Gurlitts Erbe fordert Berner Museumsgremium

Soll das Berner Kunstmuseum das Erbe von Cornelius Gurlitt annehmen? Dies wird der Stiftungsrat des Museums entscheiden müssen. Mitglieder des Gremiums legen ihre Sicht der Dinge dar.

Ob im Berner Kunstmuseum künftig Werke aus der Sammlung Gurlitt ausgestellt werden, hängt vom Entscheid des Stiftungsrates ab.

Ob im Berner Kunstmuseum künftig Werke aus der Sammlung Gurlitt ausgestellt werden, hängt vom Entscheid des Stiftungsrates ab.

(Bild: Harold Cunningham/Getty Images)

Basil Weingartner@bwg_bern

In den nächsten zwei Wochen wird sich der Stiftungsrat des Berner Kunstmuseums zu einer ausserordentlichen Sitzung treffen, denn es gilt, über eine unerwartete Erbschaft zu beratschlagen. Seit einigen Tagen ist bekannt, dass der am Dienstag verstorbene, umstrittene Kunstsammler Cornelius Gurlitt seinen Nachlass dem Berner Kunstmuseum testamentarisch vermacht hat. Seither ist das Museum an der Hodlerstrasse im nationalen und internationale Fokus.

Bereits seit 138 Jahren existiert der Stiftungsrat des Berner Kunstmuseums. Seine Sitzungen stiessen bis anhin höchst selten auf Beachtung. Bei der anstehenden Sitzung wird das Interesse nun ungleich grösser sein. «Es ist eine aussergewöhnliche Situation, eine, mit der das Gremium erstmals konfrontiert ist», sagt Stiftungsratspräsident Christoph Schäublin auf Anfrage. Auf eine derartige Situation sei sein Gremium eigentlich nicht vorbereitet. Gleichwohl bekräftigt er mehrfach sein Vertrauen in den Stiftungsrat, dieser sei sehr engagiert und kompetent. Das zwölfköpfige Gremium ist nach einem statuarisch festgelegten Verteilschlüssel zusammengesetzt. Kantons-, Stadt- und Kulturkonferenzvertreter werden durch Vertreter von Gönnerstiftungen ergänzt. Damit sich diese Entscheidungsträger ein Bild der Situation machen können, fehlen gemäss Schäublin aktuell die Fakten – und um einen Entscheid zu treffen erst recht.

Annehmen oder ausschlagen?

Die in Gurlitts Liegenschaften in München und Salzburg entdeckte Kunstsammlung hatte in den vergangenen zwei Jahren für Aufsehen und aufgeregte Diskussionen gesorgt. Die rund 1600 Werke umfassende Sammlung hatte Gurlitt von seinem Vater geerbt. Sie waren während des Zweiten Weltkriegs in seinen Besitz gelangt. Unter den Werken wird Nazi-Raubkunst vermutet. Gemäss Schäublin gehen Schätzungen von 40 bis 400 betroffenen Werken aus. Dies genau zu bestimmen, dürfte ein langwieriger Prozess werden – und ein kostspieliger, zumal die Bilder wohl teilweise auch restauriert werden müssen. In Zeiten von Kulturbudgets, die unter Spardruck stehen, sind solche Kosten ein wichtiges Entscheidungskriterium: Erbe annehmen oder ausschlagen?

Doch dem Museum liegen diese Grundlagen derzeit nicht vor. Es ist aber geplant, die Sammlung in den kommenden Tagen ein erstes Mal zu inspizieren. Veronica Schaller, Leiterin der Stadtberner Kulturabteilung und eine der Vertreterinnen der Stadt Bern im Stiftungsrat, findet, die kuratorische Aufarbeitung des delikaten Falles sei eine moralische Pflicht. Deshalb müssten Mittel zur Verfügung gestellt werden. Sie sieht das Ganze gar als «nationale Aufgabe», weshalb mit dem Bundesamt für Kultur Kontakt aufgenommen werden sollte. Die Tatsache, dass das Berner Kunstmuseum mit dem Erbe bedacht wurde, begrüsst sie.

Wenn man sich unter weiteren Stiftungsratsmitgliedern umhört, wird der noch tiefe Informationsstand offensichtlich. Die Mitglieder sprechen von einer grossen Herausforderung, geben aber auch ihrer Freude über das unerwartete Erbe Ausdruck.

Synergien nutzen

Auch der kantonale Kulturdirektor Bernhard Pulver sieht im anvertrauten Erbe grundsätzlich eine Chance. Der grüne Regierungsrat begrüsst die umsichtige und sorgfältige Kommunikationsstrategie des Kunstmuseums. «Das Museum hat von Beginn weg klargemacht, dass man sich über das Erbe freue, aber stets die grosse Verantwortung des Erbes betont.»

Regierungsrat Pulver könnte sich zudem vorstellen, dass das Kunstmuseum und das Zentrum Paul Klee bei der Restaurierung und der Lagerung der Werke zusammenarbeiten und dadurch Synergien nutzen könnten. Gemeinsam sei ein solches Erbe «besser zu «stemmen».

Der Bund

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