Rechtsradikale überfallen besetztes Haus in Bern

Mit Schlagstöcken bewaffnete Männer haben ein besetztes Haus in Bern gestürmt. Die Besetzer vermuten einen politischen Hintergrund.

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«Es ging alles sehr schnell, bloss wenige Minuten», sagt ein Bewohner des besetzten Hauses an der Matzenriedstras­­se dem «Bund». Der Schock sitzt dennoch tief: Am Samstagabend, kurz vor halb zehn Uhr, wurde das Haus von einer Gruppe Männer gewaltsam gestürmt. Die Angreifer seien mit Schlagstöcken bewaffnet und mit Sturmhauben maskiert gewesen. «Sie rannten ins Haus, schlugen auf Einzelne von uns ein und warfen Mobiliar aus dem Fenster.» Das Ziel der Angreifer sei wohl gewesen, die Hausbesetzerinnen und Hausbesetzer zu vertreiben. Diese sind erst am Donnerstag in das Haus eingezogen. Die Liegenschaft gehört einer Erbengemeinschaft. Der Verkauf an die Stadt steht jedoch kurz bevor. «Wir wollen eine Stadt, die Wohnraum als Wohnraum und nicht als Kapital abwerfendes Investitionsobjekt behandelt», schrieben sie in einer Mitteilung.

Die Angreifer gehören dem Anschein nach der rechtsradikalen Szene an. Einer der Angreifer hatte gemäss den Ausführungen des Hausbesetzers einen Pullover mit der Aufschrift «Combat 18» an. Combat 18 steht für «Kampftruppe Adolf Hitler» und ist der Name einer gewalttätigen neonazistischen Gruppierung, die europaweit agiert. Die Ziffern 1 und 8 verweisen auf die Initialen von Hitler, beziehungsweise auf deren Position im Alphabet.

Bereits erste Personenkontrollen

Die Kantonspolizei hat Kenntnis von dem Vorfall. «Wir wurden von den Hausbesetzern gerufen, weil sich vermummte Personen Zutritt zum Haus verschafft haben», sagt Polizeisprecher Nicolas Kessler. Er bestätigt auch Augenzeugenberichte, wonach bereits erste Personenkontrollen «im Zusammenhang mit dem Vorfall» stattgefunden haben. Über einen politischen Hintergrund der Tat will er aber nicht spekulieren. «Alles Weitere ist Gegenstand von Abklärungen.»

Die Besetzerinnen und Besetzer haben mindestens einen der Angreifer erkannt. Dies weil sie bereits am Donnerstag Besuch von einer Gruppe rechtsgerichteter Männer erhalten haben. «Sie forderten uns auf, das Haus zu verlassen», sagt der Besetzer. Die Gruppe habe das damit begründet, dass die Hausbesetzer mit ihrem Handeln «gegen die traditionellen Werte auf dem Land» verstiessen. Die schätzungsweise 30-jährigen Männer seien sehr aggressiv aufgetreten und hätten Gewaltdrohungen ausgesprochen. Zu Übergriffen sei es am Donnerstag aber nicht gekommen. «Die Männer waren auch nicht maskiert.» Die Besetzerinnen und Besetzer vermuten, dass bei den beiden Vorfällen dieselben Personen involviert waren.

Gestern Nachmittag haben sie zusammen mit Sympathisanten eine Spontandemonstration vor Ort durchgeführt. Rund 50 Personen zogen durch Oberbottigen. Die Kundgebung verlief friedlich. «Wir wollten damit die lokale Bevölkerung aufrütteln», sagt der Hausbesetzer. Er geht davon aus, dass die Täter aus der näheren Umgebung stammen und bei den Bewohnern in Oberbottigen bekannt sind. «Hier kennt wohl jeder jeden.» Das besetzte Haus liegt zwar auf Stadtboden, die Umgebung um die Matzenried­strasse ist aber spärlich besiedelt und verfügt über einen ländlichen Charakter. Ob man eine Strafanzeige einreiche, habe man noch nicht entschieden. «Ich hoffe einfach, dass die Bevölkerung nicht wegschaut.»

DerBund.ch/Newsnet

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