Keine Extras mehr für das Münster

Nun ächzt auch das Münster unter Spardruck. Die Pfarrstellenprozente werden reduziert. Für die wichtigste Kirche Berns, deren Attraktivität auf dem exzellenten Ruf seiner Pfarrer beruht, wird das zum Problem.

Die Strahlkraft des Berner Münsters reicht weit ins Land hinaus.

Die Strahlkraft des Berner Münsters reicht weit ins Land hinaus. Bild: Keystone

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Das Berner Münster ist eine herausragende Kirche. In jeder Hinsicht. Seine Ausstrahlung reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Die Vesper am Samstagabend und der Gottesdienst am Sonntag weisen überdurchschnittlich hohe Besucherzahlen auf. Böse Zungen behaupten gar, an einem Wochenende würden im Münster genauso viele Personen «z Predigt» gehen wie in den anderen reformierten Kirchen der Stadt zusammen. Ob wahr oder nicht: Die Attraktivität des Münsters hängt mit dem zusammen, was seine Pfarrerinnen und Pfarrer leisten.

Münsterpfarrer ist kein «normales» Karriereziel. Seit jeher werden begabte Verkünder des Wortes an ihren neuen Wirkungsort berufen, nicht selten andernorts abgeworben. So war es bei Jürg Welter, der letztes Jahr pensioniert und durch Beat Allemand ersetzt wurde: Er predigte zuvor in Wohlen. Und so war es bei Maja Zimmermann, die Ende Juni in den Ruhestand tritt: Sie stand in Moosseedorf auf der Kanzel.

Die kalte Schulter der anderen

Die Strahlkraft des Münsters, das manchmal auch mit einem Leuchtturm verglichen wird, ist nun aber infrage gestellt. Auf die Pensionierung von Maja Zimmermann hin wurde der Münstergemeinde der Stellenetat der Pfarrer gekürzt, von 180 auf 150 Prozent. Das ist an und für sich nichts Aussergewöhnliches – im Kanton Bern sind alle Kirchgemeinden einem Spardruck ausgesetzt. Dieser erhöht sich umgekehrt proportional zur Entwicklung der Mitgliederzahlen. Weil das Münster aber ein anerkannter Spezialfall ist, sollte der Abbau verhindert werden – auf Kosten der anderen reformierten Gemeinden der Stadt Bern. Diese sind in der Gesamtkirchgemeinde (GKG) zusammengefasst. Der Antrag des Kleinen Kirchenrats wurde vom Grossen Kirchenrat, dem Parlament, aber Anfang März wuchtig zurückgewiesen, mit 24 zu 14 Stimmen bei 2 Enthaltungen. Der Auftrag lautet nun, eine andere Finanzierungslösung zu suchen, damit die Münstergemeinde wieder auf 180 Prozent aufstocken kann.

Andreas Hirschi, Präsident des Kleinen Kirchenrates, sagt, mit anderthalb Pfarrerstellen sei das Münster kaum mehr in der Lage, nebst den «normalen» Aufgaben noch zusätzliche Ansprüche zu erfüllen. Aus diesem Grund habe man versucht, die vom Kanton verordnete Reduktion intern auszugleichen. Angesichts des überall herrschenden Spardrucks sei der Antrag bei den anderen Kirchgemeindevertretern aber «nicht auf grosses Verständnis» gestossen. In der Tat: An der Parlamentssitzung wurde klar, dass die Bevorzugung der Münstergemeinde von einer Mehrheit als ungerecht und unfair empfunden würde. Ins Gewicht fiel zudem, dass das Münster bereits vor drei Jahren zusätzliche Stellenprozente erhalten hatte; schon damals war an «die Solidarität der anderen» appelliert worden. Wäre das Münster eine ganz normale Kirche, erhielte es bloss 114 Pfarrstellenprozente zugesprochen.

Auf der Suche nach kreativen Ideen

Der Grundkonflikt war damit aufgebrochen, die Kehrseite der Leuchtturmfunktion wurde sichtbar: Die Münstergemeinde wird mitunter als elitär wahrgenommen. Dass andere Kirchgemeinden aus diesem Blickwinkel heraus Mühe bekunden, für die Extras des Münsters noch zu «bezahlen», wird so verständlich – vor allem, wenn sie sich ebenfalls als etwas Besonders verstehen.

Gefragt seien nun «kreative Ideen», sagt Andreas Hirschi. Einer der Vorschläge zielt in die Richtung, dass die Münstergemeinde sich die externen Besucher abgelten lässt – ähnlich wie beim Stadttheater, das von Regionsgemeinden mitfinanziert wird. Er verspreche sich aber nichts davon, sagt Hirschi. Die Idee wäre im Grundsatz gut, aber letztlich kaum umsetzbar. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, dass andere Pfarrer am Münster aushelfen.

Münster will sein Profil bewahren

An dieser Idee wiederum findet Charlotte Gutscher, Kommunikationsverantwortliche und designierte Präsidentin der Münstergemeinde, keinen grossen Gefallen. Jede Kirchgemeinde habe ihre Besonderheiten. Die Besonderheit der Münstergemeinde sei es, Gottesdienste anzubieten, die mit bestimmten Pfarrerinnen und Pfarrern in Verbindung gebracht würden. Dadurch habe das Münster ein klares Profil erhalten, und die Besucher wüssten, was sie erwarte.

Diese Spezialität könnte laut Gutscher dann aber verloren gehen, wenn am Münster immer wieder andere Pfarrerinnen und Pfarrer predigten. Gerade in einer Zeit, in der alles andere unsicher sei, erachte sie es als wichtig, Traditionen zu bewahren. Gutscher spricht damit den Strukturdialog an, den die Stadtberner Kirchen derzeit führen. Dabei geht es um grundlegende Fragen: Zur Debatte stehen Fusionen von städtischen Kirchgemeinden und die Aufgabe von Kirchen. Dass am Münster dereinst Pfarrpersonen aus anderen Kirchgemeinden predigten, schliesse sie keineswegs aus. Es wäre aber aus ihrer Sicht falsch, dem Strukturdialog vorzugreifen. Vorerst wolle die Münstergemeinde versuchen, mit eingeschränkten Mitteln «etwas Gutes zu machen – statt auf andere Lösungen zu hoffen».

Eines steht aber bereits fest: Maja Zimmermann wird Mitte Jahr durch eine Frau ersetzt, wobei das Pensum von 80 auf 50 Prozent reduziert wird. Den Namen der neuen Münsterpfarrerin will Gutscher noch nicht bekannt geben – die Wahl wird erst im Mai stattfinden. (Der Bund)

Erstellt: 03.04.2014, 15:16 Uhr

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