Fussballerische Frühlingsgefühle

Die emotionale Formkurve der YB-Fans zeigt zurzeit stark nach oben. Sechs Supporter reden über den Verein ihres Herzens.

Kathrin Brodbeck ist Pfarrerin in Mooseedorf.

Kathrin Brodbeck ist Pfarrerin in Mooseedorf. Bild: Franziska Rothenbühler

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In der Stadt Bern gibt es wohl keinen grösseren gemeinsamen Nenner als die Young Boys. Die Verbundenheit mit dem Verein zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und reicht bis in die äussersten Randgruppen. Das führt dazu, dass die Erfahrungen und Meinungen seiner Anhängerschaft weit voneinander abweichen. So etwas wie ein typischer YB-Fan ist kaum zu definieren.

Der «Bund» hat sich mit sechs YB-Supportern getroffen, um herauszufinden, was die Leidenschaft für diesen Verein ausmacht. Die Antworten darauf sind so unterschiedlich wie die Lebensläufe dieser sechs Fans, denn sie sind unweigerlich an die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen mit YB geknüpft. Dennoch lassen sich Gemeinsamkeiten feststellen. Es ist die lange Zeit der Enttäuschungen, die dem Verein und seinen Fans eine gewisse Demut verliehen hat. Diese ist trotz der Aussichten auf den Meistertitel nur langsam abzubauen. Doch die Porträts zeigen auch etwas anderes: Der Mut zur Zuversicht wächst.

«Es ist wie auf Droge»
Christian Zingg, Zum Runden Leder

«Meine Liebe zu YB begann wie eine Erkältung, bei der man nicht weiss, wo man sie aufgelesen hat. Ich erinnere mich jedoch glasklar an jenen Samstagabend im Oktober 1975. Ich war elf Jahre alt und zum ersten Mal im Wankdorf. Dieses Flutlicht, die Spieler, die nahe an mir vorbeirannten! YB drehte gegen Basel einen 0:1-Rückstand in einen 3:1-Sieg. Ich war begeistert.

YB-Fan zu sein, ist für mich eine Art Lebensschulung. Ich habe dadurch gelernt, mit Niederlagen umzugehen, an denen ich nicht selber schuld bin, die ich aber einfach akzeptieren muss. Eigentlich ist dieses Fansein eine seltsame Geschichte. Es kann doch nicht sein, dass ich am Sonntagabend schlecht drauf bin, nur weil irgendwelche 20-jährigen Schnösel ein Spiel verloren haben. Das ist doch wirklich gestört. Meinen emotionalen YB-Tiefpunkt erreichte ich am 16. Mai 2010. Die Mannschaft hatte im letzten Spiel der Saison gegen Basel den Meistertitel verspielt. Ich trank bis drei Uhr in der Früh. Der Schmerz war jedoch nicht totzukriegen. Doch als wahrer Liebender verzeihe ich alles.

Es gibt aber auch die andere Seite. Seit YB auf Meisterkurs ist, bin ich viel besser gelaunt. Ich bin beschwingter. Alles ist etwas farbiger. Es ist fast wie auf Droge oder wie frisch verliebt zu sein. Ich bin sicher, dass wir es schaffen werden. Aber hoffentlich nicht am 28. April. Dann wird meine Freundin 50 Jahre alt und plant ein grosses Fest. Ich habe ihr möglichst schonend beigebracht, dass ich nicht kommen werde, wenn YB Meister werden könnte. Erstaunlicherweise hat sie Verständnis dafür.

Ich habe etwas Angst vor diesem Titel. Wie damit umzugehen ist, weiss ich nicht. Ich habe beste Erfahrungen damit, entscheidende Niederlagen zu verdauen. Aber eine Meisterschaft zu gewinnen? Ich stelle mir diesen Moment ab und zu vor. Ich werde vermutlich kurz ein paar Tränen verdrücken, mich dann zusammenreissen und behaupten, es habe mich nicht berührt. Natürlich werde ich dann aber monatelang jeden Tag aufwachen und sagen: ‹YB ist Meister.› Und jedes Mal hätte ich wieder Freude daran. So einfach bin ich gestrickt.»

«Es gibt keinen Fussballgott»
Kathrin Brodbeck, Pfarrerin

«Für mich ist es kaum vorstellbar, von einer Mannschaft Fan zu sein, nur weil sie gerade am Gewinnen ist. Da braucht es mehr als nur Erfolg. Es muss etwas Besonderes da sein, das einen mit dem Verein verbindet. Etwas, das verhindert, dass man sich davon losreissen kann. Bei mir hat die Leidenschaft für die Young Boys in der Primarschule begonnen. Meine beste Freundin war YB-Fan, ihre Hefte waren immer schwarz-gelb eingefasst. Das hat mir Eindruck gemacht. Doch erst als die Young Boys im Neufeld spielten, besuchte in die Spiele regelmässig. Da bist du durch die Leute gelaufen und hast immer jemanden gekannt. Es herrschte eine spezielle Atmosphäre.

Im Stade de Suisse kaufte ich mir dann eine Saisonkarte. Doch es war nicht immer ganz einfach, an die Spiele zu gehen. Besonders als Christian Gross Trainer wurde, wäre ich oft lieber zu Hause geblieben. Aber ich habe durchgebissen – und es kamen wieder bessere Zeiten.

Wenn ein wichtiges Spiel ansteht, sind die Young Boys das Erste, woran ich denke. Ausser sonntags. Da steht die Predigt im Vordergrund. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass die Young Boys in meinen Beruf als Pfarrerin eingeflossen sind. Ich habe sie beispielsweise einmal bei einer Hochzeit erwähnt oder auch bei einer Taufansprache eingeflochten, weil ich wusste, dass der Vater ein grosser YB-Fan ist.

Grundsätzlich sind für mich Fussball und Religion aber zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Es gibt jedoch bestimmt Leute, für welche die Young Boys eine Art Religion sind. Sie können das Bedürfnis decken, sich für etwas einzusetzen, daran zu glauben und dafür zu leiden. Aber wenn denn der Ball einmal nicht im Tor landet, dann ist das nicht die Schuld des Fussballgottes. Ich bin mir sicher, so einen gibt es nicht.

Es gibt Spieler, die vor dem Anpfiff beten. Bei mir kommt das nicht vor. Ich habe noch nie ein Stossgebet für YB in Richtung Himmel geschickt. Ich hadere auch nicht mit Gott, wenn ein wichtiges Spiel verloren geht. So weit würde ich nie gehen. Es gibt viel Schlimmeres auf der Welt, als wenn YB nicht Meister wird oder den Cupfinal verliert.»

«YB umgibt eine besondere Aura»
Brian Ruchti, Radio Gelb-Schwarz

«Ich bin nicht nur YB-Fan geworden, weil ich aus Bern komme. Das alleine reicht nicht. Ich liebe Bern, hier bin ich zu Hause. Und YB steht für diese Stadt. Doch wären die Young Boys ein seelenloser Verein ohne Werte, dann wäre meine Beziehung zu Gelb-Schwarz vielleicht anders. Für mich umgibt YB eine besondere Aura. Es ist ein leicht alternatives, sehr tolerantes Etwas. Für das liebe ich diesen Verein, und ich versuche, dieses Gefühl entsprechend weiterzutragen.

Meine ersten Erfahrungen mit YB habe ich im alten Wankdorf gemacht. Aber richtig begonnen hat alles zu Neufeld-Zeiten. Ich habe meine erste Saisonkarte gekauft. Die Mannschaft kam direkt aus der NLB und qualifizierte sich sogleich für die Finalrunde. Das war der Wahnsinn. Ich hatte einen Schal, auf dem «Finalrunden-Jungs» stand. Den habe ich geliebt. Heute zeigt er mir, wie relativ Erfolg ist. Manchmal sollte man sich darauf besinnen. Vielleicht war ich auch deshalb lange eher zurückhaltend, wenn es um den Meistertitel ging. Ich gehörte lange dem sogenannten Karma-Lager an, das sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen will. Doch inzwischen habe ich ins Euphorielager gewechselt. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass wir es schaffen werden.

Es gibt andere Vereine, die mir sympathisch sind, aber richtig lieben werde ich immer nur YB. Ich kann mir kaum vorstellen, wie mein Leben ohne YB wäre. Es wäre auf jeden Fall an vielen Erfahrungen ärmer. Viele meiner besten Freunde habe ich durch YB kennen gelernt. Oft geht vergessen, dass Fussball eine enorme soziale Kraft hat. Dank den Young Boys bin ich an Orte gereist, die ich sonst nie gesehen hätte. Seien es Cupspiele in der tiefsten Provinz oder Europa-League-Reisen bis ins kasachische Astana.»

«Ab und zu schaut ein Spieler vorbei»
Susanne Galli, YB-Fanshop

«Seit ein paar Wochen zieht der Verkauf im YB-Fanshop an, momentan geht alles gut weg. An Matchtagen stossen wir derzeit an Kapazitätsgrenzen. Wir haben bis Spielbeginn geöffnet, dann erledige ich schnell das Nötigste und erscheine mit etwa 20 Minuten Verspätung zum Spiel. Ein paar Minuten vor Spielende verlasse ich das Stadion, um das Geschäft wieder zu öffnen. Leider habe ich so schon oft wichtige Tore verpasst. Deshalb schaue ich mir das Spiel später in aller Ruhe vor dem Fernseher noch einmal an.

Ich bin seit Jahrzehnten treuer YB-Fan, das ist bei uns Familientradition, schliesslich haben mein Mann und mein Sohn bei diesem Verein gespielt. Mein Leben mit YB ist ein Auf und Ab. Ich erinnere mich gut an die Euphorie damals, als man unter Vladimir Petkovic kurz vor dem Meistertitel stand. Und an die Enttäuschung und den Frust danach. Aber auch an das grossartige 5:1 damals im August 2007 gegen den FC Basel.

Im Verein ist die Stimmung derzeit ausgezeichnet, es herrscht Ruhe, von Hektik keine Spur. Momentan macht jedes Spiel Spass, und auch wenn sie nicht so gut spielen, gewinnen die Gelb-Schwarzen. Meine Lieblingsspieler sind Wölfli, von Bergen, Sanogo und natürlich Hoarau. Alles Persönlichkeiten, die wissen, wie man mit den Jungen umgehen muss. Ab und zu schaut ein Spieler im Fanshop vorbei, etwa um Geschenke für die Verwandtschaft zu kaufen. Die Spieler haben keine Allüren, sie sind freundlich und zurückhaltend.

Was den Meistertitel angeht, bin ich vorsichtig zuversichtlich. Ich geniesse es, wenn wir gewinnen, aber für Vorfreude ist es zu früh. Mit jedem Match steigt die Hoffnung. Mein Wunsch: den Meistertitel Ende April zu Hause zu sichern. Danach träume ich von einem Champions-League-Spiel von YB in England.»

«Eine Sehnsucht geht zu Ende»
Oli Kehrli, Chansonnier

«Ich war fünf Jahre alt, als ich meinen Vater erstmals an ein Spiel der Young Boys ins Wankdorf begleiten durfte. Für mich war das eine faszinierende Welt: der Duft nach Stumpenrauch, die Brillantine auf den Köpfen der älteren Herren, ein Schoggidrink namens Flusco und die Gelb-Schwarzen auf dem Rasen. Das sind Eindrücke, die mich geprägt haben – einerseits meine Begeisterung für den Fussball und YB, andrerseits die Zeit mit meinem Vater. Ich habe mich damals auf eine Beziehung eingelassen, welche mich bis heute prägt.

Meine Liebe gilt in erster Linie dem Verein, nicht den Spielern. Fussballspieler haben mir dann imponiert, wenn ich gespürt habe, dass sie mehr als nur Lohnbezüger sind. Menschen wie Thomas Häberli oder Guillaume Hoarau, die auch neben dem Platz grosse Persönlichkeiten sind. Oder die Loyalität von Marco Wölfli. Was mich als YB-Fan emotional am meisten herausgefordert hat, war der Abstieg 1997. Ich war vor Ort und habe miterlebt, wie der Verein meines Herzens absteigt. Aber es gab eben immer auch schöne Momente wie die Standing Ovation im Wankdorf bei der Verabschiedung von Robert Prytz.

Ich rede nicht über den Titel. Ich will nichts verschreien, bin aber sehr zuversichtlich. Wenn YB Meister wird, geht eine Sehnsucht zu Ende, die ich seit 32 Jahren mit mir herumtrage. Es ist da aber auch eine Angst mit dabei, ein gewisser Respekt. Schliesslich habe ich als Chansonnier bei YB immer wieder Inspiration gefunden. Das Verlieren, das Melancholische hat viele meiner Songs geprägt. Aber ohne jeden Zweifel werde ich mich freuen. Für mich, für den Verein und für die Fans, die eigentlichen Stars aus meiner Sicht. Wer ohne Erfolgserlebnis so lange treu bleibt . . . Eine normale Beziehung würde das nie überleben.»

«Schliesslich gehöre ich auch ein wenig zu diesem Verein»
Charles Beuret, Leiter YB-Museum

«Ich bin im Breitenrain aufgewachsen und habe schon als Bub kaum ein Heimspiel der Gelb-Schwarzen verpasst. 1957, im Alter von 12 Jahren, habe ich erstmals einen Meistertitel mit YB feiern können, darauf folgten gleich noch drei weitere. Ich war schon damals von YB fasziniert. Statt Schulbüchern las ich lieber den Sportteil der Berner Zeitungen.

Die Montag-Beilagen der «NBZ» habe ich wegen YB gesammelt und besitze sie heute noch. Diese Begeisterung hat mich nie mehr losgelassen. Als Gymeler habe ich später für verschiedene Zeitungen geschrieben, kleine Sportberichte meist, um mein Sackgeld aufzubessern.

Daraus ist prompt mein Beruf geworden. Mit 25 war ich Lokalredaktor bei den «Tages-Nachrichten», schrieb aber schon regelmässig über YB. Nach der Fussball-WM 1978 in Argentinien nahm ich ein Angebot des «Bund» an. Als Journalist begleitete ich YB durch gute und auch schlechte Zeiten und habe die Geschichte des Vereins auch in zwei Büchern dokumentiert. Im neuen Stadion betraute man mich 2005 damit, ein YB-Museum einzurichten, ein Jahr später wurde ich zudem Mediensprecher bei YB. Meine Pensionierung erfolgte Ende 2009, mit 8 Punkten Vorsprung auf den FC Basel. Meine Verbundenheit mit YB ist immer noch gross.

Vormittags bin ich meist im Museum, wo ich mein kleines Pensum – überschrieben mit ‹Traditionspflege› – mit Freude erfülle. Selbstverständlich bin ich bei Heimspielen im Stadion dabei, auswärts allerdings nur noch selten, aber am Fernsehen fiebere ich immer live mit und will nicht gestört werden. Nein, ich bin nicht nervös, wenn ich daran denke, dass YB erstmals seit 32 Jahren wieder eine Meisterschaft gewinnen könnte.

Wenn es so weit ist, wird mich das sehr freuen. Ich werde sicherlich Stolz und Genugtuung empfinden, denn schliesslich gehöre auch ich ein wenig zu diesem Club, mit dem ich in den späten 1990er-Jahren als Journalist oft eine schwierige Aufgabe hatte. Konkrete Pläne, um den Meistertitel zu feiern, habe ich nicht. Aber klar: Unter guten Freunden werden wir mit Freude das Glas erheben!» (Der Bund)

Erstellt: 14.04.2018, 08:00 Uhr

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