«Mit diesem Bau leistet die Stadt der Gentrifizierung in der Lorraine Vorschub»

Die Stadt baut am Centralweg 13 Wohnungen für den Mittelstand – Gemeinderat Schmidt kontert Kritik aus Quartier und Politik.

Werden teurer: Die geplanten «Baumzimmer»-Wohnungen in der Lorraine.

Werden teurer: Die geplanten «Baumzimmer»-Wohnungen in der Lorraine. Bild: zvg

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«Wir sind schwer enttäuscht», sagt Catherine Weber vom Quartierverein Läbigi Lorraine. «Der Gemeinderat sagt bei jeder Gelegenheit, wie wichtig die soziale Durchmischung der Quartiere sei. Aber baut die Stadt dann mal selbst, ist sie offenbar nicht fähig oder nicht willens, günstigen Wohnraum zu schaffen.»

Catherine Weber spricht von der Überbauung am Centralweg. Am Donnerstag hat der Stadtrat einen Kredit von 8,8 Millionen Franken für eine Überbauung mit 13 Wohnungen und einem Atelier gesprochen. Aber er hat es auf Antrag der GLP abgelehnt, dass der Bau aus dem Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik mit 2,65 Millionen Franken subventioniert wird, damit günstigere Mieten verlangt werden könnten. Eine Parlamentsmehrheit war der Meinung, der Fonds sei dazu da, wirklich günstigen Wohnraum zu ermöglichen. Es dürfe nicht sein, dass damit Wohnungen für den Mittelstand vergünstigt würden und die Stadt den Fonds so «zweckentfremde». Die Mieten der Wohnungen am Centralweg wären nämlich trotz Subventionierung nicht so tief gewesen, dass sie unter die Kategorie «günstiges Wohnen» gefallen wären – obwohl die Stadt 2009 versprochen hatte, dort zumindest teilweise Wohnungen «im Preissegment ‹günstiger Wohnraum›» zu schaffen.

Mieten 25 bis 30 Prozent teurer

Das heisst: Die Stadt wird nun am Centralweg marktübliche Mieten verlangen müssen. Gemäss dem zuständigen Gemeinderat Alexandre Schmidt werden die Mieten nun 25 bis 30 Prozent höher ausfallen als geplant. Eine 2,5-Zimmer-Wohnung wird auf gut 1500 Franken zu stehen kommen, eine Attika-Wohnung mit 3,5 Zimmern netto auf etwa 2200 Franken. Statt knapp 300'000 Franken wird die Stadt über 400'000 Franken pro Jahr einnehmen.

Das diene dem Quartier in keiner Weise, sagt Catherine Weber. «Mit diesem Bau leistet die Stadt der Gentrifizierung im Quartier Vorschub.» Sie befürchtet, dass vorwiegend «besser verdienende Kinderlose» am Centralweg einziehen werden. Mit dieser Kritik müsse sich der Quartierverein an den Stadtrat wenden, der der Subventionierung eine Abfuhr erteilt habe, sagt Gemeinderat Alexandre Schmidt. Für ihn sei es «kein herber Rückschlag», dass die Wohnungen nun zu marktüblichen Preisen angeboten würden. «Man muss das Ganze sehen», sagt Schmidt. Die Mieterträge vom Centralweg würden wieder in den Fonds fliessen – und damit könnten dann andernorts günstige Wohnungen finanziert werden. Ziel des Gemeinderats bleibe es, die Zahl der vergünstigten Wohnungen von derzeit unter 600 auf mindestens 800 zu erhöhen. «Am Centralweg hat es jetzt halt nicht geklappt», sagt Schmidt. «Aber wir werden diese günstigen Wohnungen andernorts schaffen.»

«Jeder will sich Denkmal setzen»

Dass ernsthaft versucht wurde, günstige Wohnungen bereitzustellen, bezweifelt GPB-Stadtrat Luzius Theiler: «Die Stadt hatte gar nie den Willen dazu», sagt er. Sonst hätte sie bei der Ausschreibung etwa ein maximales Kostendach festlegen und die Grösse der Wohnungen beschränken müssen, was aber nicht geschehen sei. Das Problem, sagt Theiler, sei, dass sich die politischen Entscheidungsträger mit Prestigeprojekten profilieren wollten: «Jeder, der politisch tätig ist, will sich ein Denkmal setzen.» Alexandre Schmidt lässt diese Kritik nicht gelten. Es sei «fast nicht möglich» gewesen, mit den für die Überbauung vorgegebenen Kriterien – unter anderem dem Minergie-P-Eco-Standard – ganz günstige Wohnungen zu schaffen, sagt er.

Theiler wollte das Geschäft am Donnerstag ganz zurückweisen und den Gemeinderat ein deutlich günstigeres Projekt ausarbeiten lassen. Er fand damit knapp keine Mehrheit. Theiler stimmte darauf dem GLP-Antrag zu, die Subvention nicht zu bewilligen. Damit stellte er sich gegen SP und Grüne, die die Zuschüsse geschlossen unterstützen wollten – wenn auch ohne Begeisterung. Auch sie sahen das Versprechen von günstigem Wohnraum als nicht eingelöst an – wollten aber die Mieten am Centralweg dennoch möglichst tief halten. Weil sich die GFL gegen eine Subventionierung stellte, wurde diese abgelehnt und die gemäss Theiler «bessere von zwei unerfreulichen Varianten» gewählt: «Jetzt werden zwar ein paar Wohnungen etwas teurer, aber dafür bleiben 2,6 Millionen Franken erhalten, um wirklich günstigen Wohnraum zu fördern. Und die Stadt hat gemerkt, dass es so nicht geht.» (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2013, 09:33 Uhr

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