Gummischrot und Partyklänge

Samstagnacht bekämpften sich auf der Schützenmatte Polizei und Anwesende. Reto Nause spricht von einem «gezielten Angriff», die Reitschule von einer «geplanten Eskalation».

Die Polizei riegelte am Samstag einen Teil der Schützenmatte ab.

Die Polizei riegelte am Samstag einen Teil der Schützenmatte ab. Bild: zvg

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Es sollte ein Samstagabend werden, wie ihn Bern diesen Sommer einige gesehen hatte. Zwar zeigte das Thermometer bereits herbstliche Temperaturen an, da sich die Regenwolken aber im Verlaufe des Nachmittages verzogen, fanden doch Hunderte ihren Weg auf die Berner Schützenmatte. Dort geht zurzeit das Neustadt-lab über die Bühne und es finden somit viele Konzerte, Theater und Partys statt. Auch auf dem benachbarten Vorplatz der Reitschule war was los.

Doch dann kurz vor Mitternacht gerät die feucht-fröhliche Nacht aus ihrer Bahn. Wie verschiedene Augenzeugen vor Ort berichten, kommt es zu einem Konflikt zwischen Polizisten, die auf der Schützenmatte in Leuchtwesten patrouillierten, und Personen auf dem Vorplatz der Reitschule. Was genau passierte, darüber gehen die Ansichten auseinander. Einige sprechen davon, dass die Polizisten «lautstark zum weggehen aufgefordert wurden». Andere reden von «davonjagen». Die Kantonspolizei Bern schreibt in einer Mitteilung von «präventiver Präsenz» im Bereich der Schützenmatte. Eine Demo oder dergleichen war nicht angekündigt. Dabei seien die Einsatzkräfte mit Wasserballons attackiert worden.

Klar ist: Darauf rücken Polizisten in Vollmontur an, räumen einen Teil der Schützenmatte und postieren sich unter der Eisenbahnbrücke. Doch die Situation beruhigt sich nicht. Im Gegenteil. Einzelne Anwesende sind auf Krawall aus, provozieren die Beamtinnen und Beamten. Plötzlich fliegen Flaschen - die Kantonspolizei Bern schreibt in einer Mitteilung sogar von Eisenstangen und Feuerwerkskörpern. Die Polizei feuert mit Gummischrot zurück, setzt Pfefferspray ein und verjagt die Angreiferinnen und Angreifer, die sich darauf vermummen, sich sammeln und wiederum die Polizei attackieren. Als einige der Angreifenden versuchen, mit Absperrgittern eine grössere Barrikade zu errichten, setzen die Polizistinnen und Polizisten wieder Gummischrot und Reizstoffe ein.

Neustadtlab-Zwischennutzung bleibt sonst friedlich

Krawallmacher, die sich auf dem Vorplatz der Reitschule mit der Polizei ein Katz-Maus-Spiel liefern, gibt es immer wieder. Zum letzten solchen Vorfall kam es im vergangenen Winter. Speziell ist der Zeitpunkt: Noch nie rückte die Polizei während des nun bereits zum vierten Mal stattfindenden Neustadt-lab mit einem derart grossen Aufgebot an. Die Zwischennutzung wurde jeweils gelobt, weil sie die Konflikte um den Perimeter Schützenmatte entschärfte.

Auch um zwei Uhr, also einige Scharmützel später, befinden sich noch immer einige hundert Menschen auf der Schützenmatte und dem Vorplatz. Die grosse Mehrheit der anwesenden Menschen sucht nicht den Konflikt. Dennoch präsentiert sich die Situation für die Polizei unübersichtlich, in den Bars und auf den Freiluft-Tanzflächen geht der Ausgang nämlich weiter.

Mehrere Verletzte, darunter auch Polizisten

Der Platz bietet eine absurde Szenerie: Während auf dem Vorplatz und auch auf Teilen der Schützenmatte getanzt wird, verarztet die Sanitätspolizei nur 50 Meter weiter die, die vom Gummischrot Platzwunden davongetragen haben. «Komm wir gehen wieder feiern», sagt ein Jugendlicher, nachdem er einige Minuten von hinten die Polizeireihe beobachtet hat. Nur: Feiern gehen heisst, um die Polizei herum auf den Vorplatz zurücklaufen, wo sich auch die Flaschenwerfer aufhalten und in deren Richtung immer wieder eine Salve Gummischrot abgefeuert wird.

Um vier Uhr, also weitere Scharmützel später, beruhigte sich die Situation. Bei den Auseinandersetzungen sind laut Polizei Angreifer angehalten worden – «die Abklärungen dazu sind im Gange». Doch schon jetzt ist klar: «Mehrere Polizisten wurden beim Einsatz verletzt», sagt Polizeisprecher Gnägi.

Aber nicht nur Polizisten sollen verletzt worden sein, sondern auch Personen der Gegenseite, wie die die Revolutionäre Jugend Gruppe Bern (RJG) auf Facebook schreibt. In ihrem Statement sprechen sie davon, dass die Polizei gezielt Gewalt eingesetzt habe, «um eine Eskalation zu erzielen.» Die Gruppe sieht den Platz scheinbar als Schlachtfeld an. «Denn ihnen wie uns ist auch klar, dass die Schützenmatte ein umkämpfter Ort ist, dies wird sich auch durch geplante Belebungen nicht ändern.»

Nause: «Zentraler Punkt der Kriminalität»

Der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) beurteilt den Vorfall als «gezielten und bewussten Angriff auf die Polizei vor Ort». Nach seinen Kenntnissen seien drei Polizisten verletzt und sieben bis acht Personen angehalten worden. Aber weshalb war die Polizei auf der wegen dem Stadtlabor stark besuchten Schützenmatte überhaupt derart präsent? «Die Schützenmatte ist der zentrale Punkt der Kriminalität in der Stadt Bern», so Nause. Deshalb sei eine erhöhte Polizeipräsenz nur logisch und sinnvoll. Zudem fordert er eine Stellungnahme der Reitschule. «Haben die Verantwortlichen Kenntnisse gehabt oder welche Massnahmen hat der Sicherheitsdienst der Reitschule getroffen, um eine Eskalation zu verhindern?»

Reitschule nimmt Stellung

Nun meldet sich auch die Mediengruppe der Reitschule zu Wort. In einer Mitteilung spricht sie von einem «unverhältnismässigen und gefährlichen Einsatz» und einer «geplanten Eskalation». Eine Person läge noch im Spital, da sie durch Gummischrot auf Höhe des Genitalbereichs getroffen worden sei.

Die Reitschule hat via soziale Medien einen Aufruf gestartet, bei dem Augenzeugen ihre Video-Aufnahmen und Berichte einsenden können. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2018, 11:21 Uhr

Wer malte Smileys auf Gummischrot?

Der umstrittene Polizeieinsatz auf der Berner Schützenmatte von Sonntagnacht hatte gestern eine Reihe von Medienmitteilungen der Reitschule zur Folge, in denen sie die Kantonspolizei Bern stark angriff. Zudem versuchte sie, mit diversen Videos das Verhalten der Polizei zu belegen. Die Reitschule hatte zu diesem Zweck Besucher des Vorplatzes aufgerufen, entsprechendes Material zu schicken.

Besonders zu reden gab gestern dabei - insbesondere auch in den Kommentarspalten der Medienportale sowie in den sozialen Medien - eine Behauptung der Mediengruppe der Reitschule: In einer Mitteilung verschickte sie ein Bild, worauf Gummischrot-Munition zu sehen ist, die mit einem Smiley versehen wurde. Dazu schreibt die Gruppe: «Die Polizei scheint sich über die Leute, auf die sie schiesst, lustig zu machen und untermauert damit den Verdacht einer geplanten Eskalation.» Die Kantonspolizei äusserte sich gegenüber anderen Medien zu den Vorwürfen: «Ein solches Vorgehen verstösst gegen unsere Richtlinien. Deshalb können wir uns nicht vorstellen, dass die Beamten so gehandelt haben.» Von wem die Munition tatsächlich mit Smileys bemalt wurde, ist unklar. Für die Reitschule sei es indes «befremdend», dass die Kantonspolizei «ein Fehlverhalten ihrer Polizistinnen und Polizisten kategorisch ausschliesst». Die Polizei solle sich allen Vorwürfen stellen, fordert die Reitschule. (mob/crt)

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