So tickt der neue Berner Stadtrat

Am Donnerstag tagt der Berner Stadtrat zum ersten Mal in seiner neuen Zusammensetzung. Eine Analyse zum Links-Rechts-Schema anhand der Panaschierstimmen.

Am Mittwoch tagt der neue Berner Stadtrat zum ersten mal.

Am Mittwoch tagt der neue Berner Stadtrat zum ersten mal.

(Bild: Valérie Chételat)

Rudolf Burger

Eines steht fest: Der Berner Stadtrat ist ein linkes Parlament. 47 der 80 Sitze werden von den Parteien klar links der Mitte besetzt: von den Parteien des RGM-Bündnisses (SP, Juso, GB, GFL, JA) sowie den übrigen Linksparteien (AL, GPB-DA, PDA). Doch zwischen links und links gibt es Unterschiede.

Dank einer Analyse der Verteilung der Panaschierstimmen gelingt es, diese Unterschiede und auch die Unterschiede zwischen den übrigen Parteien (EVP, GLP, JGLP, BDP, CVP, FDP, SVP) herauszufiltern.

Zwar werden Panaschierstimmen an Personen verteilt, sie sind also in erster Linie Persönlichkeitsstimmen, aber die Parteizugehörigkeit der Empfänger spielt mit Sicherheit eine grosse Rolle. So ist anzunehmen, dass Wählerinnen und Wähler des linken Lagers vorwiegend Kandidierende von Linksparteien panaschieren – und umgekehrt. Je nachdem, wie die Panaschierstimmen einer Partei ans linke und ans «übrige» Lager verteilt worden sind, kann beurteilt werden, wo genau eine Partei im Parteienspektrum steht.

AL links aussen

In der nebenstehenden Grafik sind die im Stadtrat vertretenen Parteien nach den Prozentsätzen geordnet, mit dem ihre Anhänger ihre Panaschierstimmen ins «linke» (RGM plus übrige Linksparteien) und ins «übrige» Lager (alle weiteren Parteien) verteilten.

Am konsequentesten links hat die Wählerschaft der Alternativen Linken (AL) gewählt, ihre Panaschierstimmen gingen zu 97 Prozent nach links. Es folgen PdA und Junge Alternative mit je 95 Prozent, danach Juso und Grünes Bündnis mit 93 Prozent und GPB-DA mit 92 Prozent.

SP und GFL: «Gemässigte» Linke

Danach folgt ein Sprung zu den – wie man sie nennen könnte – «gemässigten» Linksparteien. Die Anhänger der SP haben zu 80 Prozent linke Kandidierende panaschiert, die GFL zu 71 Prozent.

Die Grünliberalen, im eigenen Verständnis wohl eine Mitte-links-Partei, gehört nach diesen Zahlen eindeutig ins linke Lager: Die Junge GLP verteilte 72 Prozent der Panaschierstimmen nach links, die Stammpartei GLP 59 Prozent.

EVP: «Wahre» Mitte-Partei

Mit der EVP kippen die Zahlen ins andere Lager. Ihre Wähler haben beim Panaschieren linke und «übrige» Kandidierende fast gleich gut berücksichtigt, mit 51 Prozent gab es ein minimes Übergewicht für die «Übrigen». Die weiteren Parteien gehören klar ins Spektrum rechts der Mitte.

Von der BDP wurden die «Übrigen» mit 73 Prozent bevorzugt, von der CVP mit 77 Prozent und von der FDP mit 79 Prozent. Es ist keine Überraschung, dass sich die SVP als am weitesten rechts stehende Partei entpuppt. Ihre Anhänger haben zu 85 Prozent Kandidierende ausserhalb des linken Lagers panaschiert.

Linke konsequenter als Rechte

Wie schon die diskutierten Zahlen deutlich machen, wird links konsequenter nach Parteizugehörigkeit panaschiert. Bei RGM und den übrigen Linksparteien blieben insgesamt 86 Prozent der Panaschierstimmen im eigenen Lager, bei den «übrigen» Parteien nur 64 Prozent. Insgesamt holten die Kandidierenden des linken Lagers 70 Prozent der Panaschierstimmen.

Schwer zu fassen in ihren parteipolitischen Vorlieben sind jene Wählerinnen und Wähler, die sich für Listen ohne Parteibezeichnung entscheiden. Sie haben ihre Stimmen zu 63 Prozent ans linke Lager verteilt und sind deshalb mehrheitlich dieser Seite zuzurechnen.

«Linkere» Jungparteien

Drei Jungparteien – Juso, Junge Grünliberale und Jungfreisinnige – traten getrennt von ihren Stammparteien zu den Stadtratswahlen an. Sowohl bei den Juso als auch bei den jungen Grünliberalen (JGLP) standen die linken Kandidierenden höher im Kurs als bei der Stammpartei (93% vs 80% bei Juso/SP, 72% vs 59% bei JGLP/GLP). Das trifft auch bei den Jungfreisinnigen (JF) zu, die kein Mandat erobern konnten. Sie haben 38 Prozent ihrer Panaschierstimmen an linke Kandidierende abgegeben, die FDP gemäss Grafik lediglich 21 Prozent.

In einer früheren Version dieses Artikels stand fälschlicherweise, dass 43 Sitze von Parteien besetzt sind, die klar links der Mitte positioniert sind. Es sind deren 47.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt