Läden ohne Abfall erobern Bern

Zero Waste, der Trend zum reduzierten und abfallfreien Leben, hält Einzug in der Stadt Bern. Gleich mehrere verpackungsfreie Läden eröffnen noch in diesem Jahr.

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In Plastik eingeschweisste Gurken, mehrfach verpackte Güezi und die Aufforderung, jedes Gipfeli in ein Plastiksäcklein zu stecken: Wenn Ariane Forster im Coop oder in der Migros einkauft, regt sie sich auf. «Diese Verpackungen sind unnötig», sagt sie.

Gemüse kauft sie deshalb vorwiegend auf dem Markt und meidet Grossverteiler so weit wie möglich. Doch bei vielen Produkten sei dies schwierig. «Es ist frustrierend, denn in Bern gibt es nur sehr begrenzte Möglichkeiten, abfallfrei einzukaufen.»

Deshalb hat sie sich entschieden, selber aktiv zu werden. Mit Christoph Bader, Sarah Pia und Samuel Anrig will sie im August den ersten Berner Laden eröffnen, der nur unverpackte Produkte anbietet. Palette soll das neue Geschäft an der Münstergasse 18 heissen, wo die vier jungen Leute von Teigwaren über Kaffee und Essig bis zu Pflegeartikeln vieles anbieten wollen, was man zum Leben braucht.

«Wer mit eigenen Säcklein einkaufen geht, kann Abfall verhindern.»Ariane Forster, Initiantin Unverpackt-Laden

Plastik- oder Kartonverpackungen wird es keine geben. Wer im Palette einkauft, wird sein Säcklein für den Reis und die Flaschen für das Öl selber mitbringen – oder im Laden einen Mehrwegbeutel kaufen.

Mühsame Suche nach Lieferanten

Der Trend zum reduzierten Leben nennt sich Zero Waste und kommt aus den USA. Bisher hinkt Bern hinterher: In jeder anderen Schweizer Stadt mit mehr als 100'000 Einwohnern hat längst ein verpackungsfreier Laden eröffnet. Doch nun holt Bern auf. Denn die Leute von Palette sind nicht die Einzigen, die Unverpackt-Pläne verfolgen. So überlegt sich auch das Restaurant Löscher in der alten Feuerwehrkaserne, Produkte ohne Verpackung anzubieten.

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Zudem plant Isabelle Chapalay – die Genferin wohnt seit zwei Jahren in Bern –, in einem Quartier ein solches Geschäft zu eröffnen. Zurzeit sucht sie nach einem geeigneten Lokal. Noch weiter fortgeschritten ist das Projekt des Lola-Laden im Lorrainequartier.

«Wenn die speziellen Abfüllbehälter bald geliefert werden, legen wir im Mai los», sagt Daniel König von der Stiftung Contact, die den Laden betreibt. König will nicht das ganze Geschäft auf lose Ware umstellen, will jedoch über 100 Artikel verpackungsfrei anbieten.

Eine Herausforderung für ihn ist die Suche nach Lieferanten, die ihre Produkte unverpackt liefern. «Wenn der Abfall bei mir anstatt bei den Kunden anfällt, widerspräche dies der Zero-Waste-Idee.» Mit etwas organisatorischem Aufwand sei jedoch vieles möglich. So hat ihm kürzlich ein Tofuhersteller zugesichert, Tofu extra für den Lola-Laden in Pfandgläser abzufüllen. Und sogar für die Zahnpasta hat er eine Lösung gefunden: «Ich verkaufen diese nicht in der Tube, sondern als Tablette.»

«Reich wird man nicht»

Lola-Laden und Palette gehören in der Stadt Bern zu den Pionieren. In anderen bernischen Städten ist man schon weiter. So existieren in Biel bereits zwei Unverpackt-Läden. Im Portion Magique, dem älteren der beiden Shops, hat sich Christine Remund einen Lebenstraum verwirklicht. Die Lebensmittel werden in grossen Plastik- oder Glasbehältern angeboten. Aus ihnen wird die Ware abgefüllt und zum Bezahlen gewogen.

«Nach 25 Jahren bei einer Versicherung suchte ich eine neue Lebensaufgabe», sagt Remund. Mit entsprechend viel Leidenschaft ist sie bei der Sache und kennt zu allen Artikeln den Produzenten und den Herstellungsprozess. «Man muss von der Sache überzeugt sein, denn reich wird man mit einem solchen Laden nicht», sagt Remund.

Die Margen im Lebensmittelgeschäft sind knapp, die Preise können nicht beliebig erhöht werden. Das gilt auch für Bern: «Um eine breite Kundschaft anzusprechen, ist es wichtig, dass sich die Preise an die Bio-Produkte der Grossverteiler anlehnen», sagt Bader.

Eingeschränkte Gewinnspannen und zahlreiche Konkurrenten: Kann die Palette überhaupt rentieren? «Es gibt ein riesiges Potenzial mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen», sagt Bader. Er ist darum überzeugt, dass es mehrere solcher Läden in Bern verträgt.

Zweifellos sei auch Idealismus im Spiel: Man wolle einen konkreten Beitrag zu einer Gesellschaft leisten, die weniger Ressourcen verbraucht. «Wir erwarten nicht, voll davon Leben zu können, und behalten darum unsere Jobs.» Da es Bader um die Idee geht, steht er möglichen Unverpackt-Abteilungen bei Migros und Coop entspannt gegenüber: «Dann wäre unser Ziel erreicht.» Dann wäre laut Bader nämlich das unverpackte Einkaufen definitiv massentauglich geworden.

Wie viel Abfall produziert das Palette-Team? «Wir sind nicht perfekt, da liegt noch mehr drin», gibt Forster zu. Dennoch hofft sie darauf, andere zu inspirieren, denn die eigene Lebensweise ökologischer zu gestalten, sei gar nicht so schwierig. «Wer beim Einkaufen ein paar Säcklein dabei hat, kann schon viel Abfall verhindern», sagt Forster. (Der Bund)

Erstellt: 10.04.2017, 06:49 Uhr

Unverpackt nicht immer besser

Original Unverpackt, der wohl erste Zero-Waste-Laden der Welt, wollte es genau wissen. In einer eigenen Studie untersuchten die Betreiber des 2014 in Berlin eröffneten Ladens, ob der Verzicht auf Einwegverpackungen in der gesamten Produktionskette auch tatsächlich zu einem geringeren Ressourcenverbrauch führt.

Die Studie zeigt: Gerade bei lang haltbaren Trockenprodukten ist dies klar der Fall. So liegt die Umweltbelastung von konsequent in Mehrwegbehältern transportierten und auch verkaufen Chia-Samen 40 Prozent tiefer.

Anders sieht es bei Frischprodukten aus, die in Unverpackt-Läden oft in Mehrwegglasbehältern verkauft werden. «Vor allem die relativ aufwendige Glasproduktion beeinflusst das Bilanzergebnis stark negativ», heisst es im Bericht. Darum bietet Original Unverpackt in Berlin Tofu nun in einer Papierverpackung an.

Die Studie erfasst neben Klimabelastung auch den Verbrauch fossiler Ressourcen sowie den Bedarf an landwirtschaftlicher Fläche und Wasser. Obwohl bei allen getesteten Produkten der Wasserverbrauch höher ausfällt als bei der Einweg-Konkurrenz, bleiben unverpackte Artikel im Gesamtvergleich meist ökologischer. (spr)

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