Grösser denken ist erlaubt

Die Idee einer Brücke zwischen Länggasse und Nordquartier wird zurzeit kontrovers diskutiert. Es lohnt sich, diese wenigstens genau zu prüfen.

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(Bild: Franziska Scheidegger)

Markus Dütschler

Es gibt Ideen, bei denen man denkt: Wieso ist nicht früher jemand drauf gekommen? So geht es dem unbefangenen Betrachter mit dem Vorschlag des Berner Architekten Arpad Boa: Die geplante Brücke zwischen Länggasse und Nordquartier soll demnach nicht nur Velos und Fussgängern offenstehen, sondern auch Autos und Bussen des öffentlichen Verkehrs. Das neue Quartier im Viererfeld wäre nicht bloss ein Wohnen im Grünen, sondern ein städteplanerischer Wurf mit Potenzial auf Jahrzehnte hinaus. Gewiss, so einfach ist es nicht. Der Aufschrei, den die geplante Velo- und Fussgängerbrücke bei Hauseigentümern ausgelöst hat, deren Parzelle unter der Brücke zu liegen käme, dürfte bei einer «richtigen» Brücke umso lauter sein. Und ja, die Idee einer neuen Autoverbindung auf Stadtgebiet ist gewöhnungsbedürftig, schliesslich lässt sich Berns Norden auf der Autobahn umfahren. Es ist klar, dass Berns RGM-Regierungsparteien hier «Njet» rufen: Für sie darf der motorisierte Individualverkehr einzig verringert, aber nie an neuen Orten zugelassen werden.

Trotzdem sollten alle diese Idee ohne ideologische Scheuklappen prüfen. Die Kapazität der Autobahn ist nicht unbegrenzt, und die Autos, die dereinst zwischen Länggasse und Nordquartier zirkulieren würden, dürften mehrheitlich elektrisch angetrieben sein. Dem Ziel eines autoarmen oder autofreien Bahnhofplatzes käme man dank der Brücke näher. Stadtentwicklung geht nicht immer nur klein-klein, es braucht auch kühne Gedanken. Die Kirchenfeldbrücke war gigantisch zu einer Zeit, als auf dem frisch erschlossenen Terrain erst wenige Häuser standen. Die Bewohner im Altenberg wiederum schätzten es gar nicht, plötzlich die Kornhausbrücke über sich zu haben. Dennoch waren beide Bauten richtig und zukunftsweisend, heute ist es unvorstellbar, dass es anders sein könnte. Berns Politiker sollten Boas Idee darum nicht eilends vom Tisch wischen, sondern sogar einen Marschhalt erwägen, bevor die Planung für die Velobrücke zu weit forgeschritten ist. Es wäre jammerschade, wenn Bern aus Trägheit eine solche Chance vergäbe.

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