So wird bloss der Schmerz verlängert

Die Jubiläumsbroschüre eines Berner Behindertenheims zeigt: Noch immer geht die Angst vor der ganzen Wahrheit um. Schade.

Das Heilpädagogische Schulheim Weissenheim bietet heute rund dreissig Kindern und Jugendlichen mit Lernbehinderung, kognitiven Einschränkungen oder Autismus ein Schul- und Wohnumfeld.

Das Heilpädagogische Schulheim Weissenheim bietet heute rund dreissig Kindern und Jugendlichen mit Lernbehinderung, kognitiven Einschränkungen oder Autismus ein Schul- und Wohnumfeld. Bild: Franziska Rothenbühler

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Nach den Diskussionen der letzten Jahre ist es ein bemerkenswerter Vorgang: Der junge, engagierte Leiter des 150-jährigen Stadtberner Weissenheims präsentiert eine Jubiläumsbroschüre, die auffällig unvollständig ist («Bund» vom 4. Mai). Hinweise auf die breit diskutierte, kritische Aufarbeitung der schweizerischen Heimgeschichte und auf die laufende Wiedergutmachung durch den Bund fehlen. Dabei hat der Heimleiter selber einer älteren Frau und ehemaligen Weissenheim-Bewohnerin geholfen, das Gesuch für das Wiedergutmachungs-Geld auszufüllen.

Warum wurden die Abgründe der einstigen Schweizer Sozial- und Fürsorgepolitik in der Jubiläumschronik nicht ausführlicher dargelegt? Man habe das Weissenheim eben als «Pionierwerk» für Menschen mit Behinderung würdigen wollen. Frühere Heimverantwortliche im Rückblick zu kritisieren, das wäre «überheblich».

Klar ist es peinlich

Im Umgang mit der Vergangenheit gibt es viele Fallen. Für die eigene Biografie und Familiengeschichte trifft das ebenso zu wie für die Geschichte von Institutionen. Ob beim runden Geburtstag, bei der Trauer- oder der Jubiläumsfeier: Peinliches und aus heutiger Sicht Unverständliches wird gerne verschwiegen. Aus Angst, das Schlechte schmälere das Gute. Diese Angst hält sich hartnäckig, wie der Fall Weissenheim zeigt. Dabei ist sie falsch. Das Weissenheim ist eine der ersten Behinderteninstitutionen der Schweiz und damit tatsächlich ein «Pionierheim». Und der Gründer, ein Pfarrer, und viele seiner Nachfolger hatten Gutes im Sinn und taten auch viel Gutes. Im Wirken dieser Männer wurzeln laut Fachleuten die Anfänge der heutigen Heilpädagogik. Zur «Erfolgsgeschichte» gehören aber auch Schläge des Heimleiters, die Demütigung von Bettnässern, Kollektivstrafen, Kinderarbeit – der pädagogische Zeitgeist fand sie in Ordnung, heute ist man schockiert.

Glaubwürdig würdigen

Ein «Pionierheim», das behinderten Menschen hilft, ihnen aber auch Leid zufügt: So paradox ist Geschichte. Eine gute Jubiläumsschrift steht selbstbewusst zu Dingen, die schlecht zusammenpassen. Sie verurteilt und skandalisiert nicht, sondern zeigt, wie es war und warum es so war. Die Leistungen früherer Generationen oder einzelner Menschen zu würdigen, ohne auch in Abgründe zu blicken, das geht nicht; sonst ist es eine unglaubwürdige Würdigung.

Eine Würdigung auch, welche die einen schont, dafür andere verletzt. Womöglich auch die ältere Frau, die ein Gesuch für einen Bundesbeitrag gestellt hat; das Weissenheim ist in ihrer Biografie ein Rädchen in einer Maschinerie, zu der auch Behörden und Ärzte gehörten. Das Schlimme zu verschweigen, verlängert den Schmerz. Nur das Ausgesprochene hilft Wunden heilen. (Der Bund)

Erstellt: 05.05.2018, 08:05 Uhr

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