Gewerbler weibeln für 30-Millionen-Projekt

Kaum ist die Berner Feuerwehr ausgezogen, geht das Gerangel um die langfristige Nutzung der alten Kaserne los. Die Genossenschaft Central prescht vor und lanciert ihr Vorhaben, bevor der Wettbewerb gestartet ist. Sie «fürchtet» sich vor einem zweiten Fall Progr.

Diese Unternehmer wollen Leben in die alte Feuerwehrkaserne bringen: Severin Aegerter, Susana Canonica und Adrian Iten von der Genossenschaft Central.

Diese Unternehmer wollen Leben in die alte Feuerwehrkaserne bringen: Severin Aegerter, Susana Canonica und Adrian Iten von der Genossenschaft Central. Bild: Valérie Chételat

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Die Businesspläne sind geschrieben, die Broschüre ist gedruckt: Seit über zwei Jahren haben gut 60 Mitglieder der Wohnbaugenossenschaft (WBG) Central am Konzept für die dauerhafte Nutzung der Berner Feuerwehrkaserne gefeilt. Während nach wie vor über die Zwischennutzung der Wache diskutiert wird (siehe Kasten rechts), gibt nun Genossenschafts-Sprecher und Unternehmer Adrian Iten erstmals Einblick in ihren Plan für die langfristige Nutzung des denkmalgeschützten Gebäudes: Neben 20 Wohnungen, einem Restaurant, Strassencafé, Markt, einer Kita, Werkstätten et cetera ist auch ein Hotel vorgesehen. «Wir wollen die Feuerwehrkaserne für alle öffnen, einen toten Punkt im Quartier beleben und einen Anziehungspunkt für die ganze Stadt schaffen», formuliert Iten die Leitidee der WBG Central, die ursprünglich für das Bauprojekt Centralweg in der Lorraine gegründet worden ist.

Um das Vorhaben realisieren zu können, müssen laut Iten geschätzte 30 Millionen Franken in das denkmalgeschützte Gebäude investiert werden. Dazu kommt ein einstelliger Millionenbetrag, um das in den 1930er-Jahren gebaute Gebäude von der Stadt zu erwerben. Erste Gespräche mit potenziellen Investoren – etwa ­genossenschaftlichen Pensionskassen – seien positiv verlaufen. «Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Das Projekt steht», sagt Adriano’s-Betreiber Iten, der mit seiner Kaffeerösterei selbst in die ­Feuerwehrkaserne einziehen will.

Zürcher Kalkbreite als Vorbild

Die Bruttogeschossfläche der Feuerwehrkaserne beträgt ganze 5500 Quadratmeter. Die Mieten sollen sich laut WBG im «für das Quartier üblichen» Rahmen halten. Bei einem vorgegebenen Wohnungsanteil von nur 45 Prozent spielt das Gewerbe bei der künftigen Nutzung der Feuerwehrkaserne eine Schlüsselrolle. Neben Iten weibeln darum auch Susana Canonica von der Tapasbar Volver und Severin Aegerter von Cultivino öffentlich für das Projekt. «Die gelungene Überbauung Kalkbreite in Zürich hat uns angespornt, einen mutigen Wurf zu planen», so Aegerter. Die Kalkbreite ist derzeit das wohl angesagteste Areal Zürichs (siehe auch Seite 9).

Viersternhotel geplant

Wie in der Kalkbreite ist auch in der Feuerwehrkaserne ein kleines Hotel geplant. Laut Iten habe man am Anfang eine Art Backpacker-Unterkunft einrichten wollen. Von diesen Plänen sei man aus finanziellen Gründen abgerückt. Nun soll laut dem dem «Bund» vorliegenden Konzept das Bed & Breakfast Im Klee in den früheren Schlafzimmern der Feuerwehrmänner ein Hotel im «Viersternbereich» betreiben. Tourismusdirektor Markus Lergier ist ob der Pläne erfreut: «Bern braucht dringend neue Drei- bis Vier­sternhotels. Dieser zentrale Standort ist hervorragend geeignet.»

Nebst einem Restaurant plant die WBG Central in der Fahrzeughalle einen Märit, der Leben auf das Areal bringen soll. Bauern aus der Umgebung sollen dort ihre Produkte verkaufen können. Ob Theater, Lesungen, Yoga oder Pilates: Im Untergrund des Gebäudes soll mithilfe von verschiedensten Mietern ein Begegnungszentrum für das Quartier entstehen. Hinter dem «Plattform» genannten Teilprojekt stehen neben ­Susana Canonica die Betreiber des ­Wartsaal-Cafés in der Lorraine.

Kein zweiter Fall Progr

Die WBG Central dürfte nicht der einzige Interessent für die alte Feuerwehrkaserne bleiben. Die Stadt will im ersten Quartal 2015 einen Wettbewerb für die Überbauung lancieren. Warum prescht die WGB Central nun vor und geht mit ihrem Projekt bereits an die Öffentlichkeit? Die Initianten «fürchten» sich vor einem zweiten Fall Progr, wo die Zwischennutzer schlussendlich das Gebäude ganz übernommen haben. «Es besteht die Gefahr, dass jetzt das aktuelle Projekt mit den unterschiedlichsten Zwischennutzungen verzettelt wird», sagt Iten. Es dürfe nicht sein, dass die Behörden weiterhin «ins Blaue» planten und diesen «einzigartigen» Bau nach und nach «zerstückeln». Iten fordert darum den Gemeinderat auf, nicht einen Architektur-, sondern einen Ideenwettbewerb für die Überbauung der Feuerwehrkaserne zu lancieren. Der ­zuständige Finanzdirektor Alexandre Schmidt (FDP) will sich – bis die Eckpunkte des Wettbewerbs festgelegt sind – nicht zur Endnutzung äussern.

Manfred Leibundgut von der Quartierkommission Dialog Nordquartier koordiniert die Zwischennutzung der Feuerwehrkaserne. Er ist mit dem Projekt Central vertraut. Bereits jetzt könne man von den Vorarbeiten profitieren. «Die breit getragene Grundidee des Central-Projektes unterstütze ich voll und ganz.» Wann der Baubeginn für die definitive Überbauung erfolgen kann, ist noch völlig ungewiss. Frühstens jedoch im Sommer 2018 – je nachdem, wie lange die Zwischennutzung verlängert wird. (Der Bund)

Erstellt: 05.12.2014, 08:14 Uhr

Zwischennutzung bis Sommer 2018

Die Zwischennutzung der Berner Feuerwehrkaserne ist auch in der Stadtregierung ein Dauerbrenner: So hat der Gemeinderat jüngst beschlossen, «wegen der dringenden Flächenbedürfnisse der öffentlichen Hand» die Zwischennutzung bis Ende Juli 2018 zu verlängern. Bislang war die Rede davon, dass die temporären Nutzer Ende 2017 aus der früheren Hauptwache der Berufswehr ausziehen müssen. Damit dürfte sich auch der Baubeginn für das Nachfolgeprojekt mitsamt den geplanten Wohnungen verzögern. Nebst einer Asylunterkunft für 100 Flüchtlinge ist geplant, den schulärztlichen Dienst, eine Tagesschule sowie Garderoben in der Kaserne einzurichten.



Dutzende Interessenten


Wie die Feuerwehrkaserne bis 2018 ­genutzt wird, bleibt weiter offen: Laut Manfred Leibundgut vom Dialog Nordquartier haben sich in der Kerngruppe des Vereins Alte Feuerwehrkaserne mittlerweile 40 Interessenten zusammengeschlossen. Am kommenden Montag findet eine gemeinsame Besichtigung der Feuerwehrkaserne statt, das dürfte die Fantasien beflügeln. Die Vorstellungen für die Zwischennutzung gehen weit auseinander. «Wir sind voll auf Kurs», betont aber Leibundgut. Nun gelte es zu klären, welche Nutzungen zusammenpassten. Die ersten Zwischenmieter sollen im Februar 2015 einziehen.
(amü)

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