Eine Frage des Überlebens

Im Sommer will jeder Gast draussen sitzen. Wegen strenger Regeln müssen jedoch viele Beizen in der Altstadt auf genügend Aussenbestuhlung – und auf Umsatz – verzichten.

Vor dem Restaurant Chun Hee an der Münstergass stehen mehr Tische, als eigentlich erlaubt wären.

Vor dem Restaurant Chun Hee an der Münstergass stehen mehr Tische, als eigentlich erlaubt wären. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Berner Münstergasse herrscht reger Betrieb. Die Aussensitzplätze der Beizen und Restaurants sind mit Gästen besetzt. Vor allem abends und am Wochenende kann es schwierig werden, einen freien Platz zu finden. Eigentlich die besten Voraussetzungen. Doch fragt man in den Betrieben nach, hört sich das ganz anders an. «Die Aussenbestuhlung reicht uns nicht, wir haben zu wenig Platz», sagt Anna Elleberger vom Metzgerstübli, «denn wenn es heiss ist, wollen die Gäste nicht drinnen sitzen.» Im Winter mache das Metzgerstübli teilweise den dreifachen Umsatz pro Tag. Darum habe man letzte Saison das Grottino by Metzgerstübli beim Bocciaclub am Dalmaziquai eröffnet. «Ohne dieses wäre es mittlerweile sehr schwierig, in der Altstadt zu überleben» sagt Elleberger.

Auch Daniel Schmidt vom Restaurant Frohsinn wünscht sich mehr Freiraum: «Schön wäre es, wenn man mit gutem Gewissen improvisieren und auch mal die vorgegebenen Grenzen bei der Terrasse überschreiten dürfte.» Das käme schlussendlich den Kunden zugute, da bei einer vollen Terrasse viele weitere Passanten den Wunsch hätten, in den schönen Gassen der Altstadt einen Tisch zu bekommen.

Die Besitzer des koreanischen Restaurants Chun Hee, Eve Angst und Martin Mühlethaler, stellen mehr Tische draussen auf, als sie eigentlich dürften. Deswegen kam es auch schon zu Bussen und Verwarnungen seitens der Gewerbepolizei, da diese Beschwerden erhielt. Beim Chun Hee ist man erstaunt, dass eine missmutige Altstadtbewohnerin die Gewerbepolizei dazu bewegen kann, mit Entzug der Betriebsbewilligung zu drohen. Mühlethaler findet, dass die Stadt handeln sollte: «Wenn uns die Behörden nicht helfen, hören wir auf.»

Der Kanton entscheidet

Dass sich gerade diese drei Betriebe beklagen, ist kein Zufall. Denn die Bewilligung wird auf die Breite des Hauses abgestimmt. Je schmaler das Gebäude, umso kleiner fällt auch der Aussenplatz aus. Will also ein Restaurant seine Aussensitzfläche vergrössern, bedarf es eines zweiten Baugesuchs. Die Bewilligung eines Baugesuchs obliegt dem Regierungsstatthalteramt: Sie wird also vom Kanton und nicht von der Stadt geregelt. «In der unteren Altstadt wird Wohnen in der Bauordnung und im Zonenplan priorisiert», sagt Regierungsstatthalter Christoph Lerch. Dies erschwert eine Bewilligung, da Anwohner und Anwohnerinnen Einsprache erheben können. Grundsätzlich kann jeder Betrieb ein Baugesuch bei der Stadt einreichen, die Entscheidungsgewalt liegt aber beim Kanton. In der oberen Altstadt können im Rahmen des Nachtlebenkonzepts der Stadt Bern einzelfallbezogen Bewilligungen für eine verlängerte Aussenbestuhlung erteilt werden. Dort ist definiert, wo das Nachtleben stattfinden soll. «Beispielsweise ist eine Aussenbestuhlung in den oberen Gassen bis Mitternacht möglich, während in der unteren Altstadt um zehn Uhr abends eingestuhlt werden muss», sagt Lerch.

In der unteren Altstadt sei eine solche Regelung nicht möglich, da dies gegen den Zonenplan der Stadt Bern verstosse. 2006 stimmte das Berner Stimmvolk für die strengere und wohnfreundlichere Variante. In der Bauordnung wird deshalb zwischen der oberen Altstadt und dem Gewerbegebiet Matte einerseits und der unteren Altstadt und dem Wohngebiet Matte andererseits unterschieden. «Im Zusammenhang mit den Aussensitzplätzen stellen sich vor allem in der unteren Altstadt immer wieder Fragen bezüglich des Lärms, ob eine Aussenbestuhlung die Anlieferungen einschränken würde und ob auch genügend Platz für eine solche vorhanden ist», sagt Stadtbauinspektor Martin Baumann.

Machtlose Stadt

Die Abstimmung ist fast zwölf Jahre her. Viele würden eine Lockerung der Regelungen begrüssen. «Auch die Stadt Bern wünscht sich mehr Entscheidungsgewalt», sagt Norbert Esseiva, Leiter Orts- und Gewerbepolizei. Der Stadt seien aber die Hände gebunden.

In der Kulturstrategie der Stadt Bern 2017 bis 2020 wird festgehalten, die Stadt setze sich dafür ein, dass die Gemeinden die Bewilligungskompetenz im Bereich Gastgewerbe erhalten würden und das kantonale Gastgewerbegesetz entsprechend revidiert werde. Die Situation dürfte sich aber kaum ändern, eine Revision scheint eher fraglich. Die Regierungsstatthalter zum Beispiel sind vehement gegen eine Kommunalisierung des Gastgewerbewesens. Bleibt das Gesetz, wie es ist, kann die Stadt Bern den Betrieben nicht entgegenkommen.

Führt dies womöglich dazu, dass mehr und mehr Restaurants schliessen oder sich illegal Platz verschaffen? «Mit den zwölf bis fünfzehn Aussenplätzen, auf die wir beschränkt werden sollen, müssen wir unseren Betrieb im Sommer schliessen – mit oder ohne Baubewilligung», sagt Martin Mühlethaler. Er stelle so viele Tische auf, wie für die anwesenden Gäste nötig seien.

Soll Bern zum Hotspot für Dinieren «al fresco» werden? Finden Sie mehr Aussensitzplätze vor den Restaurants in Bern wünschenswert, oder gibt es Ihrer Meinung nach genug oder gar zu viele Tische und Stühle? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch». (Der Bund)

Erstellt: 04.08.2018, 08:06 Uhr

Artikel zum Thema

Unzufriedene Gastwirte wegen Terrassen-Regime

Es ist der Regierungsstatthalter, der über Aussenstühle und Überzeiten entscheidet. Das ärgert Gastronomen und Behörden in Bern und Thun. Vergebens haben sie versucht, die Praxis ändern. Mehr...

Wo die Musik nicht mehr spielt

Wegen Lärmbeschwerden muss die Brasserie Lorraine die «Sommerkonzerte» ins Innere verlegen. Selbst die Stadtbehörden hadern mit ihrem Ruf als Kulturverhinderer. Mehr...

Um sieben Uhr abends war schon Schluss

Am Donnerstag wurde ein Konzert am Parkonia-Festival im Berner Kocherpark bereits am frühen Abend von der Gewerbepolizei gestoppt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Blogs

Michèle & Friends Drogen konsumieren für Fortgeschrittene

Sweet Home Kleine Feste auf die Schnelle

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...