Eine Region hofft auf Rettung

Nach Jahren ohne Sanierung wird es eng: Die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg befinden sich in der Nachlassstundung. Die ganze Region hofft auf Rettung.

Die Mägisalp ist eine der beschaulichen, urtümlichen Alpen im Bergbahngebiet Meiringen-Hasliberg.

Die Mägisalp ist eine der beschaulichen, urtümlichen Alpen im Bergbahngebiet Meiringen-Hasliberg. Bild: Valérie Chételat

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In Meiringen ist an diesem Vormittag nicht viel los, und die Wolken hängen tief. Es ist kein guter Sommer für die Region Hasliberg, nicht nur wegen des schlechten Wetters und des schwachen Euros. Die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg befinden sich in der Nachlassstundung. Dank diesem geschützten Rahmen konnte das Unternehmen den Sommerbetrieb überhaupt aufnehmen. Auch im nächsten Winter sollen die Bahnen laufen, sagen die Verantwortlichen, die nun auf Investorensuche sind.

Ja, natürlich beschäftige ihn das Thema, sagt Nils Glatthard, Geschäftsführer Haslital Tourismus. «Die ganze Bevölkerung ist davon betroffen», sagt er, in dem Sinn sei die wirtschaftliche Notlage der Bergbahnen Dorfgespräch. Die Bergbahnen seien fast aus einer Volksbewegung heraus entstanden und die Identifikation mit dem Unternehmen gross. Bergbahnen gelten als Rückgrat der touristischen Infrastruktur in der jeweiligen Region. Die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg zählen sich zudem selber zu den grössten Arbeitgebern der Region.

Fusion mit Millionenschulden

Die Geschichte der Bergbahnen erzählt Direktor Hans Beeri im Personalraum der Bergbahnstation Reuti, wo zuvor ein Mitarbeiter gerade beim Mittagessen sass. 1960 wurden die Sportbahnen Hasliberg-Käserstatt gegründet und die erste Gondelbahn in Betrieb genommen. «1973 wurden dann die Bahnen von Meiringen bis Planplatten gebaut», sagt er. Nur im Abstand von drei Kilometern wurde parallel zur bestehenden Bahn am gleichen Berg eine zweite Bergbahn gebaut. Die Bahnen standen in steter Konkurrenz, weshalb regelmässig investiert wurde. «Die Bergbahninfrastruktur befindet sich zum grossen Teil auf hohem Standard», sagt Glatthard.

Seit 2003 gab es laut Beeri eine intensive Zusammenarbeit zwischen den beiden Unternehmen, und 2007 kam schliesslich die Fusion. Beide Bergbahnunternehmen hatten Schulden, zusammen waren es 36 Millionen Franken. Saniert habe man das neue Unternehmen damals nicht, auch aus Rücksicht auf die Region, welche die Bergbahnen als Aktionäre und Gläubiger tragen. Aus zwei kranken Unternehmen gebe es eben kein gesundes, hört man etwa. Die Banken hätten aber Auflagen gemacht und diese habe man erfüllt und in drei Jahren 9 Millionen Franken Schulden abgebaut, sagt Beeri.

Auch eine betriebliche Sanierung fand nicht statt, obwohl dies offenbar zum Teil gefordert wurde. In einer der jüngeren Medienmitteilungen steht, dass die Kosten nachhaltig gesenkt werden müssten, dies betreffe die Personalkosten, den Betriebs- und Sachaufwand, die Nutzungsentschädigungen und die Aktionärsvergünstigungen.

Volk lehnte Ausbau ab

Der vergangene warme Winter trieb die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg in die «wirtschaftliche Not». Eine Million Franken Einnahmen hätten gefehlt, sagt Beeri. Eine weitere Million Franken kostete der Austritt aus der Pensionskasse Ascoop. «Wir berechneten, dass es für die Liquidität in der zweiten Jahreshälfte eng wird und es für den Schuldenabbau nicht mehr reicht», sagt Beeri.

Dass es um die Finanzen der Bergbahnen nicht gutstehe, sei schon lange bekannt gewesen, sagt Glatthard. So hätten die letzten geplanten Investitionen – der Ausbau der künstlichen Beschneiung und die Erneuerung der Sesselbahn Bidmi-Käserstatt – nicht mehr aus eigener Kraft getätigt werden können. Dafür hätte die Hasli Schnee AG gegründet werden sollen. Die Gemeinde Meiringen verhinderte dieses Vorhaben mit einem Nein an der Urne zu neuem Aktienkapital und einer Bürgschaft. Das sei nicht als Votum gegen die Beschneiung zu verstehen, das Meiringer Stimmvolk habe das Finanzierungsmodell nicht verstanden oder dieses nicht gewollt, sagt Glatthard. Einen Schuss vor den Bug für den Verwaltungsrat sei es gewesen, sagt Jörg Gehri, Betreiber der Bergrestaurants Bidmi, Mägisalp und Alpen-Tower.

Nicht nur schwand das Vertrauen gegenüber dem Unternehmen und wuchs die Kritik, auch innerhalb rumorte es, offenbar schon länger. Es traten Verwaltungsräte zurück, zuletzt der Verwaltungsratspräsident und CEO der Treuhandgesellschaft BDP Visura. Auch gegen Direktor Beeri gab es Opposition. Vor der Fusion der beiden Bergbahnen hätten die damaligen Verwaltungsratspräsidenten die Unternehmen geführt. Beeri, der damals Direktor bei den Meiringen-Hasliberg-Bahnen war, sei «an der kurzen Leine gehalten worden», sagt Gehri. Nach der Fusion habe der Verwaltungsrat aber nur noch strategisch geführt und das operative Geschäft Beeri überlassen. Den Rückhalt des Verwaltungsrats habe er immer gehabt, sagt dieser. «Ich musste aber oft auf die Kostenbremse treten, das hat gewisse Kreise enttäuscht und mir Kritik eingebracht», sagt Beeri.

«Möglichst schnell eine Lösung»

Enttäuschen musste er auch jetzt wieder: Drei Mitarbeiter musste er entlassen, bei 15 weiteren die Stellenprozente reduzieren. «Wir mussten die Personalkosten senken, um die Nachlassdividende finanzieren zu können», sagt Beeri. Wegen des schlechten Wetters sei man per Ende Juli leicht unter dem Budget. Über den Verlauf der Investorensuche ist nichts zu erfahren. «Ich bin grundsätzlich offen für eine Lösung von innen oder aussen. Wenn Investoren von aussen kommen, ist das auch ein Zeichen für die Attraktivität», sagt Glatthard. Gehri denkt eher an Investoren wie den Jungfraubahnen oder die Kraftwerke Oberhasli. Komme ein Investor wie ein Sawiris, müsste sich «das ganze Tal kehren».

«Es muss möglichst schnell eine klare Lösung geben», sagt Gehri in der Gaststube im Bergrestaurant Mägisalp. Ein paar Familien, die den Erlebnisweg Muggenstutz trotz schlechtem Wetter unter die Füsse genommen haben, sind hier eingekehrt. Drei ältere Frauen spielen Karten. «Wir leiden unter der Situation», sagt er. Vor einem Jahr seien die Pachtverträge mit den Bergbahnen Meiringen-Hasliberg nur für zwei Jahre abgeschlossen worden anstatt wie üblich für fünf Jahre mit Option für fünf weitere Jahre.

Er habe das Vertrauen verloren und könne nicht mehr längerfristig planen. «Die Kommunikation ist schlecht, ich erfahre alles aus der Zeitung», sagt er. So etwa, dass die Sommersaison zwei Wochen später starte als üblich. Das bereits angestellte Personal habe auf den Lohn verzichten müssen, und wegen des eingeschränkten Bahnbetriebs könnten die Mitarbeitenden nun nicht voll arbeiten. Der Betrieb beginnt am Morgen eine Stunde später, bei schlechtem Wetter seien die Bahnen nach Käserstatt oder Alpen-Tower abwechslungsweise zu. Drei Mitarbeitenden hat Gehri gekündigt.

Trotzdem ist Gehri noch am Hasliberg. «Der Berg hat Potenzial», sagt er. Und er hat Visionen: Investitionen in die Beschneiung seien unerlässlich, aber auch im Sommer könnten sich die Bergbahnen mit bestehenden Produkten besser profilieren. Und mit der Nähe zur Innerschweiz müsste man sich mehr auseinandersetzen. Das Projekt «Schneeparadies Hasliberg-Frutt-Titlis» müsste man realisieren, sagt er, zumindest die Anbindung ans Skigebiet Melchsee-Frutt. (Der Bund)

Erstellt: 02.08.2011, 08:59 Uhr

Bergbahnen in Zahlen

Zur Infrastruktur der Bergbahnen Meiringen-Hasliberg gehören 14 Bahnanlagen im Winter (5 im Sommer), 4 Bergrestaurants, 60 Kilometer Pisten und 1500 Parkplätze. Typische Produkte sind die Familienerlebniswege Muggenstutz, die Trottinettvermietung oder das Frühstücksbuffet im Panoramarestaurant Alpen-Tower. Besucht werden die Angebote und Aktivitäten von 420'000 Wintergästen und 180'000 Sommergästen. Das Unternehmen beschäftigt 137 Personen und erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von rund 20 Millionen Franken.

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