Leichenteile mit unklarer Provenienz

«Bodies Exhibition» will im Alten Tramdepot im Berner Ostring Wissen vermitteln. Es bestehen jedoch Zweifel an der Herkunft der menschlichen Exponate.

Freiwillig gespendet? Mit diesem Bild wirbt der Veranstalter für seine Ausstellung.

Freiwillig gespendet? Mit diesem Bild wirbt der Veranstalter für seine Ausstellung. Bild: www.bodies-expo.ch

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In Scheiben geschnittene Leichen, missgebildete Embryonen, Raucherlungen: Wer solche echte Exponate ausstellt, ist sich des Erfolgs beim Publikum gewiss. Das dürfte auch in Bern nicht anders sein, wo ab Freitag die Ausstellung «Bodies Exhibition» für zehn Tage im Alten Tramdepot im Ostring zu Besuch ist.

Laut dem Ausstellungsbeschrieb von «Bodies Exhibition» besteht die Sammlung aus rund 250 «didaktisch wertvollen anatomischen Exponaten». Die Veranstalter legen Wert darauf, der Leichenschau einen wissenschaftlich-medizinischen Anstrich zu geben. «Ausführliche Erklärungen, Multimediavorführungen und Lehrtafeln» sollen neben den Exponaten der Wissensvermittlung dienen. Doch an der Seriosität der Ausstellung bestehen Zweifel.

Denn ausser diesem Beschrieb erfährt man auf der Internetseite nur wenig – weder über die Herkunft der Exponate noch über das Unternehmen, das hinter der Ausstellung steckt. Das überrascht nicht zuletzt, weil sich ähnliche Ausstellungen in der Vergangenheit immer wieder mit massiven Vorwürfen konfrontiert sahen.

Junge Chinesen

So wurde im April dem Veranstalter von «Real Bodies» in Sydney von Ärzten, Wissenschaftlern und Menschenrechtsaktivisten vorgeworfen, Leichen von hingerichteten Dissidenten aus China auszustellen. Zuletzt kam es im August in Birmingham zu Protesten bei einer «Real Bodies»-Ausstellung: Es sei verdächtig, dass alle zwanzig Leichname von jungen männlichen Chinesen stammten, hiess es. Ein Arzt vermutete, dass es sich bei den Exponaten um die Leichen von ermordeten Falun-Gong-Praktizierenden handelt.

Als Veranstalter der Berner Ausstellung wird in der Mitteilung an die Medien Jan van Bergen angegeben. «Meine Exponate stammen von freiwilligen Spendern aus den USA», sagt er. Am Telefon erwähnt er zunächst die «Real Bodies»-Veranstalter als Auftraggeber, eine schriftliche Nachfrage lässt er jedoch unbeantwortet. Auch die Frage nach der Einwilligung der Spender lässt er offen.

Für Professor Hubert Steinke vom Institut für Medizingeschichte der Universität Bern ist dies inakzeptabel: «Solange der Veranstalter nicht erklären kann, woher die Leichen genau kommen, und bestätigen kann, dass die Personen sich freiwillig zur Verfügung gestellt haben, bleibt ein grosses Fragezeichen.»

Ahnungslose Vermieterin

Die Vermieterin der Tramdepot-Räume, die Galeristin Ute Winselmann-Adatte, reagiert überrascht, als sie mit den Vorbehalten konfrontiert wird. Sie habe der «Bodies Exhibition» kurzfristig zugesagt, so Winselmann-Adatte. Am Telefon habe alles tipptopp in Ordnung geklungen, weitere Abklärungen habe sie nicht gemacht. Der Veranstalter habe ihr gesagt, dass die Ausstellung bereits in Zürich gezeigt wurde. Für sie habe es deshalb keinen Grund gegeben, misstrauisch zu sein. Nur: In Zürich war die «Bodies-Exhibition» nie.

Winselmann-Adatte hat in München einmal eine Körperwelten-Ausstellung besucht und war begeistert. «Ich war im Glauben, bei der Ausstellung in Bern würde es sich um dieselben Veranstalter handeln.» Ein Irrtum. Was jetzt? Sollten an der Ausstellung nun aber tatsächlich Exponate von hingerichteten Dissidenten aus China gezeigt werden, «sei dies schon ein Problem», wie sie sagt. Absagen jedoch liegt für sie nicht drin: «Der Vertrag ist unterzeichnet, eine Entschädigung wegen Vertragsbruch könnte ich nicht zahlen.»

Dass sich mit präparierten Leichen viel Geld verdienen lässt, davon zeugt der Erfolg der Wanderausstellung Körperwelten. Gegründet vom deutschen Anatom Gunther von Hagens, haben bis heute über 47 Millionen Menschen die Ausstellung besucht. Möglich machte diesen Erfolg, neben geschickten Provokationen – etwa der Darstellung eines Liebesaktes –, die von von Hagens entwickelte Methode der Plastination. Dabei wird das in den Zellen enthaltene Wasser der Leichen durch Kunststoffe ersetzt. Dies erlaubt es, die Leichen in lebendigen Posen zu inszenieren.

Den Meister kopiert

Bei einem derart grossen Erfolg lassen Nachahmer nicht auf sich warten. Für von Hagens’ Körperwelten sind diese Imitationen ein Problem. In vielen Nachahmerausstellungen würden Leichen Verwendung finden, «für die keine Angehörigen ausfindig gemacht werden konnten», schreibt Körperwelten-Mediensprecherin Jana Engelhardt auf Anfrage.

Was sie nicht sagt: Vor über zehn Jahren sah sich von Hagens mit den genau gleichen Vorwürfen konfrontiert. Er musste in der Folge die Zusammenarbeit mit den Chinesen beenden. Zu den anderen Ausstellern geht man auf maximale Distanz: Zu «Bodies Exhibitions» bestünden keinerlei Verbindungen, betont Engelhardt. Viele der Imitationen hätten sich das Plastinationsverfahren und die Methoden von von Hagens zu eigen gemacht. Auch die «didaktischen Darstellungen» von Körperwelten würden imitiert, sagt Engelhardt.

Die Veranstalter der Berner Ausstellung gehen offenbar noch einen Schritt weiter und kopieren sogar den Meister höchstpersönlich: Auf einem der wenigen Fotos des Ausstellungsbeschriebs ist ein Mann in schwarzem Anzug und Hut abgebildet. Auch von Hagens war in der Öffentlichkeit stets in Schwarz gekleidet. Und ebenso trug er einen schwarzen Hut. (Der Bund)

Erstellt: 03.10.2018, 06:38 Uhr

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