Schwierige Ermittlung im Dunstkreis der Reitschule

Für einen Afghanen könnte der Messerstich gegen einen Landsmann bei der Reitschule nach neuem Recht Landesverweis bedeuten.

Wieso sich Opfer und Täter trafen ist auch nach der Befragung vom Mittwoch nicht klar.

Wieso sich Opfer und Täter trafen ist auch nach der Befragung vom Mittwoch nicht klar. Bild: Manuel Lopez/Keystone

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Die gesicherten Fakten dieses Falles sind bald erzählt: Am 16. Oktober 2016, am Sonntagmorgen gegen halb ein Uhr, gab es zwischen zwei jungen Afghanen ein Gerangel bei der Berner Reitschule. In dessen Verlauf stiess der mutmassliche Täter dem Landsmann ein Messer im Bereich des Schlüsselbeins in den Körper und verletzte ihn erheblich. Ohne rasche Not-OP im Inselspital wäre er wegen des enormen Blutverlusts und einer Lungenverletzung gestorben. Tatsächlich wähnte sich das Opfer beim Angriff dem Tod nahe.

Er habe im Hinblick auf sein Sterben ein islamisches Gebet gesprochen, das ihn sein Vater gelehrt habe, sagte der Geschädigte am Mittwoch bei der Befragung vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland. Der Täter ist geständig. Er hat sich mehrmals entschuldigt, auch mit einer am Mittwoch unterzeichneten Vereinbarung, die die Zahlung einer Genugtuung umfasst. Er sitzt derzeit in Haft. Das Opfer ist körperlich weitgehend wieder hergestellt, leidet aber zuweilen unter Schmerzen, befindet sich in psychologischer Behandlung und hat noch immer Angst, das Haus zu verlassen.

Auslöser bleibt im Dunkeln

Weshalb kam es zur Begegnung der Männer, die sich vom Sehen her flüchtig kannten, wobei der Messerstecher nicht wusste, dass der andere ein Landsmann ist? Alkohol spielte eine Rolle: Der Täter war nach Wodkagenuss verladen, das Opfer hatte etwas Bier getrunken. Offen bleibt, weshalb es zum Konflikt kam, in dessen Verlauf die «Wellness-Team» genannte Reitschul-Security eingriff, aber Mühe hatte, die Streithähne zu trennen. Hat das Opfer den Täter oder dessen Mutter verbal beleidigt, ihn gar zuerst geschlagen und im Gesicht leicht verletzt? Oder geschah der Stich mit dem Messer zuerst? Hat der Täter das Opfer um einen Joint gebeten oder war das ein Vorwand, um Streit anzufangen? Vieles blieb während der Verhandlung vage.

Anfänglich war die Untersuchungsbehörde unsicher, ob der mutmassliche Täter als Jugendlicher zu gelten hat, wodurch das Jugendstrafrecht auf ihn anzuwenden wäre. Nach medizinischen Tests zeigte sich aber, dass er zum Tatzeitpunkt mindestens 18-jährig war. Bei Flüchtlingen, insbesondere bei Afghanen, fehlen oft gesicherte biografische Daten, weshalb ihnen von der Behörde ein plausibler Jahrgang und der 1. Januar als Geburtstag zugewiesen wird, so auch bei den Protagonisten dieses Prozesses. Die Verhandlungen übersetzte ein afghanischer Dolmetscher, der Mundart spricht.

Der Angeschuldigte wie auch das Opfer sprechen trotz ihres relativ kurzen Aufenthalts in der Schweiz recht gut deutsch. So beantworteten sie manchmal eine Frage des Richters, bevor der Übersetzer seines Amtes walten konnte. Andrerseits fand der Geschädigte an anderer Stelle, er verstehe den Übersetzer unzureichend, da dieser Farsi spreche – und er Dari, eine der gängigen Sprachen in Afghanistan. Farsi – also Persisch – unterscheidet sich jedoch von Dari etwa so wie Wiener Idiom von Frankfurter Deutsch.

Ausschaffungsrecht ist gültig

Für die Ermittlungsbehörden gestaltete sich die Untersuchung schwierig. Die Umstände der Bergung des Verletzten sei «für gewisse Leute kein Ruhmesblatt», führte Pflichtverteidiger Philipp Kunz im Plädoyer aus – er dürfte damit die Security gemeint haben. Jedenfalls lässt sich das zusammenreimen, wenn man sich die damalige Polizeimeldung zu Gemüte führt. Zwar wurde für den Verletzten eine Ambulanz angefordert. Der mutmassliche Täter konnte aber das Reitschulareal verlassen und wurde eine Stunde später an der nahen Hodlerstrasse durch die Polizei angehalten.

Zudem wurde die Polizei laut Mitteilung von Umstehenden «verschiedentlich aufgefordert, die Örtlichkeit umgehend zu verlassen». Später flogen demnach Glasflaschen gegen das Polizeifahrzeug, zudem wurden Feuerwerkskörper gezündet. Eine seriöse Tatortsicherung konnte somit nicht durchgeführt werden, jedenfalls liegt das Corpus Delicti – ein Messer oder ein anderes scharfes Instrument – dem Gericht nicht vor.

Staatsanwalt Marko Cesarov forderte in seinem Plädoyer wegen schwerer Körperverletzung eine unbedingte Freiheitsstrafe von fünf Jahren sowie einen Landesverweis für zwölf Jahre. Das Gesetz, das die Umsetzung der Ausschaffungsinitiative von 2014 regelt, war seit dem 1. Oktober 2016 in Kraft, galt also zum Tatzeitpunkt. Der Verteidiger fand eine dreijährige Haftstrafe angemessen, von der zwei Jahre bedingt auszusprechen wären mit einer Probezeit von zwei Jahren. Zum Landesverweis existiere noch keine Praxis, sagte er. Ob eine Ausschaffung überhaupt möglich wäre, müsse die Vollzugsbehörde später entscheiden. Das Dreiergremium unter dem Vorsitz von Daniel Gerber wird sein Urteil am Freitag bekannt geben. (Der Bund)

Erstellt: 29.03.2017, 19:35 Uhr

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