«In der Hitze des Gefechts lassen sich Verletzte nicht immer vermeiden»

Nach der Kritik am Einsatz vom Samstag verteidigt Polizeichef Manuel Willi die Taktik. Um die Flaschenwerfer zu fassen, sei man gezwungen gewesen, bis zur Reitschule vorzurücken.

Letzten Samstag kam es zu Scharmützeln auf der Schützenmatte.

Letzten Samstag kam es zu Scharmützeln auf der Schützenmatte. Bild: Keystone (Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Willi, Weshalb ist die Polizei am Samstagabend bei der Reitschule mit einem Grossaufgebot angerückt? Es war doch eine friedliche Party im Gange.
Wir sind nicht mit einem Grossaufgebot angerückt. Fakt ist, dass wir laut Auftrag des Gemeinderats an Brennpunkten wie der Schützenmatte präsent sind, auch um Delikte zu verhindern. Wir haben dort Drogenhandel. Deshalb markierten wir mit einer Doppel-Patrouille Präsenz.

Um Mitternacht sind aber rund 30 Polizisten in Vollmontur aufmarschiert und haben begonnen, Teile der Schützenmatte zu räumen.
Zuvor wurde die Fusspatrouille um halb zwölf von einer grösseren Gruppe, zum Teil vermummt, bedroht, worauf sich diese auf die Schützenmatte zurückzog. Etwa um zwanzig nach zwölf beobachtete dann die Patrouille, wie eine Gruppe aus der Reitschule kam. Die Leute waren teilweise mit Flaschen und Stöcken ausgerüstet und griffen unsere Leute an. Daraufhin hat die Verstärkung interveniert.

Sie mussten also Ihre Beamten schützen. Aber warum sind die Polizisten nicht nach einer Stunde abgezogen?
Wir beobachteten, dass die Vermummten Barrikaden bauten. Darum sind wir bis unter die Eisenbahnbrücke vorgestossen, um die Sperren zu entfernen. Eigentlich war die Strategie, dieses Material sicherzustellen und sich dann sukzessive zurückzuziehen. Doch dann kam es immer wieder zu massiven Angriffen mit Feuerwerkskörpern, Glasflaschen und Eisenstangen.

Auf dem Vorplatz tanzten aber Hunderte Menschen. Die Polizei feuerte, um die einzelnen Flaschenwerfer auf Abstand zu halten, immer wieder mit Gummischrot in diese Richtung. Ist das verhältnismässig?
Wenn es um so schwere Straftaten geht, muss das unbedingte Ziel sein, sich und Dritte zu schützen und die Täter zu fassen. Unsere Leute sind dafür ausgebildet, dass bei einem solchen Einsatz Unbeteiligte nicht in Mitleidenschaft gezogen werden, daran haben wir kein Interesse.

Dennoch wurden Unbeteiligte verletzt, weil Gummigeschosse sie direkt ins Gesicht oder in den Genitalbereich trafen.
In der Hitze des Gefechts lassen sich im Einzelfall Verletzungen von Unbeteiligten nicht immer vermeiden. Je nachdem, wie intensiv der Angriff auf die Polizei ist, hat sie das Recht auf Notwehr. In solch teilweise chaotischen Situationen geht es auch darum, sich selber zu schützen.

Ein Video in den sozialen Medien zeigt, wie ein Polizist auf Schulterhöhe ein Gummigeschoss abfeuert, was leicht ins Gesicht gehen kann. Er scheint indes nicht angegriffen zu werden. Ist das nicht übertriebene Gewaltanwendung?
Wir zielen sicher nicht bewusst aufs Gesicht. Darauf sind unsere Leute trainiert. Aber auf dem Video sehe ich zu wenig, um die Lage beurteilen zu können. Denn man sieht das Ziel des Schusses nicht und auch nicht die Visierlinie. So kann es sein, dass die Person beispielsweise erhöht steht. Ich habe Mühe mit solchen Videosequenzen, die man nicht im Zusammenhang sieht. Das ergibt ein völlig verzerrtes Bild. Für Propagandazwecke hingegen ist solches Videomaterial natürlich geeignet.

Sogar Stadtpräsident Alec von Graffenried äusserte Kritik an Ihre Adresse. Nach anderen Ausschreitungen hat er sich hinter die Polizei gestellt. Gibt Ihnen das zu denken?
Was er damit genau gemeint hat, müssen Sie ihn direkt fragen. Wenn wir uns über Vorfälle austauschen, dann kommunizieren wir nicht via Medien.

Hätte es nicht genügt, die Angreifer auf Video festzuhalten, um sie ohne Intervention später zur Rechenschaft zu ziehen?
Es braucht beides. Die Problematik ist: Nicht einmal ein gutes Bild ist eine Garantie dafür, dass wir die gezeigte Person auch erwischen. Und die Leute, die gezielt die Auseinandersetzung mit der Polizei suchen, wissen, wie sie sich vermummen müssen. Die kriegen wir nicht, wenn wir nur auf Videobeweise setzen.

Ein Video der Reitschule soll zeigen, wie die Polizisten auf Augenhöhe schiessen.

Haben Sie am Samstag wirklich solche Täter erwischt, die die Polizei bewusst attackierten?
Wir haben nicht alle gefasst. Aber acht Personen erwischten wir in flagranti. Darunter befinden sich mehrere Personen, die uns bekannt sind.

Ein Jugendlicher schildert, wie er unvermittelt von Gummigeschossen getroffen wurde und aus Wut eine Flasche in Richtung Polizei warf. Als er danach den Dialog mit den Beamten suchte, sei er verhaftet worden. Ist das nicht nur ein Mitläufer?
Es kann sein, dass sich unter den Leuten, die wir abgeführt haben, auch Mitläufer befanden. Dennoch bin ich froh, dass dieser Jugendliche nun frühzeitig merkt, dass Flaschen auf Polizisten zu werfen, nicht der richtige Weg ist. Zudem ist eine solche Flasche als Wurfgeschoss sehr gefährlich. Von «Fläschlein» zu sprechen, klingt sehr verharmlosend.

Die Reitschule vermutet, dass die Polizei die Eskalation im Voraus plante. Laut Jürg Lüdi, Koordinator der Neustadtlab-Zwischennutzung, sind bereits um 23 Uhr vor dem Angriff mehrere Einsatzfahrzeuge wartend vor dem Kunstmuseum gestanden

Das stimmt so nicht. Fakt ist, dass an diesem Wochenende ein solches Fahrzeug mit mehreren Polizisten ständig in der Stadt unterwegs war. Aber erst als unsere Leute um 23.30 Uhr zum ersten Mal bedrängt wurden, haben sich weitere Einsatzkräfte in Position gebracht. Und erst, als unsere Teams vor Ort auch mit Gegenständen beworfen wurden, ist diese Verstärkung dann auf die Schützenmatte vorgerückt.

Gibt es von Ihrer Seite offene Fragen an die Reitschule?
Mich würde interessieren, weshalb die Reitschule nicht Hand für einen Dialog bietet. Auch frage ich mich, wieso unsere mehrfach deponierten Forderungen nicht beachtet werden. So müsste etwa der Altglascontainter unter der Eisenbahnbrücke abgeschlossen werden, so dass Flaschen nicht als Wurfgeschosse verwendet werden können. (Der Bund)

Erstellt: 05.09.2018, 06:57 Uhr

Bildstrecke

Alle beanspruchen die Wahrheit für sich

Alle beanspruchen die Wahrheit für sich Die Reitschule und die Kantonspolizei Bern legen Bilder vor, die beweisen sollen, was letzte Samstagnacht auf der Schützenmatte passiert ist.

Polizei und Reitschule beschuldigen sich gegenseitig

Zurzeit kämpfen beide Parteien um die Deutungshoheit der Ereignisse.

Im Nachgang zu den Eskalationen auf der Schützenmatte vom Samstagabend werfen sich Polizei und Reitschule gegenseitig Fehlverhalten vor. Beide Parteien haben angeblich belastendes Beweismaterial zusammengetragen. So zeigte die Polizei dem «Bund» zwei sichergestellte Eisenstangen, die auf Polizisten geworfen worden sein sollen, ebenso einen Helm, der durch einen heranfliegenden Stein beschädigt wurde.

Die Reitschule indes hat Bildmaterial veröffentlicht, das beweisen soll, dass eine Eskalation vonseiten der Polizei gezielt geplant wurde. Die SP forderte gestern in einer Mitteilung eine «lückenlose und unabhängige» Aufklärung. (msc)

Manuel Willi
Chef der Regionalpolizei Bern

Artikel zum Thema

Polizei verteidigt sich - Reitschule sammelt Beweise

Der umstrittene Polizeieinsatz vom Wochenende wird Thema beim Berner Regierungsrat. Die Reitschule «dokumentiert» weitere Fälle von Kopfverletzungen. Mehr...

«Wir erwarten von der Polizei, dass sie deeskalierend eingreifen kann»

Berns Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) kritisiert sowohl Polizei als auch die Krawallmacher vor der Reitschule. Er will auf der Schützenmatte «keinen rechtsfreien Raum». Mehr...

Gummischrot und Partyklänge

Samstagnacht bekämpften sich auf der Schützenmatte Polizei und Anwesende. Reto Nause spricht von einem «gezielten Angriff», die Reitschule von einer «geplanten Eskalation». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Freizeit und Reisen

Viele Ausflugsziele für den «goldenen Herbst» finden Sie in der aktuellen SBB Zeitungsbeilage «Freizeit und Reisen».

Kommentare

Paid Post

Freizeit und Reisen

Viele Ausflugsziele für den «goldenen Herbst» finden Sie in der aktuellen SBB Zeitungsbeilage «Freizeit und Reisen».

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...