kampagnen mit vielen Inseraten und aufwendigen Videos. Ist ein solch starker Einsatz von finanziellen Mitteln eine Gefahr für die Demokratie? Wir sind zum Glück weit von einer Plutokratie entfernt. Wir können in den USA beobachten, wie Geld die Demokratie deformiert hat. Schweizerinnen und Schweizer hingegen sind nüchtern, abgeklärt und Demokratie erfahren. Wir lassen uns nicht durch eine Inseratewelle kaufen. Tatsache ist, dass die SVP von den Medien viel mehr Publizität erhält. Hätte im letzten Jahr die FDP oder die SP dasselbe Video produziert, wären vielleicht zwei süffige Glossen erschienen. So aber wurde während Tagen über «Welcome to SVP» berichtet. Mehr Reflexion in den Newsrooms wäre bitter nötig.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Zum Wahlkampfblog von Mark Balsiger.

Der Bund

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