Marzili von Mitwirkungen überfordert

Die Berner Bevölkerung soll bei Bauprojekten früh einbezogen werden – so willl es die Stadtregierung. Wie das Beispiel auf dem Gaswerkareal aber zeigt, ist das einigen zu viel des Guten.

Neben der Überbauung soll es auf dem Gaswerkareal auch Platz für Freiräume geben.

Neben der Überbauung soll es auf dem Gaswerkareal auch Platz für Freiräume geben. Bild: Adrian Moser

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Die Planung des Gaswerkareals soll in Gang kommen: Rund 14 Planungserklärungen hat der Stadtrat Anfang Jahr zum Berner Gaswerkareal verabschiedet. Die Stadt plant unter anderem Wohnungen auf dem weitläufigen Areal. Um die Bevölkerung und die verschiedenen Interessen möglichst früh aufzufangen, wünscht sich die Stadt eine Mitwirkung der Bevölkerung. Nun sind verschiedene sogenannte Partizipationsverfahren geplant.

So lädt das Stadtplanungsamt ausgesuchte Interessierte zu einem Workshop zum Thema «Freiraum» ein. Darunter Gewerbetreibende, Quartier- und Anwohnergruppen und Vereine, die im Marzili ansässig sind. «Ziel ist das Herausschälen von Erwartungen», schreibt das Stadtplanungsamt, das für die Planung verantwortlich ist. Nicht eingeladen sind die Besetzer, die momentan dort hausen.

Vereine sind überfordert

Nach einer ersten Anfrage zeigen sich einige Interessengruppen aber nicht gerade begeistert von einer solchen Mitwirkung. Der Teamleiter des Gaskessels, Francisco Droguett, sagt, dass man die Einladung erhalten habe. «Es ist aber noch offen, ob wir am Workshop teilnehmen.» Man müsse noch abklären, ob man dazu die Ressourcen aufbringen könne.

Der Grund für die hohe Auslastung ist ein anderes Mitwirkungsverfahren: Die Stadt, das Jugendamt und die Betreiber des Gaskessels diskutieren darin, ob das Jugendzentrum am selben Standort bleibt oder verschoben werden muss.

Auch der Quartierverein Marzili reagiert nicht erfreut. Jana Papritz aus dem Vorstand kritisiert insbesondere den Zeitpunkt der Einladung. «Soeben sind die Baupläne zum Hochwasserschutz aufgelegen.» Das Gebiet an der Aare auf der Höhe des Gaswerkareals sei schliesslich auch Freiraum. «Warum organisiert die Stadt also nicht früher eine solche Diskussion?» Auch beim Quartierverein sind die Kapazitäten ausgeschöpft: «Die Sanierung des Marzili-Bades, das Baugesuch für den Hochwasserschutz, das gibt dem Verein alles viel zu tun.» Der Quartierverein hat gegen die Hochwasserschutzpläne der Stadt Einsprache erhoben.

Seit Jahren versuche man zudem die Behörden dazu zu bringen, die Projekte Sanierung des Marzili das Hochwasserkonzept und das Projekt auf dem Gaswerkareal zu koordinieren. Dass die Partizipationsverfahren zu einer Last werden könnten, ist Stadtpräsident Alec von Graffenried bewusst, wie er sagt. Unter anderem der Stadtteil 3 sei zurzeit besonders gefordert. «Viele Vereine haben ihre Ansichten und Interessen aber schon früher mitgeteilt.» Diese würden sicher in die Planung einfliessen, auch wenn sie nicht am geplanten Workshop teilnehmen würden, sagt von Graffenried. Wer nicht physisch teilnehmen wolle, könne seine Erwartungen auch schriftlich einreichen.

Verschiedene Themen

Dass die Projekte nicht koordiniert würden, lässt von Graffenried aber nicht gelten. «Es geht eben um ganz verschiedene Fragestellungen; gerade mit solchen Workshops können die verschiedenen Anliegen aufgenommen und koordiniert werden.» Für die Gaswerkplanung wisse man schon sehr viel: «Es geht nun beispielsweise darum, die aktuellen Bedürfnisse an den Stadtpark abzuholen, etwa an Sport, Erholung oder Naturschutz.»

Austausch wäre nötig

Eigentlich wären Gespräche aber nötig, wie die teilweise unterschiedlichen Vorstellungen vom künftigen Freiraum auf dem Berner Gaswerkareal zeigen. Von 15 Punkten behandeln 4 die künftige Positionierung des Gaskessels in einer allfälligen Überbauung. «Der Gaskessel ist im Stadtrat unbestritten», sagt Teamleiter Droguett.

René Hell, Präsident des Marzili-Dalmazi-Leists sieht den Gaskessel als Kernpunkt der künftigen Diskussionen über den Freiraum. Der Lärm und teilweise der Vandalismus seien ein Problem. Er sehe grosses Konfliktpotenzial, sollte der Gaskessel bei einer Überbauung am jetzigen Standort bleiben. «Die Betreiber geben sich Mühe, dass es ruhig und gesittet bleibt», sagt Hell. Letztlich könne man aber nicht jede Person kontrollieren.

Ansonsten brauche es aus Sicht des Leists nicht mehr Freiraum auf dem Gaswerkareal. «Im nahen Umkreis ist das Marzilibad und der Pausenplatz bei der Schulanlage Marzili.» Zudem stehe südlich des Areals Richtung Sportplatz Schönau eine grosse Fläche mit Bänken und Feuerstelle zur freien Verfügung.

Dem Quartierverein Marzili ist insbesondere der Zugang zur Aare wichtig, sagt Vorstandsmitglied Papritz. Zudem müsse der Freiraum der «Kultur des Umfelds» entsprechen. So müsse er sich dem Stil der Naherholungsgebiete von Eichholz und Marzilibad einfügen. (Der Bund)

Erstellt: 19.07.2018, 07:16 Uhr

Bern, die «Stadt der Beteiligung»

Mitwirkung Es gehört zur Philosophie der Berner Regierung, dass die Stadtbevölkerung bereits beim Planungsprozess in neue Bauprojekte involviert wird. Die Legislaturrichtlinien – die Leitlinien der Stadtregierung – tragen denn auch den Namen «Stadt der Beteiligung». In diesem Papier steht zum Beispiel, dass die Lebensqualität in Bern unter anderem auf «dem freiwilligen Engagement der Bevölkerung und dem professionellen Einsatz der Verwaltung» fusst.

Der frühe Einbezug der Akteure solle dazu beitragen, breit abgestützte Resultate zu erhalten. Die operative Leitung liegt beim Stadtplanungsamt. Ebenfalls von ihm organisiert war ein «Werkstattgespräch» über die Entwicklung des ehemaligen Wifag-Areals, das am 25. Juni stattfand. Die Ergebnisse des Werkstattgesprächs sollen in die weitere Planung der Stadt und der Bauherrschaft einfliessen.

Auch die Erarbeitung des Nutzungskonzepts auf der Schützenmatte erfolgte in einem partizipativen Prozess. «Die Schützenmatte ist zentral gelegen und betrifft viele unterschiedliche und gegenläufige Interessen», heisst auf der Internetseite der Stadt Bern dazu. (cse)

Baubeginn 2021

Altlasten Das Gaswerkareal gehört derzeit EWB, die Stadt will es aber kaufen. Bis Ende 2018 sollen laut dem Gemeinderat Ergebnisse über das Nutzungsmass und die Anbindung an den öffentlichen Verkehr vorliegen – und später dann als Basis für den geplanten städtebaulichen Wettbewerb dienen.

Durch die vergangene Nutzung ist der Boden mit Altlasten versetzt. Bis 2020 sollen diese beseitigt werden. Vor 2021 dürften die Bauarbeiten auf dem Areal nicht beginnen. 2020 ist eine Abstimmung über den Bau der geplanten Wohnungen vorgesehen. (cse)

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