«Es braucht auch heute einen Zugang zur Bildung für alle»

Auch heute müsse Bildung für alle erschwinglich sein, sagt Bernhard Grämiger vom Verband für Weiterbildung. Deshalb brauche es die Berner Volkshochschule weiterhin.

Kurz vor dem Jübiläum: Die Berner Volkshochschule ist in einer Krise.<p class='credit'>(Bild: Adrian Moser (Archiv))</p>

Kurz vor dem Jübiläum: Die Berner Volkshochschule ist in einer Krise.

(Bild: Adrian Moser (Archiv))

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Nach fast 100 Jahren steht das Bestehen der Berner Volkshochschule auf der Kippe: «Wenn die Mieten nicht sinken, haben wir ein Problem», sagt Präsident Andreas Zysset gegenüber dem «Bund». Ob die Stadt Bern mithilft, dieses Problem zu lösen, ist noch offen.

Dem Angebot an Weiterbildungen ginge ohne die Volkshochschule etwas verloren, sagt Bernhard Grämiger vom Verband für Weiterbildung. Man müsse diskutieren, ob nicht auch der Kanton verstärkt in die kulturelle Erwachsenenbildung investieren sollte.

Herr Grämiger, die Volkshochschule wollte einst der Arbeiterklasse Zugang zu universitärem Wissen verschaffen. Ist das heute noch zeitgemäss?
Die Volkshochschule ist auf jeden Fall noch zeitgemäss, auch wenn man nicht mehr von einer Arbeiterklasse spricht. Die Unterschiede zwischen gut ausgebildeten und tief qualifizierten Personen sind nach wie vor gross. Wie vor hundert Jahren braucht es auch heute einen Zugang zur Bildung für alle.

Braucht es dafür noch subventionierte Anbieter?
Da muss man differenzieren: Bei den Sprachkursen gibt es viele private Anbieter. Da ist es für die Volkshochschulen schwierig, zu bestehen. Bei der Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen ist die Angebotsstruktur jedoch schwach. Was die Vermittlung von Lesen, Schreiben und Alltagsmathematik betrifft, spielen die Volkshochschulen eine wichtige Rolle.

In Bern gibt es weniger Migranten in den subventionierten Sprachkursen. Wie soll die Schule darauf reagieren?
Die Volkshochschulen müssen einerseits bei den Grundkompetenzen und den Sprachen aktiv bleiben. Es gibt einen Nachholbedarf bei vielen Schulabgängern. Sie müssen andererseits aber auch ein qualitativ hochstehendes Angebot im Bereich allgemeine kulturelle Weiterbildung anbieten. Da geht es um politische Bildung, gesellschaftliche Themen, Gesundheit, Kultur und Kreativität.

Braucht es dafür staatlich subventionierte Schulen?
Der private Markt deckt die gesellschaftlich-kulturellen Themen zu wenig ab.

Sie verstehen die Volkshochschule als eine Art Korrekturanstalt für die Volksschule?
Wenn Sie so wollen. 800'000 Erwachsene in der Schweiz können nicht richtig lesen und schreiben. 400'000 Erwachsene können einfache mathematische nicht Aufgaben lösen. Hier hat die Volkshochschule eine Aufgabe, die nicht mehr von der Volksschule geleistet werden kann.

Die Volkshochschule in Zürich ist eine AG. Ist das ein Vorbild für Bern?
In Zürich wurde entschieden, die Schule auf die allgemeine kulturelle Erwachsenenbildung zu spezialisieren. Auf die Vermittlung von Grundkompetenzen wird verzichtet, weil es dafür andere Anbieter gibt. Die Schule erhält auch keine Subventionen mehr. Für Bern wäre es aber opportun, weiterhin öffentliche Gelder für die Vermittlung von Sprach- und Grundkompetenzen in Anspruch zu nehmen.

Wird es die Volkshochschule in zwanzig Jahren noch geben?
Ja, wenn sie sich richtig positioniert. Politisch muss man diskutieren, ob nicht auch der Kanton verstärkt in die kulturelle Erwachsenenbildung investieren sollte.

Die Schule in Bern wird aber auch von der Stadt unterstützt.
Die hunderttausend Franken sind ein kleiner Betrag. Die berufsorientierte Weiterbildung ist ein gut funktionierender Markt. Bei der kulturellen Erwachsenenbildung hingegen gibt es diesen Markt einfach nicht. Wenn die öffentliche Hand das Angebot unterstützt, wird es qualitativ besser. Dies gäbe der Volkshochschule die Freiheit, auch Neues auszuprobieren.

Der Bund

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