Gemüseeintopf statt Stracciatella

Im Winter isst der Schweizer kaum Glace. Einige Berner Gelaterias haben sich deshalb für die kalte Jahreszeit nach Alternativen umgesehen.

Fabian Zbinden, Tele Cesari und Dany Affolter hauchen der Gelateria im Breitenrain im Winter Leben ein.

Fabian Zbinden, Tele Cesari und Dany Affolter hauchen der Gelateria im Breitenrain im Winter Leben ein. Bild: Franziska Rothenbühler

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Es ist ein bekanntes Bild in Bern: Hat man Lust auf eine Glace, muss man sich gedulden, denn die Schlange vor den Gelaterias ist lang. Im Sommer. Jetzt, wenn langsam der Winter kommt, steht man alleine vor der Vitrine und fragt sich insgeheim, wie lange die Betreiber dem Ausbleiben der Kundschaft wohl noch standhalten können, bevor sie ihr Lokal vorübergehend schliessen müssen. Und was wohl in der kalten Jahreszeit mit ihren Lokalen passiert.

«Drei der vier Filialen der Gelateria di Berna sind noch bis am 12. November geöffnet», sagt Hansmartin Amrein, Mitgründer der Familienfirma Gelateria di Berna. Von Dezember bis Februar werden sie durch sogenannte Pop-up-Läden zwischengenutzt. Pop-up ist der trendige Name für das temporäre Geschäften auf einer brachliegenden Gewerbefläche. «In Bern gibt es viele Leute mit kreativen Geschäftsideen, jedoch ohne Glück oder finanzielle Mittel, diese umzusetzen», sagt Amrein. Hier will er in die Bresche springen, indem er ihnen die Infrastruktur bereitstellt. Zwischennutzer würden nicht einmal die volle Miete bezahlen, nur einen «Deckungsbeitrag».

Woher dieser Altruismus? «Wenn wir sehen, wie unsere Gelaterias im Sommer zu Treffpunkten im Quartier werden, fühlen wir uns irgendwie verpflichtet, diese Orte ganzjährig lebendig zu halten», sagt er. Aber er bestreitet nicht, dass gleichzeitig das Image der Gelaterias gepflegt wird, wenn diese Lokalitäten auch im Winter Gäste einladen.

Heisse Schokolade im Mattenhof

Gelateria di Berna selektioniert ihre Zwischennutzer nach den Kriterien Kreativität und Leidenschaft. So spannen in der Gelateria im Breitenrain im Winter zwei zusammen, die bisher nur auf Berns Strassen anzutreffen waren: La Ribollita und Emma & Paul. Hinter La Ribollita steckt Fabian Zbinden, der täglich Eintopfgerichte im knusprigen Brot aus seinem Foodtruck verkauft. Emma & Paul ist das Street-Verkaufskonzept von Tele Cesari, der als Barista in seinem Caffèmobil regelmässig italienische Kaffeekultur in die Lorraine und nach Ostermundigen bringt. Zusammen mit Dany Affolter werden die zwei im Dezember ein Café eröffnen mit dem Angebot Kaffee, Eintopf im Brot und Wintergebäck-Patisserie.

Auch die anderen Lokale der Gelateria di Berna werden in Pop-up-Manier umgenutzt. Im Mattenhofquartier wird im Winter heisse Schokolade getrunken. «Es wird ein ganzes Spektrum von heisser Schokolade geben, zum Beispiel mit Absinth oder allerhand Gewürzen», so Amrein. Im Marzili wird eventuell die Performance-Künstlerin Chantal Michel Installationen präsentieren, und das Lokal an der Mittelstrasse wird im Winter von der benachbarten Caffè Bar Sattler für kulturelle und geschäftliche Anlässe genutzt.

Die Gelateria La Golosa Gelato in der Gerechtigkeitsgasse hat Domenico Di Gregorio im September des letzten Jahres eröffnet. Er liess damals offen, wie lange er sein Lokal im Herbst geöffnet lassen würde. Ende November vermochte der Umsatz den Aufwand nicht mehr zu decken. «Zehn Grad sind die Schmerzgrenze. Liegt die Lufttemperatur darunter, kommen die Leute kaum noch zu mir», sagt er. Deswegen wird sein Betrieb von Dezember bis Anfang März geschlossen sein. Wobei er spezielle Anlässe auch dann mit Glace beliefert.

Ein zweites Standbein aufzubauen für die Wintermonate, kam für Di Gregorio nie infrage. «Jetzt habe ich im Winter Zeit, an Glace-Fachmessen zu gehen, und ich kann an neuen Glacesorten herumtüfteln.» Währenddessen werde er sich auch in der Region Bern nach einem zweiten Geschäftsstandort umsehen. Zudem wolle er die Buchhaltung auf den neusten Stand bringen und in die Ferien verreisen. Er ist sich bewusst, dass der Verzicht auf eine Zwischennutzung ein Klumpenrisiko birgt. «Ohne heissen Sommer kann es finanziell eng werden», sagt Di Gregorio, der dieses Jahr 80 Prozent des Umsatzes zwischen Juni und August machte.

Silvia Fels, Geschäftsführerin des N’Ice Cream in Ostermundigen, hat die letzten beiden Winter ihre Gelateria in eine Patisserie verwandelt. Die Kunden blieben allerdings mehrheitlich aus. «Die Leute bringen das Lokal mit Glace in Zusammenhang, und weil die im Winter nicht gegessen wird, kommen sie nicht», fasst Fels zusammen. Deshalb bleibt ihr Lokal diesen Winter geschlossen.

Vor Weihnachten wird sie allerdings eine Woche geöffnet haben für den Verkauf von Glacetorten für die Feiertage. «Leider bin ich nicht ganz so flexibel wie die Gelateria di Berna, die ihre Vitrine wegrollen kann», sagt Fels. Ihre fix eingebaute Glacevitrine sei weniger geeignet, beispielsweise einen Barbetreiber zu überzeugen, bei ihr eine Weinbar zu eröffnen. Zwar gab es Interessenten, die Kebab oder Suppe verkaufen wollten. Fels winkte jedoch ab, weil das Lokal als süsser Treffpunkt gelten soll. Vorstellen könne sie sich, dass ihr Lokal im Winter für das Durchführen von Kursen diene. Sie selber freut sich auf die baldigen Ferien. «Die Glacesaison war schön, aber sie hat auch viel Kraft gekostet.» (Der Bund)

Erstellt: 29.10.2016, 08:45 Uhr

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