Schneewittchen in der Dönerbude

Eine Kosovarin muss beweisen, dass sie kein Nashorn ist: Stück «Kosovo for Dummies» ist albern und tröstlich zugleich.

Ein Nashorn? Antigona (2. v. links) trifft auf seltsame Leute.

Ein Nashorn? Antigona (2. v. links) trifft auf seltsame Leute. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Einem Hund, sagt die Frau, müsse man die Zähne zeigen. Davonrennen bringe nichts. Doch genau das hat Herr Hartmann (Robert Baranowksi) getan. Und jetzt hockt er oben auf zwei Stangen über den Zuschauerreihen im Schlachthaus-Theater und wettert. Über den Hund, der nur ihn, den Einheimischen, gebissen habe, um nicht des Rassismus bezichtigt zu werden. Die Bitterkeit, sie bricht nur so aus ihm heraus. Wenn nur die Bühnenkonstruktion hält.

Aber um Hunde geht es nicht im Stück «Kosovo for Dummies». Sondern um die Kosovarin Antigona (Albana Agaj), die eines Regentages in einem Karton in der Dönerbude des jungen Muslimen Salal (Nadim Jarrar) ankommt. Der Vollmond steht am Himmel, und Herr Schmidt (Gunther Kaindl), der einen Reiseführer über den Kosovo schreiben will, ohne je dort gewesen zu sein, hat eben seinen vierten Döner verspeist. Sein Kissenbauch ist bereits ­verrutscht, da bringt ihn das schöne Schneewittchen aus dem Balkan noch ganz aus der Fassung.

Nur dem Beamten Hartmann bekommt fremdländisches Essen gar nicht; so wie eigentlich alles Fremdländische. Innert zehn Tagen soll ihm Antigona den Nachweis erbringen, dass sie kein Nashorn sei. Dann erst dürfe sie in der Schweiz bleiben.

Die Referenzen, wie etwa ans absurde Theater des Dramatikers Eugène Ionesco und seiner «Nashörner», sind zahlreich. Wie die Heldin aus Sophokles’ Tragödie «Antigone» hält sich auch die Kosovarin Antigona nicht an die menschlichen Gesetze. Und als der «Frau mit Hund» (Ursula Stäubli) ihr Tier abhandenkommt, wehklagt sie hinter einer hölzernen Maske, so wie wir es nur aus griechischen Dramen kennen.

Wem diese Metaebene noch zu subtil ist, für den treten die Schauspieler regelmässig aus dem Geschehen heraus, um es zu kommentieren. Man habe sich ein wenig verfangen in den Ereignissen, heisst es dann: «Zurück zum Hauptthema.»

Hierarchien verschieben sich

Das ist witzig und albern zugleich, so wie vieles im Stück, das der kosovo-albanische Autor Jeton Neziraj der Berner Gruppe Forever Productions auf den Leib geschrieben hat. Nur wirkt die Selbstironie auf Dauer zwanghaft, so als halte man die Ernsthaftigkeit selbst nicht aus. Brüche sind auch gar nicht nötig, denn die Inszenierung von Johannes Mager ist vieldeutig genug. Salal sagt fast nur «Herr Schmidt», aber so, als meinte er jedes Mal etwas anderes. Eine seltsame Anziehung ist da zwischen Hartmann und der Kosovarin. Überhaupt kann doch ein Hartmann nicht nur hart sein.

Die Hierarchien verschieben sich. Der verfressene Schweizer steht verloren im nebligen Kosovo, die heimatlose Antigona dirigiert ihre Siegeshymne, und Hartmann bekommt seinen Hintern versohlt. Der Autor Jeton Neziraj bricht die brutale Realität auseinander und fügt sie auf der Bühne neu zusammen. Und er schafft damit ein wenig tröstliche Gerechtigkeit. Für einen Abend wenigstens.

(Der Bund)

Erstellt: 13.09.2015, 11:59 Uhr

Agenda

Bis 18. September, jeweils 20.30 im Schlachthaus-Theater

Werbung

Immobilien

Kommentare

Paid Post

Reife Frauen suchen Erotik

Nicht nur junge Hüpfer sind auf Erotik-Portalen unterwegs, sondern auch reife Frauen finden ihre Erotik-Partner übers Internet, bevor es beim Casual-Date zur Sache geht.

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...