Jenischer Alltag jenseits der Wohnwagenromantik

Jenische und Sinti verlangen die korrekte Bezeichnung ihrer Volksgruppe.

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Marc Lettau

Auf die Ankündigung der Jenischen, ihre Feckerchilbi heuer nach Bern zu verlegen und politisch aufzuladen, folgte am Mittwoch subito eine erste konkrete, politische Intervention: Mehrere Organisationen, die Jenische und Sinti vertreten, überreichten in Bern eine an Innenminister Alain Berset (SP) gerichtete Petition. In der von gut 1000 Persönlichkeiten mitgetragenen Bittschrift wird der Bundesrat ersucht, die Jenischen und die Sinti umfassend als nationale Minderheit anzuerkennen.

Sesshafte in der Anonymität

Bundesbern hat zwar 1998 das Rahmenabkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten ratifiziert und betonte in der Folge, somit gälten die «schweizerischen Fahrenden» als anerkannte Minderheit. Die Jenischen und die Sinti sind nicht zuletzt dank ihres erstarkten Selbstbewusstseins darob aber nicht glücklich, wie sie am Mittwoch klarmachten: Die Fremdbezeichnung «Fahrende» dränge die Mehrzahl der sesshaften Jenischen und Sinti in die kulturelle Anonymität.

Die 35'000 Menschen umfassende Volksgruppe wolle als Ganzes und nicht nur «romantisierend als Wohnwagenbewohner» wahrgenommen werden. Kurz: Auch der Bund möge doch die Volksgruppe künftig als Jenische und Sinti anerkennen und auch so bezeichnen. Denn: «Ein Volk ohne Namen ist kein Volk», sagte Daniel Huber, der Präsident der Radgenossenschaft, der Dachorganisation der Jenischen und Sinti.

Sprechübung: «jänisch» – mit «ä»

Willi Wottreng, der Geschäftsführer der Radgenossenschaft, ergänzte, die Forderung sei simpel und wichtig zugleich: «Jenische wollen Jenische genannt werden» – und zwar am besten mit einem gedehnten «ä» in der ersten Silbe statt des spitzen «e». Das Resümee seiner an die Mehrheitsgesellschaft gerichteten Weiterbildung: «Jänisch – so klingt die Selbstbezeichnung der Jenischen.»

Die korrekte Bezeichnung der Minderheit der Jenischen und Sinti sei letztlich auch ein wesentlicher Teil der immer noch anstehenden Wiedergutmachung für das Leid, das der Volksgruppe durch die Aktion «Kinder der Landstrasse» widerfahren sei, argumentieren die Jenischen und die Sinti.

Berset besucht die Feckerchilbi

Wie Bundesrat Alain Berset auf die an ihn adressierte Bittschrift reagieren wird, ist noch offen. Die Mutmassung ist aber erlaubt, dass er das Anliegen wohlwollend aufnehmen wird. Ein Indiz dafür ist, dass Berset am Mittwoch bestätigen liess, er werde im Herbst an der erstmals in Bern stattfindenden Feckerchilbi teilnehmen. Mit seiner Teilnahme am wichtigsten jenischen Kulturanlass der Schweiz wolle er die Bedeutung der Minderheiten für das Zusammenleben in der Schweiz unterstreichen.

Die Absicht der Jenischen, die Feckerchilbi heuer in Bern durchzuführen, wird übrigens vom Bundesamt für Kultur (BAK) sehr wohlwollend aufgenommen. Fiona Wigger von der Sektion Kultur und Gesellschaft des BAK sagt: «Wir erachten es als sehr begrüssenswert, wenn eine oft am Rand stehende Gruppe mitten in der Stadt sichtbar wird und die verschiedenen Facetten ihrer Kultur erlebbar werden.»

Der Anlass könne auch dazu dienen, dass die Jenischen von der Mehrheitsgesellschaft stärker als Volksgruppe wahrgenommen werden – ohne die Reduktion auf das Attribut Wohnwagen. Damit spielt Wigger ebenfalls auf den Umstand an, dass die meisten Jenischen heute sesshaft sind, aber nicht weniger um Anerkennung ringen als die fahrenden Jenischen. Fiona Wigger bestätigte ferner, dass die Organisatoren der Feckerchilbi das BAK um finanzielle Unterstützung ihres Anlasses nachgesucht haben. Ihr Gesuch werde nun geprüft. Die Vermutung liegt nahe: Auch das dürfte wohlwollend erfolgen.

Tschäppät spricht von Respekt

Eine Zusage gibt es bereits seitens der Stadt Bern. Sie unterstützt den Anlass mit 70'000 Franken. Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP): «Mit der Unterstützung für die Feckerchilbi bringt die Stadt zum Ausdruck, dass wir die Lebensweise, die Eigenart und die Kultur der Jenischen und Sinti respektieren und schätzen. Sie sind Teil unserer Gesellschaft und der Schweizer Identität.» Das sei auch der Grund, weshalb die Stadt nach der Besetzung der Kleinen Allmend im Jahr 2014 die Initiative ergriffen und sich für die Schaffung von neuen Standplätzen eingesetzt habe.

Der Bund

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