Etwas Leiden am Samstagnachmittag

«Bund»-Redaktor Martin Erdmann ist nach einem Monat Vorbereitungszeit seinen ersten Grand Prix von Bern gelaufen. Ein Selbstversuch über 16,093 Kilometer.

Nicht zu stoppen: «Bund»-Redakteur Martin Erdmann nach der Durchquerung des Dählhölzliwalds.

Nicht zu stoppen: «Bund»-Redakteur Martin Erdmann nach der Durchquerung des Dählhölzliwalds. Bild: Franziska Scheidegger

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Vor mir entfaltet sich der Aargauerstalden in all seiner Grausamkeit. 0,6 Kilometer nichts als Steigung bei 48 Metern Höhenunterschied. Die Streckenplaner des Grand Prix von Bern müssen über eine ausgeprägte sadistische Ader verfügen. Denn dieses Scheusal der Vertikalität ausgerechnet in die Schlusskilometer einzubauen, zeugt von grossem Menschenhass. Von was für einem Bild des Elends ich am Fuss des Hangs empfangen werde! Schmerzverzerrte Gesichter fügen sich zu einem Sammelsurium des Leidens zusammen. Von sämtlicher Energie verlassene Läufer humpeln ihrer Kapitulation entgegen. Zwei Sanitäter kümmern sich um einen Mann, der den Kampf gegen die 10 schönsten Meilen der Welt genauso verloren hat wie all seine Kräfte. Wie soll ich mich bloss durch dieses Feld der Verzweiflung schlagen?

***

Eine Stunde früher. Ich gliedere mich in den Startblock 30 ein. Mit mir starten all jene, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Strecke in einer Stunde und 35 Minuten zu absolvieren. Wir rücken immer näher zur Startlinie vor. Ich habe schlechte Laune, fühle mich wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Als ob sich mein Gemütszustand auf die meteorologischen Rahmenbedingungen auswirkt, ziehen dunkle Wolken auf, und ein kühler Wind bläst durch die Papiermühlestrasse. Adrenalinstösse durchfahren meinen Körper und nähen mir unter Mithilfe von grosser Nervosität und der Angst vor dem Scheitern ein dünnes Nervenkostüm. Wenn ich mir meine Mitläufer ansehe, wird dieses stark strapaziert. Ich fühle mich völlig underdressed. Alle tragen Kleidung, an deren Entwicklung vermutlich hochbezahlte Forscher über Jahre hinweg getüftelt haben. Mein T-Shirt erfüllt bloss den rudimentären Zweck, meine Startnummer daran zu befestigen.

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Der Startschuss hallt durch die Luft. Jetzt wird sich zeigen, wie weit mich mein knapp einmonatiges Training tragen wird. Ich probiere mich an all die gut gemeinten Tipps zu erinnern, die mir auf den Weg gegeben wurden. Es sind viele. Denn alle, die je einen Fuss vor den anderen gesetzt haben, fühlten sich dazu berufen, mir als Lauf-Experten zur Seite zu stehen. Ich beschliesse, mich nur an einen Ratschlag zu halten: gemächlich starten, Kraft sparen. Ich trabe also vor mich hin und mache mir nichts draus, dass ich von einigen Voreiligen überholt werde. Ich blicke auf die Altstadt hinunter und werde mir das erste Mal dieser schieren Menschenmasse bewusst, die sich durch die Strassen wälzt. Das Bild erinnert an eine Art Exodus der Menschen mit strammen Waden. Das Wetter hat keine Absicht, sich zu bessern. Ein Hauch von Apokalypse hängt in der Luft. Steeldrum-Bands klopfen am Strassenrand auf ihrem konkaven Feinblech herum, als könnten sie damit den Läufern etwas Sonne in die hämmernden Herzen schlagen. Die Strecke führt in die Tiefen des Dählhölzliwalds. Einige nutzen den Schutz der Bäume, um zu pinkeln. Ich wundere mich über die unausgeglichene Leistungsfähigkeit ihrer Organe. Da hat man Lungenvolumen, um 16 Kilometer durchzupusten, aber eine Blase, die nach acht Kilometern bereits an die Kapazitätsgrenze stösst.

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Ich erreiche den Punkt, vor dem ich mich am meisten fürchte: den 10. Kilometer. Weiter bin ich in meinem Leben noch nie gerannt. Von nun an folgen nur noch Schritte ins Ungewisse. Mein Bewusstsein für die Aussenwelt schrumpft. Meine Wahrnehmung beschränkt sich auf die Monotonie des Laufens. Schlafwandlerisch schlängle ich mich durch das dichte Teilnehmerfeld. Die Höhenmeter zum Bundeshaus meistere ich mit beängstigender Leichtigkeit. Wie lange wird dieser Energieanfall noch anhalten, und was wird darauf folgen? Ich finde mich in der Altstadt wieder. Es ist eine Art Vorhölle zum Aargauerstalden. Gute-Laune-Schlager knallt aus den Boxen. Er lässt mich deutlich schneller laufen als die Anfeuerungsrufe des Publikums am Streckenrand. Dann folgt das unumgängliche Übel.

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Der Aargauerstalden probiert mich in die Knie zu zwingen. Mit aller Kraft kämpfe ich dagegen an und schleppe mich immer weiter den Hang hoch. Ich fange an, daran zu zweifeln, dass das eine adäquate Beschäftigung für einen Samstagnachmittag ist. Ich beginne, einen starken Hass auf diesen dummen Hang zu entwickeln. Schliesslich ist es das, was mir den nötigen Antrieb gibt, um den Aargauerstalden zu bezwingen. Oben folgt die letzte Demütigung: der längste Kilometer der Welt. Es ist kaum zu glauben, dass sich 1000 Meter über eine solch gewaltige Distanz hinziehen können. Aber wenn ich schon da bin, nutzte ich die Gelegenheit, um mit letzter Kraft ein paar Leute zu überholen. Dann stolpere ich über die Ziellinie. Die Uhr stoppt bei einer Stunde und 32 Minuten. Zu meiner Überraschung war ich drei Minuten schneller, als ich es mir erhofft hatte. Ich spüre, wie eine Erschöpfung von ungeahnter Schwere beginnt, meinen Körper zu umhüllen. Ich bin am Ende meiner Kräfte – aber auch etwas stolz.

Alle Folgen zu «Erdmann rennt» gibt es hier: www.erdmann.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 14.05.2017, 18:06 Uhr

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