Kampf um die Freiräume

Wie viel Kommerz ertragen öffentliche Plätze? Darüber streiten zurzeit ein Partyorganisator und der lokale Brachenverein Warmbächli.

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Simon Preisig@simsimst

Die Bassdrum pumpt sich an diesem heissen Samstagnachmittag durch die halbe Stadt Bern. Beim Europaplatz ist der markante Beat zu hören, beim Inselspital ebenfalls. Die Musik hat ihren Ursprung dazwischen: auf der Warmbächlibrache. Dort, wo ab 2019 Genossenschaften bauen wollen, und dort, wo früher Kehricht verbrannt wurde, tanzten im vergangenen Sommer auf der Elektro-Party «Sommerliebe» an die 2000 Personen. Das Berner Elektrolabel Tanzkarussell war begeistert. «Vielen Dank für die Liebe, die ihr uns habt zukommen lassen», verkündeten sie auf Facebook. Auch dieses Jahr soll die Party wieder stattfinden, der Vorverkauf läuft bereits.

Daraus wird nun wohl nichts, Tanzkarussell ist auf der Brache nicht mehr erwünscht, heisst es auf der Webseite des Vereins Warmbächli. Der Verein verwaltet das der Stadt gehörende Areal bis zum Baubeginn der Genossenschaftssiedlung im Jahr 2019. So seien letztes Jahr die Anwohner nicht über die Party informiert worden, und auch die von Quartierbewohnern gezogenen Pflanzen hätten unter dem Event gelitten.

Sind 30 Franken zu viel?

Doch der Widerstand des Brachenvereins hängt auch mit der Art der geplanten Veranstaltung zusammen: Was für Aussenstehende wie ein mit Freiwilligenarbeit organisiertes Festival wirkt, ist ein einträgliches Geschäftsmodell: 25 Franken kostete der Eintritt letztes Jahr. Geht man von 2000 zahlenden Tanzwütigen aus, dürfte nur schon mit den Tickets um die 50'000 Franken Umsatz generiert worden sein. Dieses Jahr soll das Sommerliebe-Festival gar 30 statt 25 Franken kosten. Ein Affront für den nur aus Freiwilligen bestehenden Warmbächliverein: Er verlangt, dass die Brache auch ohne zu bezahlen zugänglich sein muss.

Stadt: «Zäune manchmal nötig»

Hätte die Stadt Bern als Besitzerin des Areals gleich entschieden wie der Brachenverein, der das Areal von der Stadt nutzen darf? «Wenn öffentlicher Raum abgesperrt werden soll, erteilen wir Bewilligungen nur zurückhaltend», sagt Marc Heeb, Leiter des städtischen Polizeiinspektorats. Doch es sei heutzutage schwierig, bei mehreren Tagen dauernden Events ganz auf Absperrungen zu verzichten. So etwa beim seit 2010 stattfindenden Summer-Beach auf der Grossen Schanze: «Wir wollen ja nicht, dass sie ihre Stühle auf der Grossen Schanze wieder einsammeln müssen», sagt Heeb.

Grundsätzlich seien kommerzielle und nicht kommerzielle Veranstaltungen gleichgestellt. Der grösste Unterschied: Wenn die Veranstaltung gemeinnützig ist, dann verzichtet die Stadt Bern auf Gebühren. Doch: Um einen Anlass nach Bern zu locken, kann der Gemeinderat auch gewinnorientierte Events von Gebühren befreien.

Linke Parteien sind mit der heutigen Bewilligungspraxis nicht einverstanden, sie hätten gerne strengere Regeln für gewinnorientierte Anlässe. «Der öffentliche Grund ist nicht dazu da, dass sich Private eine goldene Nase verdienen», sagt die städtische SP-Parteipräsidentin Edith Siegenthaler. Dass ein Privater wie Summer-Beach ein Gebiet absperre und dann nur reinlasse, wer konsumiere, sei falsch. Auch Stéphanie Penher, Präsidentin des Grünen Bündnisses, sieht kommerzielle Events auf dem Vormarsch.

Ihr Beispiel: die Wasserrutsche, die auch diesen Sommer wieder den Aargauerstalden hinunterführt. «Solche Plausch-Events muss die Stadt in einem erträglichen Mass halten», sagt Penher. Ein gelungener Fall sei das Neustadtlab auf der Schützenmatte, dessen Umsetzung für dieses Jahr jedoch noch nicht sicher ist: «Das Gebiet wurde sachte aufgewertet», sagt Penher. Es sei jedoch immer noch einfach zugänglich und werde von verschiedenen Gesellschaftsgruppen besucht. Die Juso würden sogar das Gurtenfestival verbieten: «Ein Festival mit solch hohem Eintritt, das ein Naherholungsgebiet blockiert, ist nicht in unserem Sinn», sagt Vera Diener vom Juso-Vorstand.

FDP wünscht sich mehr Events

Für Heeb von der Stadt hingegen ist klar: «Die Wirtschaftsfreiheit müssen wir respektieren.» Zudem sei die Grenze zwischen kommerziellen und nicht kommerziellen Veranstaltungen oft fliessend: «Auch bei einem NGO-Anlass wird für Sponsoren geworben.» Gar mehr kommerzielle Anlässe wünscht sich die FDP: «Wir freuen uns über jeden Event, der in der Stadt durchgeführt wird und Leben nach Bern bringt», sagt Stadtparlamentarier Bernhard Eicher. Natürlich sei das Mass irgendwann voll, aber es möge noch einige zusätzliche Events leiden.

Derweil hofft Oliver Amonn von Tanzkarussell, dass das Elektro-Festival doch noch stattfinden kann. «Wenn nicht auf der Brache, dann anderswo», sagt er. Auch den Eintritt von 30 Franken hält er für gerechtfertigt: «Der Betrag ist nötig, um unsere Fixkosten zu decken», sagt er. Zudem würden für die Anwohner 600 Gratistickets zur Verfügung stehen. Dem Brachenverein hat er derweil eine Rechnung mit seinen Auslagen geschickt: eine Forderung in der Höhe von 40'000 Franken.

Der Bund

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