Frauenboom in Medizin macht vor Kaderstufe Halt

Seit mindestens 15 Jahren studieren in Bern mehr Frauen als Männer Medizin. Auf den Karriereleitern in den Spitälern kommen Ärztinnen aber nach wie vor nicht so gut voran wie ihre Kollegen. Ändern könnten dies vor allem die Vorgesetzten.

Frauenberuf Ärztin: Mehr Frauen als Männer belegen das Studienfach Medizin. (Symbolbild).

Frauenberuf Ärztin: Mehr Frauen als Männer belegen das Studienfach Medizin. (Symbolbild). Bild: Alessandro della Valle/Keystone

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Auch in diesem Jahr werden mit 62 Prozent deutlich mehr Frauen als Männer zum Start eines Medizinstudiums in Bern erwartet. Dass die Studentinnen in der Überzahl sind, hat bereits Tradition: In den vergangenen 15 Jahren lag der Frauenanteil im Medizinstudium in Bern immer bei mindestens 55 Prozent, längst ist von der Feminisierung des Arztberufs die Rede. In den Schweizer Spitälern allerdings sinkt der Frauenanteil mit jeder Stufe auf der Karriereleiter.

Auf Chefarztebene lag er im vergangenen Jahr bei 12 Prozent, wie die Statistik der Ärzteverbindung FMH zeigt. Ein kürzlich bestätigtes Urteil zum Inselspital, aber auch der Ärztemangel haben die Gleichstellung an Spitälern zum öffentlichen Thema gemacht (siehe Kasten). Und dieses ist vielschichtig.

Vereinbar mit einer Familie?

Noemi Fischer studiert in Bern Medizin. Sie hat die ersten Praktika absolviert, eines davon in der Chirurgie. «Mir hat es sehr gut gefallen», sagt sie. Trotzdem wird es sich die angehende Ärztin zweimal überlegen, ob diese Fachrichtung für sie in Frage kommt, «denn ich kann mir fast nicht vorstellen, dass sie mit einem Familienleben, wie es meiner Auffassung entspricht, vereinbar ist.»

Vermutlich sei es zwar möglich, Teilzeit zu arbeiten. Allerdings sei die Chirurgie eine Disziplin, in welcher die Erfahrung viel zähle, und in gewissen Fachrichtungen sei die Zahl der Stellen beschränkt: «Wieso soll ein Spital da jemanden in Teilzeit anstellen, wenn andere bereit sind, 100 Prozent zu arbeiten?», meint Fischer, die bis vor kurzem beim Dachverband der Schweizer Medizinstudierenden Swimsa aktiv war.

Auch wenn sie sich auf Nachfrage als eher ambitiös bezeichnet: Diese Überlegungen werde sie in ihre Berufsplanung einbeziehen, sagt die junge Frau, denn sie könne sich gut vorstellen, später eine Familie zu gründen.

«Das klappt sehr gut»

Vanessa Banz arbeitet als Chirurgin mit Fokus auf Leber- und Transplantationschirurgie am Inselspital Bern. Sie hat drei kleine Kinder und sagt: «In unserem Team arbeiten mehrere Frauen mit Kindern in Kaderpositionen, das klappt sehr gut.» Ein Tag während der Woche sei der Familie gewidmet.

Lassen sich Transplantationen tatsächlich mit Kindergartenzeiten vereinbaren? «Wenn der Teamgeist stimmt, die Unterstützung des Vorgesetzten gegeben ist und man lernt, sich selber gut zu organisieren, dann ist es machbar», sagt Banz, die als leitende Ärztin in der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie tätig ist. Unbestritten erfordere die Arbeit in der Klinik grossen Einsatz.

Aber das Team sei gut eingespielt, ein Kollege oder eine Kollegin springe ein, wenn jemand - aus familiären oder anderen Gründen - verhindert sei. Und als sie kürzlich bei einer Transplantation im Operationssaal war, nicht wegkonnte und ihr Mann den Verdacht äusserte, eines ihrer Kinder habe eine Blinddarmentzündung, half ihre Arbeitskollegin, die Notfallkonsultation zu organisieren.

Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, sei nicht nur für Frauen ein Thema, sondern auch für Männer, betont Banz. Sie wurde erst nach Abschluss ihres Facharzttitels und als Oberärztin Mutter. Das sei für die meisten Ärztinnen die naheliegende und auch einfachere Lösung, um Beruf, Karriere und Familie zu vereinbaren.

Vorgesetzte gefordert

Für Lilian Fankhauser ist der Zeitpunkt nach dem Abschluss der Assistenzarztzeit wichtig, weil dann oft die Familiengründung mit dem Karriereentscheid und einer weiteren Aufgabe zusammenfällt: «Wer eine Spitalkarriere plant, muss zusätzlich in die Forschung investieren», sagt die Co-Leiterin der Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern der Universität Bern.

Das Problem ist erkannt. Die Uni hat Förderprogramme und Anlaufstellen geschaffen, der Nationalfonds unterstützt junge Ärztinnen und Ärzte, damit sie auch während der Arbeitszeit forschen können. Doch Weisungen oder Hilfestellungen von aussen helfen nur bedingt, wenn individuelle Lösungen gefragt sind. Auch Fankhauser sagt deshalb: «Die Unterstützung der Vorgesetzten ist entscheidend.» Bei diesen sei die Einsicht zwar oft vorhanden, doch häufig stehe der reibungslose Betrieb im Vordergund, «da müssen die Vorgesetzten noch deutlich mehr tun als bisher».

Sie ist überzeugt, dass Frauen grundsätzlich genauso gewillt sind, in den Beruf zu investieren wie Männer. Sie seien jedoch eher auf Bestärkung von aussen angewiesen und auch deshalb auf Vorgesetzte, die sie unterstützten. «Je mehr Frauen eine Spitalkarriere anstreben, desto mehr wird es auch familienfreundliche Strukturen geben», sagt Fankhauser. Solange man die einzige Frau in einem Team sei, passe man sich eher an, verzichte vielleicht sogar auf Kinder.

Unsichtbare Frauen

Frauen sichtbar zu machen, ist deshalb für Hildegard Tanner ein wichtiges Anliegen. Sie ist leitende Ärztin und Professorin sowie Gleichstellungsbeauftragte an der Universitätsklinik für Kardiologie am Inselspital. Ihr und anderen Kolleginnen fiel auf, dass Frauen an Berufstagungen oder offiziellen Veranstaltungen noch stärker untervertreten waren als sonst in ihrem Fach. «Es kam vor, dass weder im wissenschaftlichen Komitee noch unter den Referenten eine Frau war.»

Treten Frauen nicht in Erscheinung, fehlen sie auch als Ansprechpersonen und Vorbilder, ihre Ansichten und Arbeiten kommen nicht zur Sprache. Letztes Jahr hat Tanner mit Berufskolleginnen eine Interessengemeinschaft (IG) für Frauen in der Kardiologie gegründet. In diesem Jahr organisiert die IG eine Tagung, bei welcher das Geschlechterverhältnis unter den Vortragenden ausgeglichen ist. Hildegard Tanner hat die Erfahrung gemacht, dass solche Bemühungen wohlwollend aufgenommen werden, und dass nicht Kalkül dahinter steckt, wenn Frauen aussen vor bleiben. Eher fehle das Bewusstsein für dieses Thema.

Männer seien besser vernetzt, nun gelte es, auch unter Kolleginnen den beruflichen Austausch zu fördern. Tanner befürwortet deshalb Mentoringprogramme für Frauen. Als Gleichstellungsbeauftragte hat sie die Stellen innerhalb ihrer Klinik ausgewertet. Das Ergebnis würde man nicht erwarten: Auf Assistenzarztstufe gibt es zwar fast keine Teilzeitstellen. Doch ab Stufe Oberarzt sind sie vorhanden und werden nicht nur von Frauen, sondern fast zur Hälfte auch von Männern besetzt. (Der Bund)

Erstellt: 12.09.2018, 06:49 Uhr

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Frauen suchen Hilfe

Dass die Vereinbarkeit von Familie und Arztberuf zum Problem werden kann, diese Erfahrung macht Peter Christen regelmässig. Der Arzt leitet das Unterstützungsnetzwerk für Ärztinnen und Ärzte ReMed. Von den 141 Beratungen durch ReMed im vergangenen Jahr seien 85 Meldungen von Ärztinnen erfolgt, häufig aus Spitälern, und oft sei die Doppelbelastung durch Beruf und Familie der Grund der Kontaktaufnahme gewesen: «Oft ist es eine zusätzliche Belastung - die Krankheit eines Kindes oder eine neue Aufgabe im Spital -, die ein bereits fragiles Gleichgewicht durcheinander und eine Person an ihre Grenzen bringt», sagt Christen.

Zweifel

In Erfahrungsberichten, welche ReMed auf der Website und in der Schweizerischen Ärztezeitung veröffentlicht hat, ist ausserdem von starken Zweifeln zu lesen, die dazu führten, dass Assistenzärztinnen Hilfe suchten. Die Zweifel rührten von hohen Idealen her, von selbstkritischem Hinterfragen, von dem Eindruck, sich darüber nicht austauschen zu können, aber auch von Überstunden oder Stress. Christen hat erlebt, dass Frauen eher bis zur Leistungsgrenze arbeiten als eine Pensenreduktion zu verlangen, da sie einen Karriereknick befürchten.

Organisationsformen

Der ökonomische Druck auf die Spitäler habe die Situation zusätzlich verschärft, sagt Christen von ReMed. «Insgesamt bildet sich die Feminisierung des Arztberufs zu wenig in den Weiterbildungs- und Laufbahnstrukturen der Spitäler ab», hält er fest. Dabei seien durchaus Organisationsformen wie etwa Jobsharing möglich, die Ärztinnen und Ärzten mit Familienpflichten mehr Zeit für eine Weiterbildung einräumten, und sie seien nötig, damit die junge Generation langfristig im Beruf bleibe. (bw)

Urteil zu Gleichstellung

Der Fall hat schweizweit Aufsehen erregt: Die Ärztin Natalie Urwyler hat aufgrund des Gleichstellungsgesetzes Recht erhalten, als sie sich gegen eine Kündigung wehrte, die das Berner Inselspital 2014 ausgesprochen hatte. Vier Monate vorher hatte die Ärztin, die zuvor Mutter geworden war, eine Beschwerde wegen Diskriminierung des weiblichen Geschlechts und Verhinderung der akademischen Karriere eingereicht. Das Gericht ging von einer Rachekündigung aus, das Urteil ist inzwischen rechtskräftig.

Der Fall warf in der Öffentlichkeit Fragen darüber auf, wie familienfreundlich Strukturen in Spitälern sind, ob Mütter einen Karriereknick befürchten müssen, wenn sie aufgrund von Familienpflichten ihre Pensen reduzieren, und weshalb es auf den obersten Chefetagen nur wenige Frauen gibt. Die Frage ist auch vor dem Hintergrund eines Mangels an Schweizer Ärtzinnen und Ärzten relevant sowie aufgrund der Tatsache, dass der Frauenanteil bei den Assistenzärzten gemäss der Ärzteverbindung FMH inzwischen bei fast 60 Prozent liegt. (bw)

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