Lenin lebte in der Länggasse als unbekannter Revolutionär

Vor 100 Jahren bereitete sich Lenin auf die Revolution vor – und wurde aus seiner Wohnung geschmissen.

Das ehemalige Wohnhaus von Lenin am Seidenweg 8 in Bern.

Das ehemalige Wohnhaus von Lenin am Seidenweg 8 in Bern. Bild: Adrian Moser

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Eigentlich hätte Wladimir Iljitsch Uljanow lieber nicht nach Bern gewollt. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam der noch unbekannte Revolutionär Lenin von Österreich ins Schweizer Exil. Er hätte Genf bevorzugt, da er Jahre zuvor schon dort gelebt hatte. Seine Frau Nadeschda Krupskaja wurde aber aufgrund einer Autoimmunkrankheit schon länger vom renommierten Berner Arzt Theodor Kocher behandelt. So fiel die Wahl eben auf die Hauptstadt.

Hundert Jahre später sind nun in Bern Plakatwände zu erkunden, die über das Leben Lenins in Bern informieren. Sie wurden vom Regionalmuseum Schwarzenburg aufgestellt – als Erweiterung einer Ausstellung zur Zimmerwalder Konferenz von 1915. Bei dieser Konferenz begann die Spaltung der Arbeiterbewegung in ein kommunistisches und ein sozialdemokratisches Lager. Der Kopf der Schweizer Sozialdemokraten, Robert Grimm, glaubte an den Fortschritt mit sozialen Reformen statt durch Bürgerkrieg. Lenin hingegen wollte eine Revolution. Er wollte die Proletarier dazu bringen, sich gegen die Obrigkeiten zu erheben. Einen Teil der Vorbereitungen dazu traf er in Bern.

Vermieterin warf ihn raus

Von September 1914 bis Februar 1916 lebten Lenin, seine Frau und deren Mutter in der Berner Länggasse an den heutigen Adressen Falkenweg 9, Donnerbühlweg 33, Distelweg 11, Blumensteinstrasse 17 und Seidenweg 8. In dieser Zeit verkehrte er oft in den Bibliotheken, wo er Studien zur geplanten Revolution durchführen konnte. Für die Berner Bibliotheken war er voll des Lobes.

Andererseits störte er sich ob der Kleinbürgerlichkeit der Berner. Diese nahmen ihrerseits gar keine Notiz von ihm. Dass er zu einem der wichtigsten Figuren der Weltgeschichte werden würde, konnte da noch niemand ahnen. Zudem waren Exil-Russen in Bern damals keine Seltenheit. In Wohnungsinseraten des Berner Anzeigers waren Russen zuweilen gar explizit unerwünscht. So hatte auch Lenin seine Probleme mit Vermietern. Am Seidenweg 8 wurden er und seine Frau von der Vermieterin aus der Wohnung geworfen. Dies, weil die Ehefrau Freunden das elektrische Licht vorführte, das in ihrer Wohnung installiert war. Die Wirtin begründete den Rausschmiss damit, dass sie am Tag kein brennendes Licht dulde.

Lebte er eine Ménage-à-trois?

Neben Ärgernissen erlebte Lenin in Bern auch freudige Tage. So emigrierte eine russische Revolutionärin namens Inessa Armand ebenfalls in die Länggasse, kurz nachdem sich Lenin dort niedergelassen hatte. Fortan verbrachten er und seine Frau viel Zeit mit ­Armand. Er hörte ihr oft und gerne beim Klavierspiel zu. Anderntags unternahmen sie zu dritt ausgedehnte Spaziergänge durch den Bremgartenwald. Manche Lenin-Biografen beschreiben die Beziehung zwischen dem Ehepaar und Inessa Armand gar als Ménage-à-Trois.

Romantische Spaziergänge hin oder her: Mit der Akquirierung von Anhängern in Bern harzte es immerfort. Die Berner hielten zum Sozialdemokraten Robert Grimm. So zogen Lenin und seine Frau im Februar 1916 nach Zürich. In Bern bemerkte man den Wegzug nicht. Gut ein Jahr später stand Lenin in St. Petersburg an der Spitze der Russischen Revolution.

Informationen zur Ausstellung «1915 – Zimmerwalder Konferenz» und die Standorte der Plakatwände in der Stadt Bern finden Sie unter: www.regionalmuseum.info (Der Bund)

Erstellt: 30.09.2015, 13:20 Uhr

Wladimir Iljitsch Lenin im Jahr 1918. (Bild: Keystone )

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