Fernglas statt Fan-Schal

Davis-Cup

Anstelle von über 10'000 bei Eishockeyspielen bildeten am Davis-Cup nur rund 2000 Zuschauer die «Wand» in der Postfinance-Arena. Neben Rot dominierte Weiss statt Schwarz und Gelb.

Wo ist Federer? Das Fernglas war ein beliebtes Hilfsmittel auf der zur Sitzplatz-Tribüne umfunktionierten grossen Stehrampe. (Manuel Zingg)

Wo ist Federer? Das Fernglas war ein beliebtes Hilfsmittel auf der zur Sitzplatz-Tribüne umfunktionierten grossen Stehrampe. (Manuel Zingg)

Kein Berner Marsch, sondern klassische Musik läuft über die Boxen zur Einstimmung. Die Mannschaften stellen sich statt auf der blauen Drittels- auf der weissen Seitenlinie auf; bloss je vier Spieler und der Captain stehen da, in rotem T-Shirt und weisser Hose, ungepolstert, unbehelmt. Auch bei den Schweizern tönt über die Lautsprecher nicht nur der Vorname, gefolgt vom Nachnamen, der von der Tribüne erschallt. Und die gegnerischen Spieler, die Portugiesen, werden vom einheimischen Anhang nicht ausgepfiffen, wenn sie den grün-blauen Grund betreten. Fast alle Zuschauer sind sich einig darin, wer lauthals unterstützt wird; der Gästesektor ist ebenfalls mit Fans der Schweizer gefüllt.

Während des Doppels zwischen Roger Federer/Stanislas Wawrinka und Frederico Gil/Leonardo Tavares sind alle Blicke gebannt auf das Feld gerichtet. Kein Capo, der, mit dem Rücken zum Geschehen, die Fans animiert und die Sprechchöre sowie den Takt vorgibt. Die Gesänge dringen von unten, wo die «Fans4Roger» und der Supporter-Club des Schweizer Davis-Cup-Teams gleich mehrere Reihen belegen, nach oben. Die Zuschauer klatschen von alleine, wenn sie denn dürfen, schlagen ihre «Cheersticks», die mit Luft gefüllten Plastikstäbe gegeneinander und lassen ihre kleinen Schweizer Fahnen durch die Luft wirbeln. Lange genug müssen sie sich dazwischen gedulden und still sitzen, während die gelben Filzbälle fliegen, bis wieder ein Punkt gespielt ist.

Wie bei der Eiskunstlauf-EM

Ja genau – sitzen: Rund 2000 schwarze Plastikschalensitze sind hier montiert, auf Holzlatten geschraubt und auf der steilen Betonrampe befestigt. Gleich viele wie im Januar, bei der Eiskunstlauf-Europameisterschaft. «Wir übernahmen das so, weil mehr Plätze auch mehr Kosten verursacht hätten und weil wir dachten, dass wir wohl nicht viel mehr als die insgesamt 8000 Plätze füllen können», erklärt Sandra Pérez, Mediensprecherin von Swiss Tennis.

Kaum etwas erinnert an diesem Samstagnachmittag im Juli daran, dass hier von September bis April die eingefleischten SCB-Fans stehen. Auch im Winter steht hier oben manch ein Hitziger, doch jetzt sorgt nicht die dicht gedrängte Masse auf der Rampe, sondern die Sonne, die auf das Dach brennt, dafür, dass viel Haut zu sehen ist. Ein, zwei schwarz-rot-gelbe Schals sind noch befestigt, ganz unten am Geländer. Im Giebel hängt ein Plakat mit dem Logo des schwarzen Bären auf gelbem Grund. Ansonsten dominieren Rot und Weiss.

Auch Eishockey-Angefressene sind nicht als solche zu erkennen. «Ich bin schon etwa zum 500. Mal in diesem Stadion», sagt einer in der obersten Reihe, während seine Begleiterin Federer mit dem Fernglas näher heranholt. Obwohl sich darüber noch einige Tritte bis unters Dach hochziehen, wirkt der grosse Star von hier oben ziemlich klein. Ob der Ball noch drin war oder out, ist kaum zu erkennen. «Aber ich muss ja beim Eishockey jeweils auch auf die rote Lampe schauen, um zu wissen, ob der Puck im Tor war oder nicht», sagt der Zuschauer, der seinen Platz normalerweise auf der Tribüne hinter SCB-Goalie Marco Bührer hat.

Schönster Tag mit 95 Jahren

Auf der zur Sitzplatztribüne umfunktionierten Stehrampe hätte auch die bald 95-jährige Lydia Schmied ihren Platz. Als ihr Enkel die hohen Stufen erblickt, die seine Grossmutter erklimmen müsste, fragt er bei den freiwilligen Helfern nach einer Umplatzierung. Der Veranstalter zeigt sich kulant – mit der Begleitung kann sich die alte Frau in die oberste Reihe des unteren Blocks setzen, das mitgebrachte Kissen im Rücken, den Gehstock ans Plexiglas gelehnt. In den Nächten, in denen Federer am TV zu sehen ist, geht sie gar nicht erst ins Bett. Der Tag, an dem sie ihn nun erstmals live sieht und sich gar noch mit ihm fotografieren lassen kann, wird zum schönsten in ihrem langen Leben.

Das Doppel ist gewonnen, und damit die Begegnung mit Portugal. Und jetzt erhebt sich nicht nur die «Wand», das ganze Stadion steht. Auch ohne dass ihre Namen skandiert werden, reissen Federer und Wawrinka die Arme in die Höhe, das Publikum ebenfalls. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Der Bund

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