«Jüdischer Witz ist oft Galgenhumor»

Die Nacht der Religionen macht den Humor dieses Jahr zum Thema. André Flury hat mitgeholfen, den Anlass zu organisieren.

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Naomi Jones

Welchen Stellenwert hat das Lachen im Christen- und im Judentum?Innerhalb des Alten Testaments gibt es einige Stellen mit Selbstironie. Oft wird Gott selbst mit einem Augenzwinkern dargestellt, etwa wenn er nicht koscher isst. Im Buch Jona wird so etwas wie die Karikatur eines Propheten gezeichnet. Alles, was er tut, ist das Gegenteil von dem, was richtig wäre. Oder im zweiten Psalm lacht Gott über die Pläne der Mächtigen.

«Und Sarah lachte» ist eine bekannte Stelle im Alten Testament. Sarah wird mit diesem Lachen als Ungläubige dargestellt. Sie lacht, weil sie nicht glaubt, dass sie hochbetagt noch ein Kind kriegen soll. Auch Abraham lacht deswegen ungläubig. Es ist ein ungläubiges Lachen und zeigt auch die Ambivalenz des Lachens.

Was ist mit der sogenannten jüdischen Chuzpe? Das Judentum hat eine grosse Tradition von Witzen. Diese beinhalten oft einen bissigen Galgenhumor. Häufig sind die Witze selbstkritisch oder beziehen sich auf die tragisch-komischen Seiten des Lebens. Hier ist der Humor eine Ressource, um Schweres durchzustehen.

Und im Christentum? Im Neuen Testament ist weniger Witz oder Humor anzutreffen als im Alten Testament. Das Christentum kennt das Osterlachen. Dies ist ein befreiendes Lachen. Man lacht, nachdem man etwas Schlimmes überstanden hat. Das Osterlachen besagt, dass nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort hat. Vor allem in der orthodoxen Ostkirche wird die Tradition der Osterlachens gepflegt.

Im tibetischen Buddhismus ist es vom Status abhängig, wer worüber Witze machen darf. Über sich und sein Amt darf nur der Dalai Lama selbst Witze machen. Wie ist dies im Christentum? Im Christen- wie im Judentum gibt es zahlreiche Witze über religiöse Autoritäten. Sie haben eine lange Tradition, etwa Witze über Rabbiner oder über den Papst. Die besten Witze entstehen sogar, wenn man mit diesen Autoritäten gerade nicht einverstanden ist. Es sind subversive Witze, die Dogmen und Autoritäten in Frage stellen. Ich kenne übrigens einen Buddhisten, der sehr humorvolle Cartoons zeichnet.

«Alle Bemühungen sind darauf ausgerichtet, jederzeit lachen zu können», sagt ein hinduistisches Sprichwort. Was bedeutet das? Durch den indischen Gott Ganesha soll das Lachen in die Welt gekommen sein. Der Hindu-Priester im Haus der Religionen ist einer der humorvollsten Menschen, die ich kenne. Er lebt vor, dass das Lachen Ausdruck des kosmischen Spiels ist, wie es in hinduistischen Traditionen heisst.

Im Programm zur Nacht der Religionen schreibt der islamische Kulturverein: «Das Lachen eines Gläubigen ist ein Lächeln.» Haben Muslime keinen Witz und keinen Humor? Ich kenne hier und im Ausland zahlreiche muslimische Menschen, die genauso viel Humor haben wie Juden, Christen oder Hindus. Humor ist eine Weltsprache. Wie in den andern Religionen hängt es von der konkreten Glaubensgemeinschaft und der politischen Situation ab, wie Humor verstanden und gelebt wird.

Warum fühlten sich die islamistischen Attentäter von der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» so sehr provoziert, dass sie auf der Redaktion ein Blutbad anrichteten? Ich lehne jede Form von Gewalt ab. Keine Religion darf Gewalttätigkeiten legitimierten. Auf der andern Seite muss auch ein Satiriker schauen, wen er mit seinem Humor trifft und was er damit auslöst. Obwohl ich sowohl für die Presse- als auch für die Bilderfreiheit bin, bin ich nicht sicher, ob mit den Mohammed-Karikaturen nicht eine Grenze überschritten worden ist. Gerade in der laizistischen französischen Gesellschaft können sich die Muslime marginalisiert fühlen und die Mohammed-Karikaturen als Unrecht empfinden.

Wäre es im Christen- oder im Judentum denkbar, ähnlich auf diffamierenden oder blasphemischen Humor zu reagieren? Jeder Mensch ist leider zu Gewalt fähig. In jeder Religion und auch unter Nichtreligiösen sind Menschen zum Mord fähig. Wenn zum Beispiel die eigenen Kinder lächerlich gemacht werden, regen sich Urinstinkte. Lächerlich gemacht zu werden könnte also auch in unseren Kreisen zu Gewalt führen. Dies umso mehr, wenn sich Christen oder Juden in der Minderheit und somit in einer schwachen Position befänden. Die Kernbotschaft der Nächsten- und Feindesliebe im Christentum ist zwar gewalteindämmend. Doch es gelingt leider auch dem Christentum nicht, Gewalt zu verhindern.

Verschiedene Veranstaltungen werden sich den Grenzen des Humors widmen. Wo sehen Sie diese? Für mich hört der Humor dort auf, wo Schwächere und Minderheiten lächerlich gemacht und verletzt werden. Gegenüber den Mächtigen darf man bissig sein. Gegenüber den Schwächeren kann Humor aber ein Mittel zur Diskriminierung sein.

Dann soll man auch keine Witze über behinderte Menschen machen? Es kommt darauf an, was der Witz bewirkt. Es gibt wunderbare Witze, in denen Behinderung thematisiert wird. Wenn der Witz dazu führt, dass man über Normen nachdenkt, dann ist er gut. Es kommt sehr darauf an, in welchem Sinn der Witz erzählt wird. Leider höre ich heute auf Pausenplätzen oft, dass «behindert» als Schimpfwort gebraucht wird. Gleichzeitig gibt es behinderte Menschen, die sich selbst dagegen wehren, dass Behindertenwitze tabuisiert werden. Sie sagen, sie seien so normal, dass auch über sie Witze erzählt werden dürften. Das Tabu darf nicht ebenfalls zur Marginalisierung führen.

Der Bund

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