Immer beim Pfosten an der Ecke

Die Burgergemeinde Bern verleiht dem Verein Surprise den Sozialpreis 2018. Ohne staatliche Gelder ermöglicht er es sozial benachteiligten Menschen, ihr eigenes Geld zu verdienen.

Surprise-Verkäufer Yemane Tsegaye steht in der Regel fünf Tage in der Woche am Berner Bärenplatz.

Surprise-Verkäufer Yemane Tsegaye steht in der Regel fünf Tage in der Woche am Berner Bärenplatz. Bild: Franziska Rothenbühler

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Kontakt mit den Passanten aufnehmen, aber nicht aufdringlich wirken. Diesen Tipp gibt der Verein Surprise den Verkäufern des gleichnamigen Strassenmagazins mit auf den Weg. Aber wie setzt man ihn um? Yemane Tsegaye macht es so: Er geht auf seinem Platz hin und her und hält das Heft hoch. Scheinen ihm die Passanten allzu sehr in Gedanken versunken zu sein, sucht er ihre Aufmerksamkeit mit einem «Surprise!» Diese Strategie hat sich für ihn bewährt.

Falls er möchte, kann er künftig mehr über Verkaufstechnik erfahren. Das Team der Berner Regionalstelle des Vereins Surprise bietet den Verkäufern ab Juni halbtägige Verkaufsschulungen an. Die Finanzierung ist gesichert: Die Burgergemeinde Bern verleiht dem Verein für den langjährigen Einsatz zugunsten von sozial benachteiligten Menschen den Sozialpreis 2018. Das Preisgeld von 50'000 Franken fliesst in die Schulung und Rekrutierung von Verkäuferinnen und Verkäufern.

Wie alle andern Verkäufer hat Yemane Tsegaye einen festen Verkaufsplatz, den er mit dem Verein abgesprochen hat. Bahnhöfe seien beliebte Standorte, sagt Katrin Pilling vom Verein Surprise. Manchmal teilen sich mehrere Verkäufer einen begehrten Platz. Anderen hingegen sind Bahnhöfe zu hektisch, sie bevorzugen Wohnquartiere und setzen auf Stammkunden. Yemane Tsegaye verkauft die Magazine am Bärenplatz in Bern, in der Regel an fünf Tagen in der Woche. Er sei mit seinem Standort sehr zufrieden, sagt er. Als die besten Verkaufstage haben sich Dienstag und Samstag erwiesen, denn an diesen Tagen ist Markt. Zwar ist Tsegaye beim Verkaufen immer in Bewegung, doch nie entfernt er sich zu weit vom Pfosten an der Ecke des Platzes. «Der Pfosten und ich sind Freunde geworden», sagt er.

Einige sind stadtbekannt

Seit sechs Jahren verkauft Yemane Tsegaye die Magazine. In dieser Zeit seien seine Verkaufszahlen stabil geblieben, sagt er. «Surprise» – früher hiess das Magazin «Surprise Arbeitslosenzeitung» –erscheint alle 14 Tage, die professionelle Redaktion befindet sich in Basel. Yemane Tsegaye kauft die frisch gedruckten Exemplare auf der Berner Regionalstelle und zahlt wie schweizweit alle «Surprise»-Verkäufer 3.30 Franken pro Heft, wovon 30 Rappen sein Beitrag an die AHV sind.

Das Magazin kostet im Verkauf 6 Franken, 2.70 gehen also netto an die Verkäuferinnen und Verkäufer. In Stadt und Kanton Bern sind rund 130 Personen im Einsatz. Einige bieten «Surprise» schon seit Jahren an und wurden stadtbekannt, für andere sei es eine vorübergehende Beschäftigung, sagt Katrin Pilling vom Verein Surprise. An den Verkaufsschulungen sollen sie die Gelegenheit bekommen, sich gegenseitig kennen zu lernen und Erfahrungen auszutauschen.

Verkäufer und Fan

Manche Verkäufer tragen eine «Surprise»-Jacke, manche einen Rucksack. Sicher aber erkennt man sie an ihrem Ausweis, den auch Yemane Tsegaye um den Hals trägt. An seiner Kleidung erkennt man den YB-Fan, der er nicht erst seit dem Wochenende ist. Fussball ist immer eine gute Möglichkeit, um mit Kunden ins Gespräch zu kommen. Die Gesundheit auch. «Wir erkundigen uns gegenseitig nach der Gesundheit», erzählt Tsegaye von seinen Begegnungen. Er hat einige Stammkunden, manche kauften gar die gleiche Ausgabe eine Woche später ein zweites Mal, erzählt er. Er mache sie jeweils darauf aufmerksam. Aber sie nähmen das Heft trotzdem, vermutlich verschenkten sie ein Exemplar.

Er identifiziere sich mit dem Heft und mit dem Verein, sagt Yemane Tsegaye. An den Schulungen sollen die Verkäufer mehr über die Hintergründe und Angebote des Vereins erfahren. Damit sie zum Beispiel auf die Sozialen Stadtrundgänge aufmerksam machen können, die «Surprise» nun auch in Bern anbietet.

Die Burgergemeinde Bern würdigt gemäss ihrer Mitteilung mit dem Sozialpreis das gesamte Konzept des Vereins sowie die Tatsache, dass dieser ohne staatliche Subventionen auskomme, indem er sich über den Verkauf des Magazins, Inserate, Stadtrundgänge und Spenden finanziere. Seit 20 Jahren fördere der Verein damit die Hilfe zur Selbsthilfe. (Der Bund)

Erstellt: 30.04.2018, 17:32 Uhr

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