Reineres Kokain sorgt in Bern für Überdosen

Zurzeit ist hochwertiges Kokain auf dem Markt. Weniger Streckmittel bedeuten aber nicht weniger Probleme.

Das Kokain auf dem Berner Markt ist zurzeit von hoher Qualität. Das macht es aber nicht ungefährlicher – im Gegenteil.

Das Kokain auf dem Berner Markt ist zurzeit von hoher Qualität. Das macht es aber nicht ungefährlicher – im Gegenteil. Bild: Franziska Scheidegger

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Sind qualitativ bessere Drogen in jedem Fall weniger gefährlich? Offenbar nicht, wie sich aktuell auf den Strassen Berns zeigt: Das hier erhältliche Kokain enthält derzeit weniger Streckmittel als auch schon – was zu Problemen mit Überdosen führt.

Dies habe man in den letzten Wochen bemerkt, sagt Silvio Flückiger von der mobilen Interventionsgruppe Pinto Bern auf Anfrage des «Bund». Die Qualität der Drogen bewege sich immer in Wellen.

So habe man in den letzten vier bis fünf Wochen festgestellt, dass vermehrt Stoff mit einem Kokainanteil von 80 bis 85 Prozent im Umlauf sei, sagt Flückiger. Tests im Pharmazeutischen Kontrolllabor des Kantonsapothekeramts Bern von 2014 bis 2016 ergaben einen durchschnittlichen Anteil von etwa 70 Prozent – Tendenz steigend.

Streckmittel sind die Norm

Reines Kokain ist relativ selten. Je nach verwendeten Streckmitteln kann das eine zusätzliche Gefahr bedeuten, etwa wenn nierenschädigende Schmerzmittel, Lokalanästhetika oder Entwurmungsmittel für Tiere verwendet werden – alles Substanzen, welche das Labor des Kantonsapothekeramts in Analysen entdeckt hat.

Diese Zusätze sind besonders gefährlich, weil sie selbst eine gesundheitsschädigende Wirkung auf Körper und Psyche haben, im Unterschied etwa zu inaktiven Streckmitteln, wie Milchzucker.

So gesehen sind Dosen mit einem höheren Kokainanteil weniger schädlich. «Vorausgesetzt, man ist sich des Wirkstoffanteils einer Substanz bewusst, können durch genaues Dosieren Risiken minimiert werden», sagt Christina Beglinger von der Suchthilfestiftung Contact.

Doch wenn sich Konsumierende nicht bewusst seien, dass sie Stoff mit einem höheren Wirkstoffanteil zu sich nehmen, berge das ebenso Gefahren. «Mit dem steigenden Reinheitsgrad steigt auch die Gefahr einer Überdosierung.» Grundsätzlich liege die Gefahr vor allem in der variierenden Qualität der Substanzen.

Keine Todesfälle

Zu tödlichen Überdosierungen ist es bisher offenbar noch nicht gekommen. Zumindest seien bei Pinto keine bekannt, sagt Flückiger. Ob es gar keine Todesfälle gegeben habe, wisse man aber nicht. Auch die Kantonspolizei Bern hat nicht mehr Drogentote gezählt.

«Aufgrund der tiefen Zahlen in den vergangenen Jahren lassen sich keine Rückschlüsse auf einen Zusammenhang von Reinheitsgrad der Betäubungsmitteln und Drogentod machen», heisst es bei der Medienstelle. Und Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt des Notfallzentrums des Inselspitals, sagt, es sei schwierig, aufzuschlüsseln, wer wegen einer Überdosis an reinerem Kokain im Notfall lande. «Viele der eingelieferten Patienten mit Drogenvergiftung haben mehrere Substanzen zusammen konsumiert.».

Dass der Mischkonsum zugenommen habe, hat auch Isabel Calvo von der Gassenarbeit Bern festgestellt. «Personen mit einer reinen Heroinüberdosierung etwa, treffen wir praktisch keine mehr an.»

Bisher ist es zwar nicht zum Schlimmsten gekommen, auf der Strasse hat das potentere Kokain aber seine Wirkung entfaltet. Überdosierungen habe es in der letzten Zeit tatsächlich relativ viele gegeben, sagt Flückiger. «Aber wir konnten alle Personen, die wir mit Überdosierungen angetroffen haben, betreuen, bis sich ihre Situation normalisiert hatte.» Krampfanfälle, Atemstörungen oder Paranoia seien Symptome, welche Pinto in letzter Zeit vermehrt beobachtet habe.

In solchen Situationen versuche man, die Szene zu warnen. Dass es bisher zu keinen Todesfällen gekommen ist, hängt auch mit der Konstitution vieler der Konsumenten zusammen. Langzeitabhängige etwa verkrafteten eine stärkere Dosis. Zudem spreche es sich auf der Gasse sehr schnell herum, wenn sich die Qualität der Drogen verändere.

Kokainanteil steigt seit 2009

Neben den grösseren Schwankungen in kurzen Zeiträumen lässt sich auch ein allgemeiner Trend ausmachen. Seit einigen Jahren stellt das Labor des Kantonsapothekeramts fest, dass der durchschnittliche Kokainanteil in den Proben seit 2009 stetig ansteigt.

Noch bis 2009 hatte der durchschnittliche Anteil auf nur 30 Prozent abgenommen. In den letzten Jahren ist die Anzahl von Proben mit sehr tiefem Kokainanteil gesunken. Es sei aber gefährlich, eine allgemeine Aussage zu machen, sagt der Leiter des Labors, Hans-Jörg Helmlin. Die Streuung unter den Proben sei sehr breit. (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2017, 06:47 Uhr

Kokain in der Schweiz

Seit 2011 führt das Suchtmonitoring Schweiz regelmässig Befragungen zum Kokainkonsum durch. Demnach gaben 2015 0,4 Prozent der befragten Personen an, mindestens einmal im Jahr Kokain zu konsumieren. Zahlen für den Konsum bei 15-Jährigen liegen für 2014 vor.

Hier gaben rund 1 Prozent der Jungen und etwa 2 Prozent der Mädchen an, schon einmal Kokain konsumiert zu haben. Am stärksten verbreitet ist Kokain bei Personen zwischen 20 und 24 Jahren. 1,9 Prozent der Befragten dieser Altersgruppe haben im letzten Jahr mindestens einmal Kokain konsumiert. In der Tendenz hat der Kokainkonsum in allen Altersgruppen zugenommen.

«Die Zahl der Drogenpatienten hat sich verdoppelt»

Herr Exadaktylos, zeigt sich das reinere Kokain auch in der Notaufnahme des Inselspitals?
Die Wirkung einer einzelnen Substanz ist schwierig zu ermitteln. Die meisten unserer Patienten, die wegen Drogen in die Notfallaufnahme kommen, haben mehrere Substanzen konsumiert.

Was sind das für Substanzen?
Wir haben in einer kürzlich veröffentlichten Studie über 400 Dossiers von Patienten mit Drogenvergiftungen, die in den Jahren 2012 bis 2016 zu uns in die Notfallabteilung kamen, analysiert. Die häufigsten Substanzen waren Kokain, Cannabis und Benzodiazepine. In fast 40 Prozent der Fälle war mehr als eine Droge im Spiel. Bei mehr als der Hälfte der Patienten kam zudem Alkohol dazu.

Wer ist der typische Notfallpatient mit Drogenvergiftung?
Laut unserer Analyse ist der Patient männlich und etwas über dreissig Jahre alt. 46 Prozent der Patienten wurden jeweils am Wochenende eingeliefert.

Hat die Anzahl der Fälle in den letzten Jahren zugenommen?
Wir sehen immer weniger Patienten mit einer reinen Alkoholvergiftung. Doch die Zahl der Drogenpatienten – oft mit mehreren konsumierten Substanzen – hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt.

Trotzdem gibt es auf der Notfallstation wenig Todesfälle. Warum das?
In den vier untersuchten Jahren sind nur zwei Patienten gestorben. Einerseits wegen der guten Zusammenarbeit mit der Sanitätspolizei. Andererseits sind wir auf dem Notfallzentrum auch gut vorbereitet und ausgerüstet um solchen Vergiftungsnotfällen zu begegnen. Die meisten Patienten werden deshalb innerhalb von 24 Stunden noch aus dem Notfall nach Hause entlassen.

Wie steht Bern im Vergleich da?
Eine Studie in Basel kam bezüglich Substanzen zu einem ähnlichen Schluss, die Resultate sind also schweizweit gültig. Im europäischen Vergleich hatten wir deutlich weniger Patienten, die Heroin konsumiert hatten.

Aris Exadaktylos ist Chefarzt des Notfallzentrums im Inselspital

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