Einfach Mensch sein

Die Reitschule feiert das 30-jährige Bestehen. Ein Augenschein am Fest zeigt, dass sie auch Heimat für viele ist, die 1987 noch nicht geboren waren.

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«Wir gehören hier zu den Alten», sagt der 22-jährige Nico. Tatsächlich ist die Mehrheit der geschätzten 500 Leute, welche sich an diesem Freitagabend auf dem Vorplatz der Reitschule eingefunden haben, um die 20 Jahre alt oder jünger. Sie seien regelmässig hier, erklären Nico und seine drei Kumpane aus Bremgarten. Der Vorplatz sei halt einfach der Treffpunkt schlechthin, hier kenne man sich. Sein Vater sei früher oft in der Reitschule gewesen, sagt der 22-jährige Raphael. Er selber esse gerne im Restaurant Sous Le Pont, besuche Konzerte im Rössli oder im Dachstock oder hänge auf dem Vorplatz herum. Toll sei, dass alles so ungezwungen sei. Ihm gefielen auch die solidarischen Aktionen der Reitschule, etwa, wenn Geld für Flüchtlinge gesammelt werde. «Hier ein Parkhaus zu bauen, wäre einfach scheisse», enerviert sich Nico. «Wo würden wir dann über Mittag Pingpong spielen und am Abend Skateboard fahren?»

Es ist ein bunt durchmischtes Publikum, das an diesem Freitagabend auf dem Vorplatz in kleinen Grüppchen herumsteht und tut, was junge Menschen im Ausgang tun: laut und lustig sein, diskutieren, verstohlen das andere (oder eigene) Geschlecht beäugen, Fusel aus dem Discounter trinken und vielleicht auch einmal an einem Joint ziehen. Viele tragen unauffällige Alltagskleider oder bunt Zusammengewürfeltes, andere stolzieren mit hoch aufgestellten Irokesenkämmen und Nietengürteln durch die Menge.

Für die Jugend ist die Reitschule ein Ort zum Bier trinken und skaten geworden. Ist das Kulturzentrum eigentlich zu Berns grösstem Jugendtreff geworden? Hat Sie an politischer Bedeutung verloren? Diskutieren Sie mit auf unserer neuen Community-Plattform «Stadtgespräch».

Alles locker ohne Dresscode

«Mir gefällt die Vielfalt und dass es keinen Dresscode gibt», sagt Andrea. «Ich fühle mich hier auch ungeschminkt wohl, hier könntest du im Trainer aufkreuzen und es wäre komplett egal», sagt die 20-Jährige. Andrea ist Teil einer fünfköpfigen Gruppe, die aus Linden bei Oberdiessbach angereist ist. Die Reitschule sei aufgrund ihrer zentralen Lage und Nähe zum Bahnhof ideal gelegen, sagt der 22-jährige Dominik: «Me chunnt no hei.» Etwas abseits steht die 19-jährige Jessica aus Thun, die das bunte Treiben kritisch beobachtet. Sie besuche stets den monatlichen Flohmarkt, sagt die junge Frau, heute sei sie zum ersten Mal abends auf dem Vorplatz. «Da ich weder rauche noch trinke, ist das nicht so mein Milieu», sagt sie. «Gesoffen wird doch überall», wendet Andrea ein, «an anderen Orten vielleicht aus Cocktailgläsern, hier halt aus Bierdosen.»

Billigbier und Abfallhaufen

Die Dichte an selber mitgebrachten Aludosen mit Billigbier und preisgünstigen Schaumweinflaschen ist auf dem Vorplatz tatsächlich beachtlich, und so ist denn auch der Abfallberg, der in den frühen Morgenstunden zurückbleiben wird. Auch Lucien und Oli, beide 24-jährig, halten beide eine Bierdose in der Hand. «Genau das macht es doch aus», sagt Lucien. «Du brauchst nicht viel Geld, sondern stellst dich mit deiner Dose einfach dazu und gut.» Ihm gefalle das Chaotische und das «abgefuckte Feeling», das auf dem Vorplatz herrsche. «Für Schweizer Verhältnisse geht es hier richtig schön ungesittet zu und her», sagt der Berner Chemiestudent. Lucien betont allerdings auch, dass der Vorplatz nicht gleich Reitschule sei: «Hier draussen weht ein rauerer Wind als drinnen, ich habe hier zum Beispiel schon saublöde Anmachen miterlebt», sagt er. «Einige Leute wissen wahrscheinlich gar nicht, dass die Reitschule so etwas wie ein Manifest hat, obwohl es ja überall aufgehängt ist.»

Die 19-jährige Emily und die 18-jährige Lea aus der Länggasse gehören nicht zur Gruppe der Unwissenden. Klar kennten sie die Leitsätze des Reitschul-Manifests. Erstens stünden diese doch in grossen Lettern ans Eingangstor gepinselt und zweitens sei es genau das, was die Reitschule für sie ausmache: dass man sich explizit gegen Sexismus, Rassismus, Homophobie und Gewalt ausspreche. Als ehemalige Rudolf-Steiner-Schülerinnen seien sie auch mit den basisdemokratischen Strukturen der Reitschule (siehe Co-Text) vertraut, ein System, das in ihren Augen durchaus sinnvoll sei.

Ausserdem biete ihnen die Reitschule in der kalten Winterzeit warmen Unterschlupf, ohne dass sie etwas konsumieren müssten, sagt Lea. Normalerweise ist ein grosser Teil der Reitschule allen frei zugänglich. Konzerte im Rössli, im Dachstock oder im Frauenraum sowie Theaterstücke im Tojo kosten im Schnitt zwischen 10 bis 20 Franken, Kinogänger und -gängerinnen bestimmen selber, wie viel sie bezahlen wollen.

Für das Jubiläumsfest vom Wochenende wurde eine Tagespreis von 25 Franken festgelegt. Für dieses Geld gab es am Freitag in den unterschiedlichen Räumen sechs Konzerte, eine Performance, eine audio-visuelle Improvisation und DJs bis in die frühen Morgenstunden.

Schon die Eltern verkehrten hier

Sie hätten an der Kasse ihr letztes Geld zusammengekratzt, weil sie aus Sympathie für die Reitschule den Solidaritätspreis hätten bezahlen wollen – 30 statt 25 Franken –, erklären der 19-jährige Timon und der 21-jährige Felix. Die beiden stehen vor der Bühne im Frauenraum, der an diesem Abend allen offensteht, und hören einer fünfköpfigen Band namens Empress Piru zu, die rumpligen Elektro-Punk fabriziert.

Wann immer es Felix’ Einsatzplan erlaubt – er arbeitet als Pfleger – reisen die beiden aus Biel an, um hier Konzerte zu besuchen, im Schnitt zweimal pro Monat. Die Atmosphäre sei toll, alles sei sehr unkompliziert und authentisch und ausserdem seien richtig gute Bands zu sehen, findet Felix. Seine Mama sei in den 1980er-Jahren dabei gewesen (Co-Text) und habe ihm von den Geschehnissen erzählt. Die Details habe er vergessen: «Irgendetwas mit besetzen oder so.»

Gemäss Eigendefinition ist der Frauenraum der Reitschule ein antisexistischer und antihomophober Schutzraum, in welchem sich Menschen jeglicher sexuellen Ausrichtung wohl und respektiert fühlen sollen. Für sie sei dieser Ort von enormer Wichtigkeit, sagt die 21-jährige Anna. Sie komme aus einem «stockkatholischen Kaff», wo ihre sexuelle Orientierung immer wieder zum Thema gemacht worden sei. «Hier kann ich einfach ich sein und mich mit Gleichgesinnten treffen und austauschen.»

Jeder nach seiner Façon

Ins gleiche Horn stossen Tamara und Joelle (beide 22-jährig) aus Burgdorf, die sich mit rund 600 anderen im Dachstock beim Konzert von Stiller Has vergnügen. «Die Reitschule ist ein Ort, wo Menschen einfach Menschen sein können, egal wer du bist, wie du aussiehst und von wo du kommst», sagt Tamara. Ausserdem bekomme man für wenig Geld ein grosses kulturelles Angebot geboten, ergänzt Joelle. «Viele andere Orte sind doch nur auf Schein und Konsum ausgerichtet. Hier ist die Stimmung immer sehr ungezwungen, herzlich und familiär. Die Reitschule ist wie ein Zuhause für mich.» Auch zu früher Morgenstunde tummeln sich auf dem Vorplatz, dem wohl grössten Open-Air-Jugendtreff im Kanton, immer noch mehrere Hundert sehr junge Menschen.

Man ist aufgekratzt und tanzt euphorisch zu Technoklängen, welche aus selber aufgebauten Boxen scheppern. Das Wellnessteam – so nennt sich der hausinterne Sicherheitsdienst der Reitschule selbstironisch – behält die Szenerie unauffällig im Auge. «Schreiben Sie doch bitte, dass die Reitschule und 99 Prozent der Leute, welche hier auf dem Vorplatz sind, nichts mit den Deppen zu tun haben, die Steine werfen. Das muss auch einmal jemand schreiben», erklärt ein nicht mehr ganz standfester jugendlicher Zeitgenosse der Chronistin, bevor er ihr eine Dose Bier offeriert und fröhlich von dannen tanzt. (Der Bund)

Erstellt: 30.10.2017, 06:44 Uhr

Aufmüpfige Reitschule erkämpfte sich ihre Existenz

Nach Massenprotesten für mehr Freiraum besetzten 1987 junge Aktivisten die Räumlichkeiten der ehemaligen Reitschule und forderten uneingeschränkte Selbstverwaltung. In den folgenden Jahren führte die Interessensgemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur), der juristischer Dachverband der Reitschule, Verhandlungen mit der Stadt, die aber nicht recht fruchten wollten. Illegale Bars auf dem Vorplatz wurden von der Polizei mehrmals geräumt, 1996 füllte das Strasseninspektorat das heutige Rössli mit 1000 Kubikmeter Beton auf, der fünf Jahre später wieder weggespitzt wurde.


Ab 1993 schloss die Ikur Nutzungsverträge mit der Stadt Bern ab, seit 2004 werden Leistungsverträge, die jeweils vier Jahre lang gültig sind und vom Stadtrat genehmigt werden müssen, geschlossen. Die Stadt übernimmt Miet- und ein Drittel der Nebenkosten (jährlich rund 320'000 beziehungsweise 60'000 Franken), wobei das Geld direkt an Dritte fliesst. Insgesamt arbeiten rund 500 Menschen in verschiedenen Reitschul-Kollektiven mit: Konzertlokale, Restaurant, Bar, Theater, Kino, Infoladen, Druckerei, Schreinerei oder Sportraum. Die meisten tun dies ehrenamtlich, einige beziehen Lohn inklusive Sozialleistungen.

Die Kollektivs subventionieren sich quer: Kollektive mit mehr Einnahmen finanzieren die umsatzschwächeren mit. Die Reitschule ist basisdemokratisch organisiert, wichtige Entscheide müssen an einer Vollversammlung (VV) einstimmig getroffen werden.

Seit 30 Jahren wird die Reitschule von ihren Gegnern als «Schandfleck von Bern» bezeichnet, ein Schandfleck, der allerdings breite Unterstützung in der Bevölkerung geniesst: Insgesamt fünf Mal hat sich die Stadtberner Bevölkerung für den Verbleib des Kulturzentrums in der jetzigen Form ausgesprochen, zuletzt 2010 mit 68,4 Prozent. Im März 2017 erklärte der grosse Rat eine kantonale Reitschul-Initiative der Jungen SVP für ungültig, diese hat beim Bundesgericht Beschwerde gegen den Entscheid eingereicht. (gif)

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