«Ich weiss, was es über die Bands zu sagen gibt»

Thomas Wüthrich arbeitet in einer Berner Behindertenwerkstatt. Doch am Festival «Säbeli Bum!» steht der 42-Jährige als Moderator im Rampenlicht.

Auch die «Normalen» seien eingeladen, sagt Moderator Thomas Wüthrich augenzwinkernd.

Auch die «Normalen» seien eingeladen, sagt Moderator Thomas Wüthrich augenzwinkernd. Bild: Adrian Moser

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Alltag kann eintönig sein. Das ist auch bei Thomas Wüthrich nicht anders. Derzeit faltet er in einer Behindertenwerkstatt «Truckli» aus Karton, in die später Kaffeekapseln eingefüllt werden, von morgens halb acht bis nachmittags drei Uhr – mit einer einstündigen Mittagspause. Manchmal müsse man sich «dürebiisse», sagt der 42-Jährige, aber er sei froh um die Arbeit und hoffe, dass auch künftig genug Aufträge hereinkämen, um alle zu beschäftigen.

Doch die wirklichen Höhepunkte in seinem Leben finden dann statt, wenn Wüthrich moderiert. Am Festival «Säbeli Bum!» diese Woche wird er die Bands ankündigen (siehe Box) – selbstverständlich mit Frack und Zylinder. Diesen altgedienten Hut hat seine Mutter eigens für diesen Anlass wieder auf Vordermann gebracht. Der gebürtige Erlacher hat mit dem Moderieren Erfahrung. So war seine Stimme schon im alternativen Radio Rabe zu hören. Lampenfieber habe er darum keins, auch nicht am Festival. «Ich rede backstage mit den Bands, dann weiss ich ja, was es über sie zu sagen gibt.» Übt er seine Rolle zu Hause vor dem Spiegel? Nein, sagt Wüthrich, er könne das einfach, er sei wohl ein Naturtalent.

Die Bands sind keine Unbekannten. Marc Amacher etwa tritt auf. Dieser sei im deutschen Fernsehen zu sehen gewesen, sagt Wüthrich, zückt sein Handy und googelt den Namen der Sendung: Amacher war «Voice of Germany»-Finalist.

Bei früheren «Säbeli Bum!»-Ausgaben befürchteten einige im Vorfeld, dass prominente Bands einen gewissen Dünkel haben könnten – zu Unrecht. Oder dann war es damit rasch vorbei. Aus dem Kreis der Veranstalter hört man, Thomas breche diesen mit seiner Natürlichkeit, und meist stelle sich heraus, dass die vermeintlichen Allüren lediglich aus Nervosität vor der ungewohnten Aufgabe entstanden seien. Das Ungewohnte ist das lockere Zusammensein von Menschen mit und ohne Behinderung, das Hauptanliegen von «Säbeli Bum!».

Grenzen überwinden

Wüthrich nützt die Gelegenheit, dem Journalisten in den Notizblock zu diktieren, was im Artikel stehen soll: «Schreib, dass viele Leute ans Festival kommen sollen», auch solche, die noch nie «bi so öppis» gewesen seien, man müsse ihnen «äs Schüpfli gää». Gerade den «Normalen», fügt er hinzu und lacht entwaffnend. Es sei wichtig, dass die Kollekte grosszügig ausfalle, gibt er zu bedenken, denn er weiss, dass nichts von nichts kommt.

Die Frage, wie man Menschen mit Behinderung «richtig» oder «falsch» begegnet, wird angesichts seiner unkomplizierten Art obsolet. Ihm sei es nie passiert, dass sich ein Nicht-Behinderter unpassend verhalten habe, er gebe jedem zu verstehen, «dass es ganz einfach geht mit mir». An seiner Behinderung störe er sich nicht. «Ich fühle mich nicht eingeschränkt und kann alles machen, was ich will.»

Unerfüllte Wünsche

Das ist leicht übertrieben. So lebt er derzeit in einem Heim, wo es ihm gefällt. Dennoch würde er gerne in einer eigenen Wohnung leben. «Ich habe das ausprobiert.» Eine Organisation habe ihn unterstützt, doch diese gebe es nicht mehr. «Ich bin deswegen nicht traurig.» Er hätte vielleicht allein wohnen können, sagt er, vielleicht klappe das noch. Was macht er, wenn ein Vermieter zögert, eine Wohnung einem Menschen mit Behinderung abzugeben? Wüthrich vertraut auch hier auf Rhetorik: «Mit dem Vermieter würde ich einfach reden.» Das selbstständige Wohnen ist nicht der einzige Wunsch, der in Wüthrichs Leben bisher unerfüllt blieb. So würde er gerne nach Teneriffa reisen.

Zum Glück gibt es Internet. Dort hat sich der Web-Surfer kundig gemacht über die ganzjährig warme Kanarische Insel westlich von Afrika. Und über den Loro Parque. Wie der Name andeutet, beherbergt er die weltgrösste Sammlung von Papageien, aber auch Wale, Haie und Delfine. Im Notfall würde er allein reisen, sagt Wüthrich. Noch besser wäre es, wenn eine Begleitung von der Heitere Fahne mitkäme, findet er. Dieses Projekt in der vormaligen Brauereiwirtschaft in Wabern ist eine treibende Kraft hinter «Säbeli Bum!», laut Eigendefinition ein Freiraum, in dem sich Gastronomie, Theater und Kultur entfalten können. Für die alte, aber quicklebendige Liegenschaft hat Wüthrich eine bestechende, wenn auch utopische Idee: «Der Besitzer könnte doch das Haus der Heitere Fahne einfach schenken.» (Der Bund)

Erstellt: 13.08.2018, 06:11 Uhr

Piraten und Musik

Die zehnte Ausgabe des Festivals «Säbeli Bum!» gastiert auf der Warmbächlibrache – dort, wo die Kehrichtverbrennungsanlage abgebrochen ist, die Arbeiten für die Wohnüberbauung aber noch nicht begonnen haben. Der schräge Name soll das «Bumbum» der Musik antönen, und «Säbeli» ist eine Verniedlichung eines Piratensäbels, denn Piraten waren das Motto des ersten Festivals von 2009. Damals diente das Lorrainebad als Schauplatz.

Das Festival dauert von Mittwoch, 15. August, bis Sonntag, 19. August. Zirkus Chnopf gibt mehrere Vorstellungen. Speis und Trank kommen von der Heitere Fahne in Wabern, einer der treibenden Kräfte hinter dem Festival. Für Thomas Wüthrich ist der Samstag, 18. August, ein Höhepunkt: Dann moderiert er die Auftritte der Bands Hora Band, Rosi Tillie & Laura, Mister Milano – und Marc Amacher.

Informationen: freiraumkultur.ch; dieheiterefahne.ch und chnopf.ch; Ort: Warmbächliweg 2, 3008 Bern (Tram 7/8 bis Schlossmatte oder
Bus 11 bis Holligen)

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