Sie nannten ihn Ogi

Stefan Theiler will in den Berner Gemeinderat. Für den Wahlkampf vernachlässigt er seine Videothek, obwohl seine Chancen auf Erfolg minim sind. Wieso tut er das?

Investiert in seinen Wahlkampf viel Zeit: Gemeinderatskandidat Stefan Theiler von der «Neuen Berner Welle».

Investiert in seinen Wahlkampf viel Zeit: Gemeinderatskandidat Stefan Theiler von der «Neuen Berner Welle». Bild: Martin Erdmann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein regnerischer Herbsttag, 46 Tage bevor in der Stadt Bern Wahlen anstehen. Vor dem Fenster des ersten Stockwerks der Rathausgasse 40 blühen die Geranien ihrem Ende entgegen. Dahinter liegt eine kleine Wohnung mit hölzernem Boden. Lichterketten schlängeln sich durch Teile des kleinen Raums, beleuchten alte Filmplakate, diverse Puppen und Zeichnungen. Ein Grammofontrichter ragt von der Decke hinunter. Darunter sitzt Stefan Theiler auf einem beigen Sofa. In seiner Wohnung ist es kalt. «Ich heize nur, wenn ich Frauenbesuch habe oder eine Zigeunerfamilie bei mir übernachtet», sagt er. Theiler ist 34 Jahre alt, trägt Turnschuhe, Leinenhosen und einen bordeauxroten Kapuzenpulli, dessen Bauchtasche prall gefüllt mit Wahlflyern ist. Am 27. November kandidiert Theiler mit seiner Liste «Neue Berner Welle» für den Gemeinderat.

Ein Stockwerk weiter unten reihen sich über 4000 DVDs aneinander. Sie vereinigen die grossen Werke der Kinogeschichte. Namen wie Billy Wilder, Stanley Kubrick und Woody Allen zieren die Regale. Die Filmsammlung ist das Herzstück des kleinen Universums des Dr. Strangelove. Unter diesem Namen vermietet Theiler seine Filme seinen Kunden. Die stehen zurzeit jedoch oft vor verschlossener Tür, der Laden ist nur sporadisch offen. «Der Wahlkampf nimmt so viel Zeit in Anspruch, dass ich die Öffnungszeiten verringern musste.» Auch sein Schlafpensum hat Theiler eingeschränkt. «Ich schlafe nur noch vier Stunden. Wie Christoph Blocher.»

Gegen Laubbläser und Handys

Theiler hat bisher noch nie an einer Wahl teilgenommen, geschweige denn ein politisches Amt innegehabt. Es ist sein erster Tanz auf dem politischen Parkett. Ein Tanz, dessen Schritte er auf etwas wackeligen Beinen ausführt. Seine Konkurrenz ist ihm in Sachen Fachwissen weit voraus. Ein Fakt, der ihn kaum beunruhigt. «Wenn ich etwas mit Leidenschaft mache, dann habe ich eine unglaublich schnelle Auffassungsgabe.» Der Platz neben Berns lokalen Schwergewichten gefällt Theiler. Er scheint es zu geniessen, mit ihnen, zumindest auf dem Papier, in Konkurrenz zu stehen. Er mag es, im Mittelpunkt zu stehen, lässt keine Zweifel daran, dass er sowohl von seinen Fähigkeiten wie auch von seinen Wahlchancen überzeugt ist. «Wer mich kennt, weiss, dass ich denen weit überlegen bin.»

Doch wofür setzt er sich eigentlich ein? Einen Satz wird er nie müde zu wiederholen. «Ich bin kein Klientelpolitiker.» Seitdem er sich vor eineinhalb Jahren für die Kandidatur entschieden hat, hat er ein Wahlprogramm zusammengeschustert, das zumindest in seiner Einzigartigkeit besticht. Er konfrontiert die Wählerschaft mit Themen wie mehr gesetzliche Feiertage, handyfreie Tramwaggons, Laubbläserverbote oder monatlich wechselnde kostenfreie Tram- und Buslinien. Zudem setzt sich der Kleingewerbler für eine Standortsteuer für Ladenketten ein und will das lokale Kaufverhalten fördern.

Schlechtes Jahr für Aussenseiter

Neben seinen aussergewöhnlichen Forderungen fällt Theiler immer wieder durch Verkleidungen auf. Mal stellt er sich im Pfarrergewand vor die Kamera, mal geht er in Appenzeller Sennentracht seine Flyer verteilen. Droht er sich so der Lächerlichkeit preiszugeben? «Die Kostüme sind mir nicht peinlich, und ich bin sicherlich kein Clown», sagt Theiler. Potenzielle Wähler würden durchaus positiv auf seine unkonventionellen Methoden reagieren.

Politikberater Mark Balsiger kennt Theiler von öffentlichen Auftritten und von Schilderungen von Bekannten. Er nimmt Theilers Kandidatur durchaus ernst. «Es wäre nicht fair, von einer Jux-Kandidatur zu sprechen. Theiler ist intelligent, wenn auch sehr eigenwillig und damit nicht gesellschaftskonform. Er wird nicht den Hauch einer Chance haben.» Balsiger nennt verschiedene Gründe: «Er gehört keiner etablierten Partei an und hat als Zugezogener ein viel zu kleines Netzwerk.» Zudem sei es ein denkbar schlechtes Wahljahr für eine Aussenseiterkandidatur. «Das Angebot an Gemeinderats- und Stapi-Kandidierenden ist so gross wie noch nie.»

Um die Aussichtslosigkeit von Theilers Ambitionen zu untermauern, zieht Balsiger eine Parallele zu Jimy Hofers Stapi-Kandidatur von 2008. Dieser sei in der Stadt Bern weit bekannter als Theiler, erreichte aber lediglich einen Wähleranteil von 5,5 Prozent. «Selbst davon kann Theiler nur träumen.» Dennoch sieht er Theilers Kandidatur nicht als sinnlos an. «Dadurch setzt er einen Farbtupfer und kann anderen Mut machen, auch in die Politik einzusteigen.»

Der Wandel zu Dr. Strangelove

Theiler haust und wirtschaftet seit acht Jahren an der Rathausgasse. Dabei hat er die Grenzen des Erlaubten immer wieder ausgelotet und teilweise überschritten. Immer wieder rückte er in den Fokus der Gewerbepolizei, weil er den Raum vor seinem Laden als Auslage oder für kulturelle Anlässe überbeansprucht hatte. Reue zeigt er keine, im Gegenteil. Die untere Altstadt sei dadurch zum Begegnungsort geworden: «Hier ist jetzt alles sozialer. Die Leute grüssen sich, sie reden öfter miteinander.» Mit ihm in der Exekutive sollen die restlichen Stadtteile dem Beispiel der Rathausgasse folgen.

Er war nicht immer der kulturbesessene Freigeist des altstädtischen Kleingewerbes. Bis er 20 Jahre alt war, legte Theiler einen strammen wirtschaftsliberalen Werdegang hin, in dessen Verlauf Film und Kultur keine Rolle spielten. Aufgewachsen in einem FDP-Haushalt im zugerischen Unterägeri entdeckte Theiler früh seine Passion für Politik. Sein Kindheitsidol: «Adolf Ogi. Sein Charisma faszinierte mich.» Bald war er in der Schule nur noch unter dem Namen des ehemaligen SVP-Bundesrats bekannt. Mit 17 trat er den Jungliberalen bei, organisierte eine Podiumsdiskussion, an der unter anderem Ueli Maurer teilnahm. Dann war es mit der Politik vorläufig vorbei. «Ich entdeckte stattdessen das andere Geschlecht und wollte meine Jugend ausleben.»

Nachdem er das gemacht hatte, schrieb er sich an der HSG ein, wo seine Transformation zu Dr. Strangelove begann. «Meine damalige Freundin brachte mir Film und Kultur näher. Ich wurde alternativer.» Gleichzeitig war er Mitbegründer von Vimentis, einer politischen Informations- und Diskussionsplattform, die bis heute besteht, zu der er aber keinen Bezug mehr hat. Er rutschte in die Werbebranche, mit der er nach einem schlimmen Albtraum brach. «Ich träumte, dass ich von meinen Mitarbeitern gefoltert wurde, weil ich mich nicht an die Regeln hielt.» Das versetzte ihm dermassen einen Schrecken, dass er die Stelle aufgab und in der Rathausgasse seine Videothek eröffnete. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2016, 07:18 Uhr

Artikel zum Thema

Profillose Stapi-Kandidaten

Bisher haben von den Stadtpräsidiumskandidaten nur Reto Nause und Stefan Theiler den Smartvote-Fragebogen ausgefüllt. Mehr...

«Die Altstadt wird an Lebensqualität verlieren»

Ärger in der Rathausgasse Stefan Theiler darf vor seinem DVD-Verleih in der Rathausgasse keine Auslagen mehr aufstellen. Dadurch sieht er nicht nur seinen Laden, sondern auch das Leben in der Altstadt bedroht. Mehr...

Auf der Suche nach dem verlorenen Altstadt-Geist

In der Unteren Altstadt stehen die Sehenswürdigkeiten der Stadt Bern. Doch auf dem Spaziergang mit Stefan Theiler, der in der Rathausgasse die DVD-«Apotheke» Dr. Strangelove betreibt, werden die Tourismus-Blockbuster zur Nebensache. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Installationskünstler: Präsentation des Werks «Der Baum, der blinzelte» vom britischen Künstler Karel Bata in einem Nachtfestival in Singapur. Das Lichtspektakel findet vom 18. bis 26. August 2017 statt (16. August 2017).
(Bild: Wallace Woon) Mehr...