Schaum vorm Mund haben nur die Pferde

Noch scheint die Welt in Ordnung, denn das Buch 2017 ist erst aufgeschlagen. Im Bundeshaus wünscht die neue Bundespräsidentin allen Diplomaten Fortüne – und umgekehrt.

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Markus Dütschler

Da steckt viel Organisation dahinter. Die Herren von der EDA-Sektion Zeremoniell und Besuche am Haupteingang des Bundeshauses halten Tabellen in den Händen, die sagen, wer im Anzug ist. Nach Plan fahren die meist dunklen Karossen vor, entladen ihren Botschafter oder Chargé d’affaires am roten Teppich und fahren weiter.

Nicht alle Chauffeure erwischen den optimalen Haltepunkt, obwohl der grün uniformierte und weiss behandschuhte Weibel klare Zeichen gibt. Wenn ein Botschafter erst umständlich Mantel und Schal auf den Sitz legt, bevor er zum Haupteingang geht, verzögert das den Ablauf. Etwa 150 Länder sind es, die Bundespräsidentin Doris Leuthard (CVP) zum neuen Jahr die Ehre erweisen.

Der Neujahrsempfang ist eine hübsche Mischung aus Weltläufigkeit und Provinzialität, Tradition und Moderne. Auf dem abgesperrten Bundesplatz steht die beliebte Eisbahn, wenige Meter vom Haupteingang des Parlamentsgebäudes entfernt. Man hört Kreischen, Weinen und Lachen, dann poltert es, wenn ein «Schlööfler» mit den Kufen in die Bande knallt.

Polizisten beobachten die Gleitenden aufmerksam, damit kein scheinbarer Eisläufer Böses anstellt und dadurch die Schweizer Diplomatie aufs Glatteis führt. Der Botschafter Israels verlässt sich wie sein Land ungern auf fremden Schutz, sondern führt wie seine Vorgänger einen Mann mit Spiralkabel im Ohr mit sich.

Treffen der drei Bern

Links und rechts des Haupteingangs stehen Berner Dragoner, eine freiwillige berittene Ehrenformation. Die Reiter sitzen in historischen Uniformen im Sattel und gucken unter Perücken streng und würdig in die Runde. Die Dragoner erinnern an die bernische Kavallerie von 1779 zur Zeit des Ancien Régime.

Die Pferde tänzeln nervös. Lieber würden sie sich bewegen, als ruhig zu stehen. Einige haben Schaum vorm Mund. Sie sind die einzigen, denn erstens ist das in der Diplomatie selbst im Konfliktfall fehl am Platz, und am heutigen Tag werden sowieso nur Nettigkeiten ausgetauscht. Pferde dürfen auch das, was sich der eine oder andere Zweibeiner aus Frust über die Bundespolitik im Traum auch schon gewünscht hat: einmal einen prächtig dampfenden Haufen neben den Haupteingang deponieren.

Der Neujahrsempfang ist auch ein Treffen der drei Bern. Regierungspräsidentin Beatrice Simon (BDP) und Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne) fahren im Landauer vor, ebenso der bisherige und der neue Stadtberner Parlamentspräsident: Thomas Göttin (SP) und Christoph Zimmerli (FDP). Der Sozialdemokrat freut sich, endlich einen Hut tragen zu dürfen und damit dem Publikum auf dem Platz zuwinken zu können.

Speziell gelagert ist der Fall beim Stadtpräsidium: Alexander Tschäppät (SP) ist nicht mehr, und die möglichen Nachfolger Ursula Wyss (SP) und Alec von Graffenried (GFL) zittern dem zweiten Wahlgang vom kommenden Sonntag entgegen. Also sitzt Vizepräsident Reto Nause (CVP) als «Reichsverweser» allein in der offenen Kutsche. Und das dritte Bern? Das ist die Burgergemeinde, vertreten durch Rolf Dähler.

Offenheit, Versöhnung und Kompromissbereitschaft

Die Berner Regierung zieht nach einer kurzen Audienz wieder ab, besteigt ihre Landauer und will wegfahren, doch die Pferde wollen nicht – sondern gehen rückwärts. Sofort eilen Pferdeflüsterer vorbei und ziehen am Zaumzeug, denn die Regierung soll schliesslich vorwärts machen, auch wenn sie die Zügel heute nicht selbst in der Hand hält. Gerne hätte Reto Nause noch ins Mikrofon der TV-Reporterin einige Worte gesagt, doch das Protokoll ist unerbittlich: Abfahren, der nächste Landauer naht.

Die Diplomaten bleiben. Sie verteilen sich im Nationalratssaal, nun bei freier Sitzwahl – ein viel farbigeres Bild als bei einer Nationalratsdebatte, nicht zuletzt dank den meist farbig gekleideten afrikanischen Diplomatinnen oder arabischen Vertretern. Wieder gilt es für das EDA-Team, Fehltritte zu verhindern, damit niemandem dasselbe passiert wie der britischen Innenministerin Amber Rudd, die auf dem Weg zur Downing Street Number 10 mit dem Absatz stecken blieb.

Denn auch im Plenarsaal lauern Gefahren: die Absätze zu den Sitzreihen, die nicht markiert sind. Doch niemand stolpert. Der Doyen des diplomatischen Korps, der päpstliche Nuntius Thomas Edward Gullickson, hält sich in seiner Grussadresse kurz. Doris Leuthard wiederum ruft – auf Französisch und Englisch – die Länder auf, sich nicht abzukapseln oder dem Populismus zu frönen, sondern Offenheit, Versöhnung und Kompromissbereitschaft zu leben.

Der Bund

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