Hightech für das Ohr

Ein robotergestütztes Operationsverfahren der Universität Bern und des Inselspitals könnte in Zukunft mehr Menschen mit Hörproblemen helfen.

Chefarzt Caversaccio und sein Team proben den Ernstfall mit dem Roboter im Inselspital.

Chefarzt Caversaccio und sein Team proben den Ernstfall mit dem Roboter im Inselspital.

(Bild: Manu Friederich)

Bluejeans und Turnschuhe, ein weisses Shirt, ein sportlicher junger Mann, der seit kurzem den Lehrabschluss in der Tasche hat. Man tauscht einen freundlichen Händedruck und redet kurz übers Wetter.

Es fällt kaum auf, dass er nur dank technischer Unterstützung dem Gespräch folgen kann: Eine Hirnhautentzündung im Alter von einem Jahr führte dazu, dass er auf beiden Ohren das Gehör verlor. Seither trägt Vito Carluccio ein Cochlea Implantat (CI). «Ich war damals einer der ersten Patienten bei denen man das Implantat bereits in diesem Alter einsetzte.»

Elektroden in der Hörschnecke

Das CI ermöglicht es gehörlosen und stark schwerhörigen Menschen wieder zu hören. Erreicht wird dies über eine Elektrode, welche direkt in die Hörschnecke (Cochlea) eingeführt wird.

Video: zvg/Inselspital

Bisher mussten sich Patienten, welche sich ein CI implantieren lassen wollten, einer rund zweistündigen Operation unterziehen. Eine neue Operationsmethode, welche von der Universität Bern und dem Inselspital gemeinsam entwickelt worden ist, könnte nun eine neue Ära einläuten: Anstelle eines grossen Schnittes hinter dem Ohr, der bis zu acht Zentimetern lang sein kann, bohrt neu ein hochpräziser Roboterarm ein kleines Loch mit einem Durchmesser von einem bis zwei Millimetern direkt zum Innenohr.

Laut Marco Domenico Caversaccio, Professor und Chefarzt des Inselspitals Bern, besteht die Hoffnung, dass durch die höhere Präzision und Konstanz, welche mit dem Roboter erreicht wird, auch ein besseres Hörempfinden resultieren wird: «Je individualisierter der Eingriff und je fortschrittlicher die Technik, desto höher stehen die Chancen für einen besseren Höreindruck.»

Profitieren könnten ausserdem Patienten in Ländern, welche über keine hoch spezialisierte Chirurgie verfügten. «Mit der neuen Methode können auch Chirurgen mit weniger Erfahrung den Eingriff durchführen. Beispielsweise in der dritten Welt.»

Verbunden mit Entwicklungen aus anderen Bereichen der Medizin könnten zukünftig auch neue Verfahren möglich werden: «Vielleicht kann man in zehn Jahren auch Stammzellen über diesen Kanal direkt in die Hörschnecke abgeben», so Caversaccio. Dies sei aber noch Zukunftsmusik und zu viele Faktoren seien noch ungeklärt, um konkrete Aussagen zu machen.

Aus der Sicht des Patienten hat die neue Methode gleich mehrere Vorteile: Die Operationsdauer wird verringert, wodurch auch die Narkoserisiken kleiner sind, es kommt zu weniger Narbenbildung, und der Eingriff kann möglicherweise ambulant durchgeführt werden.

Widerstand gegen das Implantat

Aber nicht alle sehen im Cochlea Implantat eine positive Weiterentwicklung der Medizin. Als die ersten Implantate auf den Markt kamen, formierte sich vor allem unter den Gehörlosen Widerstand. Gehörlose Menschen verstehen sich selber als kulturelle Minderheit mit eigener Sprache – der Gebärdensprache.

Das CI wurde deshalb in der Anfangszeit als Angriff der Hörenden auf die Gehörlosenkultur gesehen. In der Schweiz haben sich die Wogen mittlerweile aber etwas geglättet. Martina Raschle, Medienbeauftragte des Schweizerischen Gehörlosenbundes sagt: «Der Grabenkampf zwischen Ärzten und Gehörlosen ist vorbei. Dennoch sind immer noch viele kritisch eingestellt.»

Im Zentrum stehen zwei Anliegen: zum einen der Zeitpunkt der Operation und zum anderen die Vermittlung der Gebärdensprache. Laut Raschle sollten die Betroffenen im Idealfall selber entscheiden können, ob sie sich der Behandlung unterziehen lassen wollen oder nicht. Im Fall einer frühzeitigen Behandlung im Kleinkindalter sei es aber wichtig, dass gleichzeitig auch die Gebärdensprache unterrichtet werde – vergleichbar mit zweisprachigen Kindern.

Grund für diese Forderung ist die Sprachentwicklung des Kindes: «Zur Gebärdensprache haben die Kinder ab Tag eins Zugang. Bis ein Kind mit CI richtig hört, vergeht im Sprachentwicklungsprozess wertvolle Zeit, da sich das Gehirn erst an die neuen Sinneseindrücke gewöhnen muss.»

Durch die Gebärdensprache würden die Kinder auch frühzeitig in die Kultur der Gehörlosen eingebunden. Dies wirke sich positiv auf das Selbstbewusstsein und die Identitätsentwicklung im späteren Leben aus.

Für Vito Carluccio war die Entscheidung seiner Eltern richtig. Ohne das CI hätte er wohl kaum eine Ausbildung zum Detailhandelsfachmann machen können. Dennoch gibt es eine Sache, die er vermisst: «Ich würde gerne Musik richtig wahrnehmen können. Ich merke wie viel Freude das meinen Kollegen bereitet.»

Der Bund

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