Profillose Stapi-Kandidaten

Bisher haben von den Stadtpräsidiumskandidaten nur Reto Nause und Stefan Theiler den Smartvote-Fragebogen ausgefüllt.

Reto Nause (links) hat den Fragebogen unmittelbar nach Erhalt ausgefüllt. Auch Aussenseiter Stefan Theiler (rechts) verfügt bereits über einen «Spider».

Reto Nause (links) hat den Fragebogen unmittelbar nach Erhalt ausgefüllt. Auch Aussenseiter Stefan Theiler (rechts) verfügt bereits über einen «Spider». Bild: Adrian Moser / F. Rothenbühler

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Reto Nause (CVP) oder Stefan Theiler (Neue Berner Welle). Einer dieser beiden Kandidaten wird Nutzern des Wahlhilfetools Smartvote zurzeit vorgeschlagen, wenn sie nach dem Stadtpräsidiumskandidierenden mit den grössten inhaltlichen Übereinstimmungen suchen. Die anderen sieben Kandidierenden sind im wahrsten Sinne des Wortes: profillos.

Der Grund dafür ist weder ein Fehler im Algorithmus von Smartvote noch ein Manipulationsversuch seitens der Macher des Wahlhilfetools. Die anderen Kandidierenden haben schlicht den Fragebogen noch nicht ausgefüllt. Zeit dafür hätten sie eigentlich genug gehabt.

«Wir haben allen Kandidaten innerhalb der letzten zwei, drei Wochen die Zugangsdaten zu ihren Benutzerkonten zugestellt», sagt Smartvote-Mitbegründer Jan Fivaz auf Anfrage. Er rechnet damit, dass alle Kandidierenden den Bogen in den nächsten Wochen ausfüllen werden. «Wir werden die Kandidaten nochmals mittels eines Schreibens daran erinnern.»

Bei den beiden Topfavoriten dürfte das nicht nötig sein. «Ich werde den Fragebogen voraussichtlich am Wochenende ausfüllen», sagt Gemeinderätin Ursula Wyss (SP). Bisher sei sie noch nicht dazu gekommen. Auch Alec von Graffenried verspricht, das Profil innert Wochenfrist zu erstellen. «Ich wollte es bereits vor einem Monat machen – damals war Smartvote leider noch nicht aufgeschaltet.»

Wie Wyss macht er zeitliche Gründe für die Verzögerung verantwortlich. «Ich war eine Woche lang in den Ferien und kann das Profil daher erst diese Woche erstellen.»

Lutz: «Nichts zu verlieren»

Ist es für Kandidierende nicht ein Nachteil, wenn sie auf Smartvote (noch) nicht vertreten sind? Politologe Georg Lutz sagt, er sei jedenfalls «erstaunt», dass die Kandidierenden ihre Fragebögen bisher nicht ausgefüllt hätten. Auch wenn der Einfluss von Smartvote wohl nicht «matchentscheidend» sei, hätten die Kandidieren doch «etwas zu gewinnen und nichts zu verlieren», so Lutz.

Für Smartvote-Mitbegründer Fivaz ist es noch zu früh, um einen negativen Effekt für die Nachzügler zu prognostizieren. Die meisten Wahlempfehlungen würden rund um das Versanddatum der Wahlunterlagen erstellt, sagt er. «Wer in den nächsten Tagen den Fragebogen ausfüllt, hat noch nichts verloren.» Zudem sei unklar, wie gross die Wirkung der Wahlhilfeplattform tatsächlich sei.

Stapelt da der Smartvote-Macher tief? Schliesslich hat Smartvote bei den letzten Stadtberner Wahlen 18'000 Wahlempfehlungen auf 33'000 Wählende erstellt. «Das stimmt schon, wir wissen aber nicht, wie ‹sklavisch› sich die Smartvote-Nutzer an die Wahlempfehlungen halten», sagt Fivaz. Eine Untersuchung zu den Nationalratswahlen habe gezeigt, dass nur rund fünf Prozent der Nutzer die Wahlempfehlungen unverändert übernähmen.

«Zum Glück, denn dafür ist Smartvote nicht gedacht.» Schliesslich gebe es auch noch andere Faktoren wie etwa die Wahlchancen eines Kandidaten, dessen bisherige Leistungen oder seine Erfahrungen aufgrund des beruflichen Werdegangs. «Diese berücksichtigt Smartvote nicht – kluge Wähler aber durchaus.»

Nause: «Überzeugende Wahlhilfe»

Bei Politikern stösst das Wahlhilfetool nicht nur auf ungeteiltes Lob. Häufig wird etwa die Auswahl oder die Formulierung der Fragen kritisiert. Zudem, so heisst es zuweilen, liege der Fokus auf der Position statt auf der Argumentation der Politiker. Obwohl Letzteres bei gewissen Themen aussagekräftiger wäre.

Solche Grundsatzkritik findet man bei den Berner Stapi-Anwärtern nicht. «Smartvote ist eine überzeugende Wahlhilfe», sagt etwa Reto Nause. Zwar habe er sein Profil etwas «mittiger» erwartet, als es letztlich herausgekommen sei. Dennoch fühle er sich von seinem «Smartspider» insgesamt gut repräsentiert. Mehr Mühe mit dem Tool bekundet Alec von Graffenried.

Die Frage nach einem Freihandelsabkommen mit den USA etwa lasse sich nicht mit «Ja» oder «Nein» beantworten. «Wichtiger wären etwa die Bedingungen eines solchen Abkommens, solche Fragen bleiben aber ausgeblendet.» Trotzdem sei Smartvote grundsätzlich eine gute Wahlhilfe.

Für Georg Lutz, der für einzelne Untersuchungen bereits mit den Smartvote-Machern zusammengearbeitet hat, überwiegen die Vorteile deutlich. Viele Wahlentscheide basierten auf wenig aussagekräftigen Kriterien wie Alter oder Geschlecht der Kandidierenden.

«Die Forschung hat gezeigt, dass gar das Aussehen der Kandidaten eine Rolle spielt.» Daher sei von einer Wahl mittels Smartvote sicher nicht abzuraten. «Auch wenn sich über die Auswahl der Fragen und die Methodik immer diskutieren lässt.»

Wie sieht Ihr Smartspider aus? Auf smartvote.ch können Sie den Fragebogen ausfüllen.

(Der Bund)

Erstellt: 12.10.2016, 07:06 Uhr

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