Kuhglocken, Folklore und riesiges Polizeiaufgebot an SVP-Kundgebung

Mehrere tausende Mitglieder und Sympathisanten sind am Samstag an die als Familienfest betitelte Wahlkundgebung der SVP auf dem Bundesplatz gepilgert. Die Polizei verwandelte die Stadt Bern in eine Festung. Zu Gegendemonstrationen kam es nicht.

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Rund um den Anlass wurden 55 Personen angehalten. Diese wurden für weitere Abklärungen auf eine Wache gebracht, wie die Kantonspolizei Bern mitteilte. Bei Mehreren fand die Polizei gefährliche Gegenstände wie Messer, Reizstoff, Brandbeschleuniger, Spraydosen, Vermummungsmaterial und Teile einer Pistole. Die meisten Angehaltenen wurden nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Fünf der Angehaltenen waren Jugendliche. Gegendemonstrationen am Abend blieben aus, wie die Polizei nach 22.30 Uhr mitteilte

Das enorme Sicherheitsdispositiv habe sich bewährt, sagte der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause der Nachrichtenagentur sda. Die Gewaltbereitschaft sei durchaus da gewesen. Er ziehe eine positive Bilanz, da grössere Zwischenfälle ausgeblieben seien, sagte Nause. Allerdings sei es betrüblich, dass man einen derartigen Aufwand habe betreiben müssen.

Unterstützt wurde die Kantonspolizei Bern von mehreren Korps anderer Kantone. Insgesamt standen nach Angaben der Polizei rund 1000 Polizisten im Einsatz. Für die Kosten muss gemäss dem Kundgebungsreglement der Steuerzahler aufkommen. Zum Vergleich: Ein Hochrisiko-Fussballspiel in Bern wird mit etwa 600 Polizisten gesichert, was Kosten von einer Viertelmillion Franken verursacht..

Polizisten auf den Dächern

Die Stimmung in der Bundesstadt war angespannt. Grund dafür waren schwere Ausschreitungen bei der SVP-Wahlkundgebung vor vier Jahren. Linke Aktivisten verwüsteten damals unter anderem die aufgebaute Infrastruktur auf dem Bundesplatz.

Am Samstag war die Polizei vor allem am Bahnhof und in der Innenstadt Berns klar sichtbar. An jeder Ecke standen Polizisten, immer wieder wurden Personenkontrollen durchgeführt. Auch gepanzerte Fahrzeuge waren vielerorts zu sehen. Der Bundesplatz war grossräumig mit Absperrgittern abgeriegelt. Wer auf den Platz wollte, musste dem Sicherheitspersonal den Inhalt seiner Taschen zeigen.

Manche mussten sich gar mehr als einmal kontrollieren und durchsuchen lassen. Ein Mann, der während der Rede von Brunner ein «Halt's Maul Schweiz»-Plakat in die Höhe hielt, wurde vom Sicherheitsdienst der Broncos abgeführt und sofort der Polizei übergeben.

Sogar auf den Dächern der Gebäude um den Bundesplatz waren Polizisten positioniert. Mit Ferngläsern beobachteten sie das Geschehen. Das immense Polizeiaufgebot war auf und neben dem Bundesplatz das grosse Gesprächsthema.

Urchiges und Altbekanntes

Auf dem Bundesplatz selbst bekräftigten die SVP-Redner bei heissen Temperaturen und strahlender Sonne die bekannten Wahlthemen der Partei. Präsident Toni Brunner betonte sechs Wochen vor den Nationalrats- und Ständeratswahlen, dass die SVP Anspruch auf einen weiteren Sitz im Bundesrat habe.

Wie Brunner kritisierte auch SVP-Übervater Christoph Blocher jegliche Bestrebungen, sich der EU auf irgendeine Weise anzunähern. Blocher kam beim Publikum besonders gut an. Es reagierte regelmässig mit tobendem Applaus und frenetischen Zurufen auf seine Botschaften. Bundesrat Ueli Maurer rief das Publikum auf, weiterhin kritisch zu sein und den Mut zu haben, auf Missstände in der Schweiz hinzuweisen.

Untermalt wurde die Platzkundgebung mit urchigen Alphorn- und Jodelklängen, Blasmusik, Fahnenschwingern und Trychler-Umzügen. SVP- Nationalrat Oskar Freysinger trug auf der Bühne ein eigenes Lied vor.

Beim Publikum, das zum Teil in Reisecars aus der ganzen Schweiz angereist war, war insbesondere auch das SVP-Maskottchen beliebt, der Geissbock Zottel. Die Partei schätzte die Teilnehmerzahl auf 6000 Personen.

Gegenveranstaltung in der Reitschule

Derweil führen linke Aktivisten zeitgleich zum «SVP-Familienfest» eine Gegenveranstaltung in der nur einen Kilometer entfernten Reitschule durch. Organisiert wurden unter dem Motto «Ganz FEST gegen Rassismus» Workshops, Filmvorführungen, Vorträge und Konzerte.

Die Reitschule kritisiere damit auch «die Stimmungsmache und das virtuelle Herbeireden einer Eskalation durch die SVP», teilten die Organisatoren mit. Zudem werfen sie den Behörden vor, «in der Innenstadt temporär den Polizeistaat» einzurichten.

Laut Mitteilung der Reitschule vom Samstagnachmittag wurden vor allem Jugendliche in der Innenstadt mit der Begründung «Sie sind nicht SVP» weggewiesen. Die Reitschule verlangt daher eine unabhängige Untersuchung des Polizeieinsatzes.

gbl/sda

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