Keine ganze Spielzeit – und schon wieder weg

Konzert Theater Bern stellt Stephanie Gräve frei, die Leiterin der Schauspielsparte. Und zwar per sofort. Über die «grundlegenden inhaltlichen und strategischen Differenzen» will allerdings niemand reden.

Muss gehen: Die KTB-Schauspieldirektorin Stephanie Gräve.

Muss gehen: Die KTB-Schauspieldirektorin Stephanie Gräve.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ganz frisch war das Gerücht bereits nicht mehr, als es sich als wahr herausstellte: Ja, es gibt im Stadttheater ein Problem mit der Leiterin der Schauspielsparte. Und ja, es wiegt schwer genug, um ihre Anstellung infrage zu stellen.

Gestern Nachmittag nun wurde die Affäre offiziell: Das Theater meldete in einem knappen Communiqué, der Stiftungsrat habe Stephanie Gräve «von ihren Aufgaben freigestellt». Wegen «grundlegender inhaltlicher und strategischer Differenzen». Und zwar «mit sofortiger Wirkung». So klingen gravierende Vorkommnisse. Doch was man sich unter jenen Differenzen vorzustellen hat, mochte Jens Breder, Kommunikationschef von Konzert Theater Bern, gestern «nicht weiter ausführen».

Weil der Stiftungsrat derzeit «Gespräche über die Modalitäten der Trennung» mit Stephanie Gräve führe. Immerhin hat sie einen Vertrag für vier Spielzeiten, er läuft noch bis zur Spielzeit 2018/19, und es geht nun auch um die Frage, unter welchen finanziellen Bedingungen er vorzeitig auflösbar ist. Und welche Sprachregelung man für die Freistellung findet. Gräve selber will «zurzeit» nichts zu den Vorgängen sagen. Auch ihre Kollegen am Theater möchten lieber nichts kommentieren, dennoch sagen mehrere Stimmen übereinstimmend, der Entscheid sei überraschend, da Gräves Stücke gut besucht gewesen seien.

Falscher Personalentscheid?

Bemerkenswert ist schon, mit welcher Gewissheit Stephan Märki, Direktor des Hauses, bei ihrer Vorstellung im September 2014 erklärt hatte, in den Gesprächen mit ihr die «grösstmögliche inhaltliche Übereinstimmung» erfahren zu haben. Gräve, die damals 44-jährige Theatermacherin aus Deutschland, bis dahin stellvertretende künstlerische Leiterin am Theater Basel – in Bern kannte sie kaum jemand. Aber sie habe sich gegen sechzehn andere Bewerber durchgesetzt und sei vom Stiftungsrat einstimmig gewählt worden, hiess es damals. «Mit ihrem Profil und ihren Ideen», so der Direktor damals, «passt sie am besten.» Und: «Uns treibt im Theater die gleiche Sehnsucht an.»

Davon ist heute nicht mehr die Rede. Kann man sich in einem Bewerbungsverfahren dermassen täuschen? Stand das Haus unter Zeitdruck nach dem überraschenden Abgang von Iris Laufenberg, Gräves Vorgängerin? «Kein Kommentar» dazu von Breder. Er verwahrt sich auch gegen den Eindruck, das Stadttheater habe ein grundsätzliches Problem mit zentralen Personalentscheiden. Oder mit der Chemie im Haus.

Tatsächlich war schon Laufenbergs Amtszeit nach drei Saisons in Bern überraschend früh wieder vorbei. Und Stephanie Gräve macht nun nicht einmal ihre erste Spielzeit fertig. Die beiden Fälle seien «nicht zu vergleichen», meint Breder: Laufenberg wäre geblieben. Aber sie sei einem Ruf nach Graz gefolgt, wo sie die Leitung eines ganzen Theaterhauses übernehmen konnte. «Da sagt keiner Nein.»

«Kein Kommentar» schliesslich auch zu jenen anonymen Stimmen aus dem Umfeld des Theaters, die besagen, Gräve habe es im Haus zunehmend schwer gehabt. Sie sei wenig verlässlich gewesen, und zuletzt habe ihr der Direktor das Heft aus der Hand genommen: Sie habe ihre Entscheide von Märki absegnen lassen müssen, so auch die Engagements von Schauspielern. Stephan Märki habe sich tatsächlich «immer wieder» an solchen Entscheiden beteiligt, sagt Jens Breder. «Aber das gehört zur Aufgabe jedes Intendanten.»

Eher braves Bühnenprogramm

Bleibt die Frage, inwieweit hinter dem Entscheid gegen Gräve neben internen Konflikten auch künstlerische Fragen stehen. Aufgefallen jedenfalls, und das schon vor Ende der ersten Saison, ist ihr Wille, weitere gesellschaftliche Akteure wie die Kirchgemeinden und damit auch eine andere Öffentlichkeit ins Theater zu holen. Beziehungsweise das Theater dorthin zu tragen.

Aufgefallen ist aber auch ihr Hang zum Kanon, zu einem bildungsbürgerlichen, einem breit zugänglichen, aber eben auch wenig risikofreudigen Theaterverständnis. Zeitfragen sind im Wesentlichen nur dann vorgekommen, wenn sie sich mit zeitlosen Stücken vermitteln liessen. Es sei «sicher so», dass die «inhaltlichen und strategischen Differenzen» auch den Spielplan beträfen, sagt Breder – mehr aber einmal mehr nicht.

Nachfolge soll im Herbst folgen

Wie weiter mit dem Berner Schauspiel? Interimistisch übernimmt Intendant Stephan Märki die Leitung der ganzen Sparte; für die Dramaturgie verantwortlich wird Sophie-Thérèse Krempl, die daneben weiter die Kooperations- und Sonderprojekte des Hauses betreut. Sie sollen die Planung der kommenden Saison 2016/17 weiterführen. Und sicherstellen, dass der ak­tuelle Spielplan realisiert werden kann – am 18. März geht die erste Premiere im Kubus über die Bühne, im Provisorium auf dem Waisenhausplatz.

Und die Nachfolge für Stephanie Gräve? «Nicht morgen, aber auch nicht erst in einem Jahr», sagt Breder. Idealerweise sei im nächsten Herbst eine neue Leitung bestimmt, die dann auch schon die Planung der Saison 2017/18 an die Hand nehmen könne. Das müsste dann nicht nur jemand sein, der Schauspieler zu fördern wisse, so Breder. Sondern auch bestens vernetzt sei und sich gern für spartenübergreifende Theaterformen im ganzen Haus engagiere.

Genau das hat Direktor Märki an Stephanie Gräve derart begeistert gelobt, als er sie in Bern vorgestellt hat. Gerade anderthalb Jahre ist das her. «Bern ist fast unheimlich schön», sagte sie selber damals. (Der Bund)

Erstellt: 21.01.2016, 15:15 Uhr

Artikel zum Thema

Her mit den grossen Menschheitsfragen

In der Stadt ankommen: Das ist das Ziel der neuen Schauspieldirektorin Stephanie Gräve. Dafür intensiviert sie in ihrer ersten Saison auch die Zusammenarbeit mit den Kirchgemeinden. Mehr...

«Ich will viel Publikum»

Konzert Theater Bern Die deutsche Dramaturgin Stephanie Gräve, die vom Theater Basel kommt, wird neue Schauspieldirektorin bei Konzert Theater Bern. Die überzeugte Verfechterin des Mehrspartenbetriebs setzt auf ein starkes Ensemble. Mehr...

Neue Schauspieldirektorin für Bern

Von Bonn über Basel nach Bern: die 45-jährige Stephanie Gräve wird neue Schauspieldirektor in der Bundesstadt. Sie will der Bevölkerung zeigen, dass es auf der Bühne um die Bernerinnen und Berner und ihre Themen geht. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Montag bis Samstag die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt kostenlos abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...