«Es geht nicht um einen Rolls-Royce»

Mit einer eigenen Sozialhilfe-Software habe die Stadt Bern «maximale Gewähr», dass die Kosten nicht überschritten würden, sagt der Verantwortliche Thomas Alder.

Die hohen Kosten für die neue Software der städtischen Sozialhilfe geben zu reden.

Die hohen Kosten für die neue Software der städtischen Sozialhilfe geben zu reden. Bild: Urs Jaudas

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Herr Alder, warum müssen die Städte Bern, Zürich und Basel eine eigene Sozialhilfe-Software für 14,9 Millionen Franken entwickeln, wo es doch eine billigere Alternative auf dem Markt gibt?
Die von Ihnen erwähnte «Alternative» ist eigentlich gar keine. Es handelt sich um ein Update der bereits heute in Bern und Zürich verwendeten Software der Firma Diartis. Die beiden Städte kamen aber bereits vor Jahren zum Schluss, dass ihre Software nicht zukunftsfähig ist und ersetzt werden muss. Bei der Ausschreibung hat Diartis denn auch ein neues Produkt präsentiert, das noch gar nicht entwickelt ist und die drei Städte dreissig Millionen Franken gekostet hätte.

Diartis kann laut eigenen Angaben eine Alternative für nur sechs Millionen Franken anbieten. Das ist erheblich weniger als die 14,9 Millionen Franken, über die in der Stadt Bern abgestimmt wird.
Der Preis der neuen Software selber beträgt für die Stadt Bern nur 11,8 Millionen Franken. Die restlichen 3,1 Millionen Franken betreffen Aufwendungen, die ohnehin anfallen, zum Beispiel Datenbereinigung, Migration und Digitalisierung der Dokumente. Zudem werden da Äpfel mit Birnen verglichen. Stellen Sie sich vor, Sie möchten wegen steigender Reparaturkosten einen zwanzig Jahre alten Personenwagen durch ein neues Auto ersetzen. Der eine Händler offeriert ein neues Auto für 30'000 Franken. Der andere Händler verkauft ein frisch lackiertes, aber altes Auto für 10'000 Franken. Sie würden doch auch nicht das alte Auto kaufen, selbst wenn es schick lackiert und auf den ersten Blick günstiger ist.

Warum hat dann der Kanton Wallis vor kurzem das alte Auto gekauft, um beim Bild zu bleiben? Sind die Verantwortlichen auf den Trick hereingefallen?
Zum Entscheid des Wallis kann ich mich nicht äussern.

Software-Geschäfte sind für Politiker und Stimmbürger eine Blackbox. Niemand kann die Höhe der Kosten einschätzen.
Die Gesamtkosten des Produktes betragen für die Städte Bern, Zürich und Basel 36,5 Millionen Franken. Gemessen an den gesamten Administrativkosten der drei Städte im Sozialbereich ist das kein hoher Betrag, im Gegenteil. Die Kosten liegen weit unter dem üblichen Wert für den IT-Aufwand in der öffentlichen Verwaltung. Es geht hier also nicht um einen Rolls-Royce, sondern um eine gute Lösung zu einem vertretbaren Preis.

Können Sie die Einhaltung der Kosten garantieren?
Das Ausschreibungsverfahren für die neue Software ist sehr professionell durchgeführt und laufend auch von Spezialisten begleitet worden. Es deutet zurzeit nichts auf besondere Risiken hin. Klar ist jedoch, dass die Beschaffung einer komplexen Software immer zu Schwierigkeiten führen kann, sei es beim Produkt selbst oder bei den Kosten. Deshalb begleiten wir die Arbeiten eng und können so Probleme rechtzeitig erkennen.

Das Risiko für die Steuerzahler ist aber gross. Die Städte sind Eigentümer und werden daher haften müssen.
Die drei Städte haben entschieden, die Eigentümerrechte vorläufig nicht abzutreten, um auf die Entwicklung des Produkts Einfluss nehmen zu können. Das führt nicht zu einem grösseren Risiko, sondern gewährleistet, dass das Produkt auch tatsächlich den gestellten Anforderungen entsprechen wird. Zudem können die drei Städte einen Teil ihrer Investition durch den Verkauf von Lizenzen wieder hereinholen.

Aber die Städte treten als Software-Firma auf und wollen auf dem Markt Lizenzen verkaufen, um einen schweizweiten Standard zu schaffen. Wollen Sie ein Marktmonopol für die Städte?
Nein, im Gegenteil: Heute hat die Firma Diartis im Bereich Sozialhilfe-Software faktisch eine Monopolstellung. Dank der Ausschreibung, welche die Firma Emineo gewonnen hat, gibt es in Zukunft ein attraktives Konkurrenzprodukt.

Und nun wollen die drei Städte ihrerseits der Firma Diartis das Monopol auf diesem Markt abjagen?
Das ist nicht die Absicht. Denkbar ist aber schon, dass die neue Lösung der Städte Bern, Zürich und Basel auch für andere Gemeinden in der Schweiz attraktiv ist. Wenn andere Städte sich für unsere Software entscheiden, zeigt das doch, dass wir ein gutes Produkt zu einem guten Preis haben. Mit Monopol hat das nichts zu tun, sondern mit Wettbewerb.

Der Kanton Bern will die Fallführungs-Software der Gemeinden vereinheitlichen. Warum schafft die Stadt Bern mit Zürich und Basel, aber nicht mit Berner Städten wie Biel oder Thun ein System an?
Die Städte Bern, Zürich und Basel haben vergleichbare Anforderungen. Kleinere Gemeinden haben zum Teil andere Bedürfnisse. Es ist aber sicher sinnvoll, wenn es eine gewisse Vereinheitlichung der Sozialhilfe-Software im Kanton Bern gibt. Heute sind fünf verschiedene Systeme im Gebrauch. Das ist auch aus Kostengründen nicht optimal. Wir sind offen dafür, unsere Lösung auch anderen Gemeinden zugänglich zu machen, sobald sie in den drei Städten erfolgreich eingeführt ist.

Wäre es nicht gescheiter gewesen, in einem ersten Schritt eine Lösung für die Gemeinden im Kanton Bern zu schaffen?
Das ist eine berechtigte Überlegung. Aber die Städte haben das Problem bereits vor vier Jahren erkannt und vor zwei Jahren eine hoch komplexe Ausschreibung durchgeführt. Der Kanton setzt sich hingegen erst seit kurzem mit dem Thema auseinander und wird ebenfalls eine aufwendige und zeitintensive Ausschreibung durchführen müssen, wenn er ein Produkt beschaffen will.

Die Firma Emineo hatte jüngst eine hohe Fluktuation. Wer haftet, wenn die Firma den Auftrag nicht mehr ausführen kann?
Die drei Städte begleiten den Projektverlauf engmaschig und führen eine strikte Kostenkontrolle. Für jedes Teilmodul gibt es beispielsweise ein Kostendach. Die Städte haben so maximale Gewähr, dass die tatsächlichen Kosten nicht über den offerierten Beträgen liegen. Der Vertrag ist vorteilhaft für die Städte. Sie bezahlen immer nur das, was auch in der vereinbarten Qualität geliefert wird. Die Risiken liegen deshalb eher beim Lieferanten als bei den Bestellern der Software.

Was ist, wenn die Software-Firma Emineo Bankrott macht?
Für diesen Fall ist vorgesehen, dass alle bereits bezahlten Module gesichert und die Codes bei einer unabhängigen Stelle deponiert werden. Die Städte müssten dann einen neuen Lieferanten finden, der die Arbeiten weiterführt.

Sie können also garantieren, dass es bei der Entwicklung einer eigenen Städte-Software keine Mehrkosten gibt?
Ich kann garantieren, dass es kein vertragliches Konstrukt mit einem besseren Schutz für die Städte gibt. Mehr kann niemand garantieren. (Der Bund)

Erstellt: 06.09.2018, 07:23 Uhr

Thomas Alder
Geschäftsführer von Citysoftnet. Der Verein beschafft die neue Software für die Sozialhilfe.

Eigene Software oder Lizenz?

Am 23. September wird in der Stadt Bern über einen Kredit von 18,9 Millionen Franken für eine neue Fallführungssoftware in der Sozialhilfe abgestimmt. 14,9 Millionen Franken betreffen die Entwicklung der neuen Software, der Rest ist für den Betrieb vorgesehen. Mit einem Ja an der Urne kauft die Stadt nicht nur eine Lizenz. Sie entwickelt gemeinsam mit den Städten Zürich und Basel ein eigenes System. Die Städte haben dafür den Verein Citysoftnet gegründet, der in einer Ausschreibung der Firma Emineo den Zuschlag gegeben hat. Die dabei unterlegene Firma Diartis hat sich im «Bund» dagegen gewehrt, dass die Entwicklung einer eigenen Städte-Software im Abstimmungsbüchlein als alternativlos dargestellt worden ist. Diartis könne der Stadt eine Software-Lizenz für bloss sechs Millionen Franken verkaufen, sagte Geschäftsführer Beat Hohermuth. (bob)

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