Rekordtiefer Wert bei Autoprüfungen

In Bern verkehren viel mehr Velos und etwas weniger Autos. Warum ist das so? Weil das E-Bike boomt, weil Bern eine Mobility-Hochburg ist.

Am Rotlicht beim Bubenbergplatz in Bern haben die Velofahrenden die Nase vorn.

Am Rotlicht beim Bubenbergplatz in Bern haben die Velofahrenden die Nase vorn. Bild: Franziska Rothenbühler

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Am Montag wurde auch im Monbijou ein sogenannter Velobarometer montiert und sein Zähler auf null gestellt. Alleine am gestrigen Tag rollten dort bis am Abend rund 3000 Fahrräder in Richtung Zentrum über den Radstreifen. Weil die Werte an praktisch allen 15 Messstationen für Velos stetig steigen, spricht die Stadtbehörde von einem Beleg für erste Erfolge ihrer «Velo-Offensive» («Bund» vom Dienstag). Gleichzeitig zeigen Verkehrsmessungen einen signifikanten Rückgang des motorisierten Individualverkehrs (MIV) in der Stadt: In den drei Jahren von 2014 bis 2017 sank der konkret gemessene MIV um 9,77 Prozent.

Vier Auffälligkeiten

Ist das nun allein der Erfolg verkehrspolitischer Umerziehung oder Ausdruck anderer, bisher wenig wahrgenommener Ursachen? Die Nachrecherche des «Bund» zeigt vier Auffälligkeiten:

In Bern sinkt nicht nur die Zahl der Familien, die überhaupt ein eigenes Auto besitzen (noch 43,5 Prozent): Gleichzeitig sinkt trotz steigender Einwohnerzahl die absolute Zahl der registrierten Personenwagen. 2015 waren es 46 000, 2017 noch deren 45 000.

Bern ist Carsharing-Stadt par excellence. Nur das weit grössere Zürich zählt mehr Mobility-Nutzer. Wer kein eigenes Auto besitzt, fährt meist deutlich weniger oft Auto. Das Volumen des ruhenden Verkehrs schrumpft: Weniger Autos heisst auch weniger parkierte Autos.

Weniger Bernerinnen und Berner machen überhaupt eine Autoprüfung. Der Überraschungswert liefert das letzte Jahr: 2017 legten zehn Prozent weniger Leute die praktische PW-Führerprüfung (Kategorie B) ab als im Vorjahr. Waren es 2016 noch 17 500, wurden 2017 noch 15 000 Autoprüfungen abgenommen.

Und die Stadt Bern grenzt sich auffällig gut ab: In der Stadt selbst nimmt der motorisierte Verkehr ab, auf den Nationalstrassenabschnitten rund um Bern rollt aber signifikant mehr Verkehr.

Der grosse Treiber Nr. 1

Wer nach den Gründen für diese messbaren Veränderungen sucht, stösst auf gesellschaftspolitische Trends, also auf Verhaltensänderungen: Das Auto ist nicht mehr ultimatives Statussymbol. Parallel dazu sinkt generell das Verlangen, Güter selber zu besitzen. Diese Einschätzung stammt von Karl Vogel, dem Verkehrsplaner der Stadt Bern: «Die Bereitschaft, etwas zu leihen, steigt.» Diese Entwicklung fördere einen neuen Zugang zur Mobilität: «Viele überlegen sich heute viel stärker, wie sie ihre eigene Mobilität ausgestalten wollen.» Mal sei der ausgeliehene Lieferwagen das Richtige, mal das E-Bike, mal «der sehr gut ausgebaute öffentlichen Verkehr».

Mobility, das wichtigste Carsharing-Unternehmen der Schweiz, hat einen ähnlichen Blick auf die urbane Mobilität: Typische Mobility-Kunden seien insgesamt nicht weniger unterwegs als klassische Autobesitzer. Ihr wichtigstes Beförderungsmittel sei aber der öffentliche Verkehr. Mobility-Sprecher Patrick Eigenmann sieht übrigens Bern im schweizweiten Vergleich sehr weit vorn: Mit heute 9500 Kunden (2014: 8000) sei Bern die zweitstärkste Mobility-Stadt überhaupt – hinter Zürich, aber vor Basel, Lausanne, Genf. Und Eigenmann doppelt nach: «Die Zeiten, als das Auto das höchste Statussymbol war, sind vorbei.»

Der grosse Treiber Nr. 2

Die klassischen Radfahrerinnen und Radfahrer, die die Topografie Berns tapfer bewältigen, mögen es zwar beklagen: Aber nebst der Verhaltensänderung in Sachen Auto ist der bedeutende Treiber Nr. 2 nach Einschätzung der Verkehrsexperten der Siegeszug des E-Bikes. Zwar sei bereits das klassische Velo das oft schnellste Verkehrsmittel, um in der Stadt von A nach B zu gelangen, sagt Verkehrsplaner Vogel. Das E-Bike aber sei das Gefährt, das mehr Menschen dazu bringe, vom Auto aufs Zweirad umzusteigen: «Das E-Bike ist in der Stadt definitiv das schnellste Verkehrsmittel.» Und: Das ultimative Bike ist womöglich das neue Statussymbol. Vogel kommt zu diesem Schluss, weil die Güte des städtischen Velonetzes kein ausreichender Grund für den Trend sei: «Es ist schlichtweg noch keineswegs perfekt.»

Und gleich noch ein Treiber Nr. 3?

Entpuppt sich der Rückgang der Autoprüfungen als neuer grosser Hebel bei der Umkrempelung des Verkehrsverhaltens? Der Rückgang um 10 Prozent innerhalb eines Jahres erscheint auf jeden Fall spektakulär. Beat Keller, Stabschef des bernischen Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamtes, mahnt zwar, vorsichtig zu deuten: Die Prüfungszahlen schwankten. Allerdings sei der neue Tiefstwert von 15 000 Autoprüfungen pro Jahr auch im Vergleich mit weiter zurückliegenden Referenzjahren auffällig, räumt Keller ein. Auffällig ist zudem, dass die Zahl der Motorradprüfungen praktisch unverändert blieb. Als Ursache der rekordtiefen Autoprüfungszahlen kommt vorab das urbane Verkehrsverhalten infrage.

Recht schwierig zu deuten ist der Umstand, warum sich die zwischen 2013 und 2016 auf den stadtnahen Autobahnabschnitten gemessenen Verkehrszunahmen nicht aufs innerstädtische Verkehrsaufkommen durchschlugen. Vielleicht ist dies schlicht ein verkannter Erfolg der städtischen Verkehrspolitik? Oder Ausdruck gelehriger Automobilisten, die erkannt haben, dass sich die Fahrt in die Stadt per Auto nicht lohnt? Bei den Berufspendlern ist dieser Erkenntniszuwachs auf jeden Fall belegbar: Ein grosser Teil der Velofahrenden, die Bern nun schulterklopfend und per Barometer erfasst, pendeln aus umliegenden Gemeinden in die Stadt. (Der Bund)

Erstellt: 26.04.2018, 06:38 Uhr

Veloboom

Plus 35 Prozent

Bis im Juli 2003 war der Bundesplatz in Bern ein Parkplatz. Seine Umgestaltung stellte für die Stadt einen grossen verkehrspolitischen Umbruch dar. Anfang Woche dokumentierte nun die Stadtbehörde Indikatoren für einen weiteren Umbruch: Der Veloverkehr nimmt massiv zu. Innerhalb von nur drei Jahren stieg sein Volumen um 35 Prozent (2014–2017). Vom verkehrspolitischen Ziel, den Anteil des Veloverkehrs am Gesamtverkehr auf 20 Prozent zu heben, ist Bern allerdings noch weit entfernt. Derzeit klettert der Wert über die 15-Prozent-Marke. Neue Velobarometer visualisieren seit Montag permanent die weitere Entwicklung der Velozahlen. (mul)

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