«Ich brachte etwas Farbe in den Laden»

Im Gebäude der SRG-Generaldirektion war er «nur» der Hauswart, aber doch so etwas wie der heimliche Chef.

Ohne Furcht vor dem Glashaus: SRG-Hauswart Beat «Bude» Christen.

Ohne Furcht vor dem Glashaus: SRG-Hauswart Beat «Bude» Christen.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Kinder hielten ihn für den Samichlaus, «den richtigen». Auch wurde er oft mit dem Bärtigen aus der TV-Schokoladenwerbung verwechselt: «It’s cool, man». In der SRG-Zentrale am Berner Ostring wusste man, wer er ist: «dr Bude», Hauswart bei der Generaldirektion, mit richtigem Namen Beat Christen. Wir sind im Personalrestaurant verabredet, das der «Bund» trotz des nichtöffentlichen Charakters mit einem «Aufgetischt» bedachte («Bund» vom 29. Juni 2015).

Bude ist am Nebentisch in ein Gespräch verwickelt: Mitarbeiter einer externen Firma, die seit einiger Zeit Hauswartungsarbeiten erledigt, brauchen ein paar Tipps. «Chume grad», ruft er dem Besucher zu, um dann einem der Arbeiter kollegial in den Arm zu kneifen und einem anderen mit einem gerollten Dossiermäppli scherzhaft aufs Haupt zu schlagen. Dann ist er beim Besucher, oft unterbrochen von SRG-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern, die ihn grüssen («tschou Bude») oder ihm mitteilen, wie leid es ihnen tue, dass sie bei seinem Abschieds-Apéro nicht dabei sein könnten.

Wie geriet dieses Original in die gebührenfinanzierte Firma mit ihrem fast beamtenhaften Habitus? «Das war reiner Zufall.» 1979 habe er einen Job gesucht, weil er mit dem knorrigen Chef eines Berner Taxiunternehmens Krach gehabt habe und des Chauffeurdaseins ohnehin überdrüssig gewesen sei. Für zwei, drei Wochen sollte er im SRG-Gebäude – vor der Renovation waren es zwei getrennte Bauten – eine Ferienablösung machen.

Immer wieder sprang er ein, wuchs in die Firma hinein, bis hin zu einer 75-Prozent-Anstellung mit Gesamtarbeitsvertrag. Er kümmerte sich um die Haustechnik, pflegte Pflanzen auf dem Flachdach, verarztete Angestellte, die sich den Finger in einer Pultschublade einklemmten, richtete Räume für Präsentationen und Sitzungen ein oder mähte Rasen neben der Autobahnausfahrt. Die Mauer zwischen dem neuen Personalrestaurant und der A 6 gab es noch nicht. «Ich stand mit einem Bein auf dem Pannenstreifen.» Heute wäre dies eine komplexe Sache mit vielen Sicherheitsvorschriften, sinniert Bude.

Christen ist Sohn eines Schriftsetzers mit eigener Einmanndruckerei im Obstberg. Für ihn lieferte Bude schon als Bub «Himmelfrachtsbriefli» (Todesanzeigen) aus. Später durchlief er das Gymnasium, wo er «vom Schlegelleischt bis zum fortschrittlichen Lehrer» alles erlebte. Er schaffte die Matur, obwohl er sich innerlich längst von der Schule verabschiedet hatte. Dann studierte er. «Lic. rer. pol. / cand. iur. ist mein akademischer Vorname», scherzt Christen.

Als Alternative hätte es nur die Möglichkeit gegeben, «Regierungsrat zu werden oder währschaft zu heiraten». Von beidem habe er abgesehen. Deshalb habe er «aktuell kein Vis-à-vis», also keine Partnerin. Auch keine eigenen Kinder. Aber er sei mehrfacher «Schlottergötti», sagt Christen. So nannte man Taufpaten, die wegen der Absenz des eigentlich vorgesehenen Paten kurzfristig einspringen mussten und ihr Amt daher mit Knieschlottern versahen. «Ich habe einige Kinder durchs Leben begleitet.»

Formal gesehen hat ein Hauswart einen dienenden Status. Im Gespräch merkt man aber, dass das nicht so eindeutig ist. Er habe kein Problem mit Chefs und ihrer Autorität: «Jeder hat seine Aufgabe.» Doch müsse Autorität auf Können beruhen und dürfe nicht allein von der Funktion abgeleitet sein. Es wäre falsch, bei Christen Autoritätsgläubigkeit zu vermuten, zumal er selbst Autorität ausstrahlt – oder «Urvertrauen», wie er es nennt. So sagte er einst dem Aushebungsoffizier, er könne ins Dienstbüchlein stempeln, was er wolle: «Ich gehe in den Luftschutz.» So kam es auch.

Im Gespräch mit Bude fallen Sätze, wie sie in einem schlauen Management-Ratgeber stehen könnten: «Führen tut weh, vor allem sich selbst.» Oder die Erkenntnis, dass jemand, der führt, zuerst sich selbst beherrschen muss: «Wer nur Leute zusammenstauchen kann, ist keine gute Führungspersönlichkeit.»

Der Mann mit dem Bart, dessen Haupthaar «bis ads Füdle ache» reichte, wurde oft mit Vorurteilen konfrontiert. Dem Langhaarigen wünschten senkrechte Patrioten ein Billett «Moskau einfach», biedere ältere Damen mit Einkaufskörbchen fanden, er solle in den Krieg nach Vietnam ziehen – oder gleich auf der Stelle erschossen werden. Christen weiss auch, dass «sogenannte kleine Leute» unterschätzt werden. Er findet es doof, wenn er in einem Bericht liest, der Hilfsarbeiter X liebe klassische Musik und sei darin erstaunlicherweise ein Experte. Oder wenn es heisst, der stets höfliche und angepasste Y habe die Grosstante umgebracht. «Menschen haben verschiedene Facetten» und Schubladisieren sei «ein Blödsinn».

Christens Diktum, er habe «etwas Farbe in den Laden gebracht», ist generell gemeint, doch gabs vor Jahren auch einen konkreten Anlass dazu. Im Gebäude gab es einen Verbindungsgang mit geweisselten Wänden, «die einen fast blendeten». Das fand Christen nicht schön, weshalb er mit einem Kumpel übers Wochenende zur Tat schritt. Mit Spraydosen verzierte dieser den Gang mit farbigen Bildern. Das Hallo am Montag war gross wie weiland bei Harald Naegeli, dem Sprayer von Zürich in den Zeiten der Jugendbewegung. Rasch erhob sich die Frage: Ist das Sachbeschädigung oder Kunst?

Abschliessend geklärt wurde es nie, da Christen bei einem befreundeten Maler einen Erstjahresstift organisierte, der die Sache für wenig Geld in Ordnung brachte. «Ich wäre dafür geradegestanden», sagt Christen, falls es auf einen «Fristlosen» hinausgelaufen wäre. Doch so weit kam es nicht. Nun wird Christen regulär pensioniert.

Der Bund

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