«Es geht uns nicht ums Erziehen»

Man könne den Leuten nicht vorschreiben, was sie essen sollen, sagt Natalie Schäfer. Die Stadt habe sich aber zu mehr Nachhaltigkeit verpflichtet.

Natalie Schäfer ist beim städtischen Amt für Umweltschutz für die nachhaltige Entwicklung zuständig.

Natalie Schäfer ist beim städtischen Amt für Umweltschutz für die nachhaltige Entwicklung zuständig.

(Bild: zvg)

Frau Schäfer, Sie arbeiten bei der Stadt im Amt für Umweltschutz und sind Expertin für nachhaltige Ernährung. Essen Sie Fleisch?
Ja. Ich habe zu Hause eine grosse Gefriertruhe und kaufe dann gleich ein Viertel von einem Tier ein. Davon esse ich möglichst alles, also nicht nur die Filets. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Fleischkonsum. Gerade in der Schweiz, wo es viel Weideland gibt, ist Viehhaltung durchaus sinnvoll.

Die Stadt gründete zusammen mit der Ökonomischen Gemeinnützigen Gesellschaft Bern das Netzwerk «Berner Platte 2.0». Was ist das Ziel dieses Zusammenschlusses?
Zusammen mit Produzenten, Verbänden und engagierten Privatpersonen möchten wir Möglichkeiten aufzeigen, wie man sich in Bern nachhaltig ernähren kann. Dabei geht es um mehr als um die Frage Fleisch essen oder nicht. Im September veranstalten wir mit Kulinata ein Food-Festival, welches Genuss und Nachhaltigkeit vereint.

Ist das nicht ein Widerspruch? Im Winter wird es mit dem nachhaltigen Genuss schwierig.
Da haben sie schon recht. Spätestens im März hat man das Lagergemüse so langsam satt. Aber es geht uns ja nicht nur um den Konsum. Am Food-Festival werden Menschen, welche sich täglich damit befassen, auch zeigen, wie Lebensmittel schmackhaft zubereitet und gelagert werden.

Ist es Aufgabe der Stadt Bern, ihre Bevölkerung zu nachhaltigen Konsumenten zu erziehen?
Die Stadt Bern hat sich verpflichtet, mit den vorhandenen Ressourcen nachhaltig umzugehen. Es geht uns aber nicht ums Erziehen, sondern ums Vernetzen und Vermitteln. Mit Zwang erreicht man nichts.

Als Konsument hat man nur die Wahl zwischen kaufen oder nicht kaufen. Wäre es nicht besser, sich auf politischem Weg für nachhaltige Ernährung einzusetzen?
Das wäre natürlich wünschenswert. Die Politik könnte beispielsweise Gesetze erlassen, welche Supermärkten verbieten, Essen einfach wegzuschmeissen. Aber auch die Konsumenten haben Macht. Würden sich beispielsweise alle Beizer in Bern nur noch für regionale Produkte entscheiden, müsste der Gemüselieferant sein Sortiment anpassen.

Bio-Produkte muss man sich aber auch leisten können.
Im Vergleich zu anderen Ländern geben wir in der Schweiz fürs Essen wenig Geld aus. Wenn man auf tierische Produkte verzichtet, ist nachhaltig produziertes Essen nicht grundsätzlich teurer.

Sie wollen die Bevölkerung dazu anhalten, ethischer einzukaufen?
Den Leuten vorzuschreiben, was sie essen sollen, funktioniert nicht. Wir möchten ihnen lediglich mehr Wissen zu nachhaltiger Ernährung bereitstellen.

Ihr Fernziel wäre aber, dass sich die ganze Stadtbevölkerung nachhaltig ernährt. Wie realistisch ist das?
Es ist ein hehres Ziel, das ist klar. Das riesige Konsumangebot verleitet ja auch dazu, sich gerade nicht nachhaltig zu ernähren. Wenn sich die Berner künftig beim Einkaufen im Supermarkt etwas mehr Gedanken machen, haben wir schon etwas erreicht. Es muss nicht fünfmal in der Woche Fleisch sein.

Verzicht ist für die meisten Konsumenten aber offenbar keine Option.
Das mag sein. Aber oft kann dieser Verzicht durch nachhaltigere und gesündere Produkte kompensiert werden.

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