Reitschule entscheidet bald über ein Bekenntnis zum Gewaltverzicht

Vermittler Hans Wiprächtiger und Reitschul-Exponenten wollen das Image der Berner Reitschule verbessern.

Offen für Gespräche? Die Reitschule soll wieder mit der Polizei reden.

Offen für Gespräche? Die Reitschule soll wieder mit der Polizei reden.

(Bild: rot)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Polizeiverbandschef Adrian Wüthrich ist nicht erstaunt: «Haben Sie irgendetwas Neues aus dem Reitschul-Bericht der Kantonspolizei erfahren?», fragt der SP-Grossrat rhetorisch. Am Montag wurde ein Bericht der Polizei an den Berner Gemeinderat publik, in dem von über 200 Vorfällen rund um die Reitschule seit Mitte 2015 die Rede ist. «Der Polizeiverband weist seit Jahren darauf hin, dass die Gewalt gegen die Polizei zunimmt und dass die Präsenz von Drogendealern vor der Reitschule problematisch ist», sagt Wüthrich dazu.

Auch fordere der Verband seit jeher Verbesserungsmassnahmen wie eine bessere Ausleuchtung des Areals unter dem Eisenbahnviadukt und die Klärung der Verantwortlichkeiten auf dem Vorplatz. «Ein erster wichtiger Schritt wäre aber eine Distanzierung der Reitschule von gewaltbereiten Gruppierungen», sagt der Verbandspräsident.

Auftritt vor der Vollversammlung

Zumindest in Bezug auf Letzteres gibt es nun einen Hoffnungsschimmer. «Die Reitschule muss raus aus der Gewalt- und Schmuddelecke», sagt Alt-Bundesrichter Hans Wiprächtiger, der seit einem Jahr im Auftrag des Gemeinderats zwischen der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) und der Kantonspolizei vermittelt.

Wiprächtiger wurde vom einstigen Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät (SP) als Moderator eingesetzt, nachdem die Gespräche zwischen der Reitschule und der Polizei endgültig abgebrochen worden waren. Er hat den Auftrag, die Exponenten wieder an einen Tisch bringen.

Bevor es so weit ist, will der Alt-Bundesrichter aber das Selbstverständnis der Reitschule klären. Dazu hat er sich mehrmals mit Exponenten des Zentrums getroffen, um gemeinsam ein Konzept zur Imageverbesserung zu erarbeiten. Anfang Mai will er dieses an der Vollversammlung vorstellen. Ob sich die Versammlung hinter das Konzept stellen wird, ist offen. «Meine Gesprächspartner haben mir versichert, dass sie mich unterstützen werden.»

Wiprächtiger stört sich daran, dass das Kulturzentrum weitherum als «Hort des Unfriedens» und Ausgangspunkt von gewalttätigen Kundgebungen wahrgenommen werde. Dabei sei es äusserst wichtig für die Jugendlichen und leiste hervorragende kulturelle Arbeit, sagt Wiprächtiger.

Im aktuellen Bericht der Kantonspolizei wird nun aber erneut das negative Image deutlich. Er habe ihn zwar noch nicht zur Kenntnis genommen, sagt Wiprächtiger, kenne aber ähnliche Situationsberichte. «Die Berichte beelenden mich.» Allerdings seien sie auch mit Vorsicht zu geniessen.

So sei er etwa an der Evakuationsübung dabei gewesen, die im aktuellen Bericht erwähnt wird. Damals sei vereinbart worden, dass die Kantonspolizei das Kulturzentrum nur im Notfall betreten solle. Schliesslich seien aber doch zwei Zivilpolizisten während der Übung weggewiesen worden, sagt Wiprächtiger (siehe Box).

Trotz seines unterstützenden Ansatzes hat der alt Bundesrichter aber auch Forderungen an die Ikur. Zentrales Element des Konzeptes sei eine Distanzierung von der Gewalt. Auch die Behinderungen von Amtshandlungen gehörten dazu. Die Reitschul-Betreiber würden Letzteres stets konsequent bestreiten. «Trotzdem dürfen sie nicht mehr länger Rücksicht auf eine gewaltbereite Minderheit nehmen», sagt Wiprächtiger.

«Viele Polizisten sind ungeduldig»

Zu einem runden Tisch mit der Kantonspolizei wird es erst dann kommen, wenn die Vollversammlung das Konzept verabschiedet hat. «Mein Auftrag ist erfüllt, wenn wieder regelmässige Gespräche zwischen der Reitschule und der Kantonspolizei stattfinden», sagt Wiprächtiger.

Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) habe ihm dafür Zeit bis zum Sommer gegeben – mit der Option auf eine Verlängerung bis Ende Jahr. Auch Gegner könnten aufeinander zugehen, zeigt sich Wiprächtiger überzeugt. «Die kolumbianische Regierung konnte auch mit der Guerilla reden.»

Dafür brauche es die Gesprächsbereitschaft beider Seiten, ergänzt Polizeiverbandschef Wüthrich. Auch bei der Polizei gebe es Feindbilder, die hinterfragt werden müssten. Daher hoffe er auf das Gelingen der Vermittlungsarbeit Wiprächtigers. Vor zwei Jahren habe der Gemeinderat Massnahmen zur Beruhigung der Situation angekündigt, aber seither sei nicht viel geschehen. «Viele Polizisten sind ungeduldig. Aber wir müssen dem neuen Stadtpräsidenten eine Chance geben», sagt Wüthrich.

Der Bund

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