«Ermüdungsbruch» war schuld an Entgleisung in Bern

Kurz hintereinander entgleisten auf dem SBB-Netz zwei Züge, einer in Luzern, einer in Bern. Die SBB sieht keinen Zusammenhang, prüft aber Massnahmen.

Die S 44 der BLS entgleiste kurz nach der Ausfahrt aus Bern.

Die S 44 der BLS entgleiste kurz nach der Ausfahrt aus Bern. Bild: Franziska Rothenbühler

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In Luzern springt Ende März ein italienischer Eurocity aus den Gleisen und stürzt den Sackbahnhof in den Ausnahmezustand. Viereinhalb Tage ist der Bahnhof fast komplett vom Schienennetz abgekoppelt. Sechs Leichtverletzte sind zu beklagen, dazu kommt ein Schaden in Millionenhöhe.

Eine Woche später entgleist in Bern eine S 44 der BLS kurz nach der Ausfahrt aus dem Hauptbanhof. Hier verläuft der Unfall glimpflich. Von den 90 Passagieren wird niemand verletzt, und der Schaden kann rasch behoben werden.

Philippe Gauderon, Infrastrukturleiter der SBB nimmt Stellung. Video: SDA

Zwei Entgleisungen von Personenzügen innerhalb einer Woche: Die SBB mussten sich danach kritische Fragen zum allgemeinen Zustand des Bahnnetzes gefallen lassen. Besteht am Ende gar ein Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen? Am Donnerstag informierten die SBB Medienvertreter aus der ganzen Schweiz in einem sogenannten «Hintergrundgespräch» über den Stand der beiden Untersuchungen.

In Bern weise alles auf einen Ermüdungsbruch im Fuss der Weichzungenschiene als Ursache hin, sagte Stephan Sommer, Leiter Fahrweg der SBB. Die Weichzungenschine ist der bewegliche Teil einer Weiche, der bei der Überfahrt der Züge besonders stark belastet wird. Es sei das erste Mal, dass ein solcher Defekt auf dem Netz der SBB zu einer Entgleisung geführt habe, sagte Sommer.

Die Höchstgeschwindkigkeit von 40 Kilometern pro Stunde sei eingehalten worden. Der Schaden an den Gleisen betrage rund eine Million Franken. Obwohl die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) ihren Bericht noch nicht «final abgeschlossen» hat, schliessen die SBB einen Zusammenhang mit der Entgleisung in Luzern aus.

Vier Entgleisungen pro Jahr

Laut den SBB sind Entgleisungen «sehr selten». Demnach kam es zwischen 2006 und 2016 zu insgesamt 38 Entgleisungen, das entspricht rund vier Entgleisungen im Jahr. Manche der rund 13'000 Weichen werden bis zu 380-mal pro Tag überfahren.

Insgesamt fahren die Züge der SBB täglich rund 800 000-mal über eine Weiche. 80 Weichenstörungen verzeichnete die Bahn im vergangenen Jahr. Im Schnitt kommt es also bei jeder zehntausendsten Überfahrt zu einer Weichenstörung. Für die SBB sind die Weichen deshalb «trotz der hohen Belastung sehr zuverlässig».

Alle zwei bis vier Wochen prüfen Mitarbeiter der SBB die Gleisanlagen. Schnellfahrstrecken werden ebenfalls alle vier Wochen mit Sonderfahrzeugen geprüft. Dazu kommen periodische Ultraschallprüfungen. Trotzdem kam es in Bern zur Entgleisung, wohl aufgrund eines Risses am Schienenfuss. Wurde also etwas übersehen? Laut den SBB wurde die Weiche in Bern letztmals am 15. März kontrolliert, also knapp zwei Wochen vor dem Unfall. Die letzte Ultraschallmessung war am 23. August 2016 erfolgt, «ohne Auffälligkeiten».

Für Sommer ist darum klar: «Mit dem heutigen Messregime gab es keine Chance, den Riss festzustellen.» Wie der Riss genau entstand, ist weiterhin Gegenstand der Untersuchung. Die entsprechende Weiche hat Baujahr 1989, ist also schon etwas älter. Die SBB hatte geplant, sie im Jahr 2020 zu ersetzen.

Keine Sofortmassnahmen

Nun prüfen die SBB zusätzliche Massnahmen, um die Früherkennung von Schäden zu verbessern. So erfolgt heute die Ultraschallprüfung, die bei Weichen mindestens einmal jährlich durchgeführt wird, von oben nach unten. Nun werde geprüft, ob sie nicht auch von der Seite erfolgen könne. Untersucht wird auch der Einsatz eines Diagnosefahrzeugs, das neuralgische Stellen noch genauer überwachen könnte.

Diskutiert werde auch die Anbringung von Entgleisungsdetektoren, wie sie an neuen Zügen bereits Standard seien. Die SBB wollten aber «keinen Hüftschuss» wagen, sondern erst Ende Jahr entscheiden, inwiefern die Überwachung angepasst werden müsse.

In Luzern ist die Unfallursache weiterhin unklar. SBB und Sust sprechen von einer «seltenen Verkettung von Elementen», die jedes für sich nicht zu einer Entgleisung führen würden. Die Höchstgeschwindigkeit sei eingehalten worden. Wie auch in Bern sei in Luzern «regelwerkkonform» kontrolliert worden, letztmals zwei Tage vor dem Unfall. Auch bei der Ultraschalluntersuchung sei 2016 nichts Aufälliges bemerkt worden. Die Schadensumme des Luzerner Unfalls beläuft sich auf rund 11 Millionen Franken. (Der Bund)

Erstellt: 08.05.2017, 20:57 Uhr

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